Mehr Selbstscanner-Kassen: Die freundliche Kassiererin ist in Dortmund auf dem Rückzug

dzEinkaufen

Kassen ohne Kassierer, Einkaufen ohne Schlangestehen: Selbstscanner-Kassen sind in Dortmunder Geschäften häufiger zu sehen. Doch der Trend zur Bequemlichkeit birgt eine Gefahr.

Dortmund

, 13.06.2019, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Möbelhaus Ikea kann der Kunde schon lange selbst kassieren, in mehreren Lebensmittelmärkten gibt es Expresskassen, auch andere Händler wie Baumärkte setzen darauf, dass sich der Kunde selbst abkassiert. Das Einkaufen verändert sich, weil die Selbstscanner-Technik mittlerweile massentauglich produzierbar ist.

Im Netto-Markt an der alten Benninghofer Straße in Hörde sitzen noch Kassiererinnen vor dem schwarzen Rollband und der mechanischen Geldschublade. Doch seit einigen Monaten können Kunden zusätzlich eine Expresskasse nutzen und dort selbstständig Produkte scannen und bezahlen.

Nie wieder Schlangen bis in die Tiefkühlabteilung, nie wieder die Durchsage „Frau Soundso, bitte zur Kasse?“, nie wieder auf die Omi warten, die gemächlich ihr Kleingeld sortiert? So könnte es kommen. Das Unternehmen argumentiert mit den Wünschen der Kunden.

Lebensmittel-Discounter möchte „Wartezeiten umgehen“

„Wir möchte den Kunden einen Service auf Basis neuester Technologien anbieten, mit denen Kunden längere Wartezeiten an den Kassen umgehen können“, sagt Unternehmenssprecherin Stefanie Adler. In 25 Städten gibt es diese Technik mittlerweile in Netto-Märkten, weitere sind geplant.

Der Drogeriemarkt Rossmann am Westenhellweg hat vor Kurzem ein ähnliches System installiert. Hier ist der Eindruck von außen allerdings dieser: Die Kassen werden noch nicht richtig wahrgenommen. Wer sie benutzen will, muss sich zu Stoßzeiten jedenfalls an der langen Schlange für die klassischen Kassen vorbeidrängen. Manche Kunden nutzen die Selbstscanner-Kasse als Ablage.

Bei Ikea gibt es schon lange Erfahrungen mit Kunden, die sich selbst abkassieren

Doch die Welt des Handels ist in Bewegung. Frank Schlicht, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Ikea in Dortmund sagt: „Die Kunden werden ungeduldiger.“ Im Möbelhaus im Indupark gehören Selbstbedienungskassen schon seit fast zehn Jahren zum Alltag. Es gibt vier Terminals zum Selbstscannen. Rund 2000 Kunden nutzen das derzeit täglich.

Der schwedische Konzern ist gedanklich aber bereits einen Schritt weiter. In Frankfurt testet Ikea gerade die erste Filiale, in der Käufe ausschließlich über eine App abgewickelt werden. Frank Schlicht und seine Betriebsratskollegen gehen davon aus, dass dieses Modell mittelfristig auch auf andere Filialen ausgeweitet werden könnte. Für das Personal hätte das Folgen.

Berater an den Selbstscanner-Kassen werden schlechter bezahlt als Kassierer

Werden Mitarbeiter als Berater („Attendants“) an den Selbstscanner-Kassen eingesetzt, gilt das als eine weniger verantwortungsvolle und qualifizierte Arbeit als die von gelernten Kassiererinnen und Kassierern. Diese Arbeit wird schlechter bezahlt. Laut Frank Schlicht könne das einen Unterschied zwischen einem Stundenlohn von 20 Euro (aktueller Tariflohn) und 12 Euro ausmachen.

Ziel des Betriebsrats sei es dafür zu sorgen, dass es keine Abqualifizierungen geben wird und Arbeitsplätze erhalten bleiben. „Wir haben schon etwas Angst vor dem, was passiert“, sagt eine Frau aus dem 40-köpfigen Ikea-Kassenteam.

Als um das Jahr 2010 herum die Technik erstmals aufkam, wurden ähnliche Bedenken geäußert. Einen großen Personaleinschnitt hat es seitdem nicht gegeben. Allerdings haben sich in vielen Betrieben Arbeitsaufteilung und Zuschnitt des Kassen-Jobs verschoben. Bisher sehen Unternehmen die neue Technik noch als Ergänzung. „Aber die freundliche Kassiererin ist auf dem Rückzug“, sagt Frank Schlicht.

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