Vincent (30) fühlt sich keinem Geschlecht eindeutig zugehörig. Dass viele Leute ihn als Mann wahrnehmen, ist seine bewusste Entscheidung - sie macht seinen Alltag leichter.

Dortmund

, 07.12.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Vincent Beringhoff Anfang 20 war, war Schluss. Er wusste, etwas muss sich ändern. Bis dahin hatte er versucht, eine Frau zu sein. Eine Identität, mit der er sich nie wirklich wohlgefühlt hatte, doch von der er dachte, sich mit ihr arrangieren zu müssen.

„Ich habe vieles versucht“, berichtet der heute 30-jährige. „Ich dachte, ich könnte ja auch eine etwas maskulinere Frau verkörpern.“ Eine zeitlang versuchte er auch, sich den weiblichen Stereotypen anzupassen - er trug lange blonde Haare, schminkte sich. Später versuchte er es mit der Identität „genderqueer“, er wollte gar keinem Geschlecht mehr angehören. Doch nichts fühlte sich richtig an.

Erst mit der Entscheidung, sich in der Öffentlichkeit als Mann zu präsentieren - den Namen zu ändern, männliche Pronomen anzunehmen, den eigenen Körper zu verändern, änderte sich das.

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Vincent: „Meine Wahrheit ist komplexer.“

Der Mann, den viele Menschen bei der ersten Begegnung in ihm sehen, funktioniert für ihn wie eine Zusammenfassung, eine Abkürzung seiner eigentlichen Identität. „Ich werde jetzt zwar als Mann gesehen - aber meine Wahrheit ist komplexer“, sagt er.

Vincent identifiziert sich sowohl als Trans*Mann als auch als nicht-binär, also als weder eindeutig männlich noch weiblich. „Auf dem Spektrum verorte ich mich aber eher auf der männlichen Seite.“

TRANS* - WAS BEDEUTET DAS STERNCHEN?

Das Sternchen hinter trans dient als Platzhalter für verschiedene Formen der transgeschlechtlichen Identität: Transgender, Transsexuell, Transident et cetera. Es ist ein Versuch, die komplexen und vielfältigen Identitäten von Trans*Menschen zusammenzufassen.

Auf der Straße, im Supermarkt, bei der Arbeit als Mann wahrgenommen zu werden, ist für ihn einfacher, als ständig Irritationen auszulösen. Und die löst jede Person aus, die sich nicht der gesellschaftlichen Geschlechternorm, in der jeder Mensch eindeutig Mann oder Frau sein muss, anpasst.

Jeder Mensch teilt andere in Kategorien ein

Nova Gockeln ist Psycholog*in und arbeitet in der Beratungsstelle des Sunrise, einer Jugendbildungs- und Beratungseinrichtung von Slado, dem Dachverband der Schwulen-, Lesben-, Bisexuellen- und Transidentenvereine und -initiativen.

„Die kognitiven Ressourcen der Menschen sind begrenzt“, erklärt Nova. „Deswegen müssen sie Menschen in Kategorien einordnen.“ Wenn jemand einen Raum mit 50 Personen betrete, würde es den Umgang einfacher machen, die Menschen nach Geschlecht einzuteilen. Und wenn diese Einteilung nicht gelingt, komme es zu den Irritationen, von denen Vincent berichtet.

Mittlerweile, so Nova, sei es aber gar nicht mehr zweckmäßig, Personen nach Geschlecht einzuordnen - dafür sei das Thema trans* einfach zu relevant. „Wenn es im eigenen Umfeld nicht-binäre Personen gibt, funktioniert für einen selbst die Welt psychologisch besser, wenn man sich auf diese Personen einstellt.“

„Meine Wahrheit ist komplexer“

Vincent (links) mit Nova Gockeln von Sunrise, einer Jugendbildungseinrichtung in Dortmund. © Marie Ahlers

Geschlecht ist komplexer als „Mann“ und „Frau“

Dass viele Menschen dennoch ablehnend oder gar aggressiv auf Trans*Personen reagieren, liege daran, dass Trans*Personen das strenge Geschlechtersystem von Mann und Frau, in dem fließende Identitäten keinen Platz haben, angreifen. „Viele Menschen fühlen sich persönlich davon angegriffen“, sagt Nova. „Sie wollen ihr eigenes Geschlechterbild aber nicht hinterfragen müssen.“

Für Vincent wurden diese Irritationen, die auch zu Anfeindungen und Aggressionen werden können, in seiner genderqueeren Zeit eine große Belastung. „Es war unglaublich anstrengend, sich immer erklären zu müssen“, erinnert sich Vincent.

Für ihn ist es auch ein Schutz, als Mann aufzutreten. Menschen, die sich äußerlich keinem Stereotyp von Männlich- oder Weiblichkeit anpassen, sind oft Anfeidungen oder sogar Übergriffen ausgesetzt. 2018 gab es laut Tagesspiegel 313 trans- und homofeindliche Gewalttaten in Deutschland. Experten gehen von einer wesentlich höheren Dunkelziffer aus. Weltweit wurden im letzten Jahr 331 Trans*Menschen ermordet.

Aufdringliche Fragen sind keine Seltenheit

Damals, Anfang 20, begann Vincent eine Hormontherapie. Es gibt auch eine ganze Reihe von Operationen, die Trans*Personen machen können. Nicht alle entscheiden sich jedoch für chirurgische Eingriffe - und nicht alle, die sich dafür entscheiden, lassen dieselben Eingriffe vornehmen.

Im Gespräch mit der Redaktion möchte Vincent nicht erzählen, welchen Weg er gegangen ist. Nicht, dass es Leute nicht brennend interessieren würde. „Wann hattest du denn die OP?“, fragen ihn häufig Leute, wenn sie erfahren, dass er trans* ist. „Da verhalte ich mich in der Regel nicht zu“, erzählt er. Dass mehr oder weniger fremde Leute einen mit intimen Fragen löchern, sei für Trans*Menschen keine Seltenheit.

„Die Leute schauen mich an und vermuten, wie meine Genitalien aussehen könnten“, berichtet er. „Ich frage dich das doch auch nicht“, entgegnet er auf solche Fragen und Vermutungen.

Trans*Personen gehen viele verschiedene Wege

Hinter diesen direkten Fragen steckt die Annahme, dass eine Geschlechtsangleichung mit einem einzelnen Eingriff getan ist - dieser Eingriff aber zwingend notwendig ist, um trans* zu sein. „Dieses stereotype Bild vermittelt, dass es nur einen Weg gibt, um trans* zu sein“, sagt Nova. „Aber die Wege der Personen können ganz verschieden sein.“

„Nur weil man eine Trans*Person kennt, kennt man nicht alle“, ergänzt Vincent. Die Entscheidung für medizinische Maßnahmen, Namensänderungen, neue Pronomen oder einen anderen Kleidungsstil könne bei jedem Menschen eine andere sein.

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