Schlecht ausgestattet, technisch veraltet und dazu noch teuer - der öffentliche Nahverkehr in Dortmund und im gesamten Ruhrgebiet braucht dringend neuen Anschub - und das möglichst schnell.

Dortmund

, 28.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Für die Organisatoren eines sehr erfolgreichen Kirchentags war es enttäuschend: Nur 37.000 Besucher kamen am Sonntag zu den Schlussgottesdiensten im Signal Iduna Park und Westfalenpark. Für die Stadtwerke DSW21 war es eher ein Glücksfall. Das schon im Vorfeld befürchtete Chaos vor allem bei der Rückreise mit der Stadtbahn hielt sich in Grenzen.

Möglicherweise hatten übrigens gerade die Warnungen vor diesem Chaos im Vorfeld manche Kirchentags-Teilnehmer davon abgehalten, am Schlussgottesdienst teilzunehmen. Denn sie hatten schon in den Tagen vorher leidvolle Erfahrungen mit übervollen U-Bahnen und Wartezeiten an den Stationen gemacht.

Allzu oft ließ man bei DSW21 die nötige Flexibilität vermissen. Das jüngste Beispiel: Am Freibad in Deusen setzte man erst auf Druck der Polizei einen zusätzlichen Bus ein, um der Massen Herr zu werden. Dabei ist nichts selbstverständlicher als viele Freibad-Besucher im Hochsommer.

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Und zum Schlussgottesdienst des Kirchentags ließ man die U42 stur im sonntäglichen 15-Minuten-Takt fahren. Mit den größten Wageneinheiten bediente man das Stadion, obwohl die meisten Kirchentagsbesucher an der Station Westfalenhallen (an)standen. Dort fuhren dann, wie oft während des Kirchentags, nur einzelne Wagen, die schnell voll waren.

Hier offenbart sich das größte Dilemma: DSW21 hat schlicht nicht genug Bahnen. Nur 74 Wagen für die Nord-Süd-Verbindungen stehen im Depot. Der Fuhrpark der Stadtwerke ist seit Jahren auf Kante genäht – und zum Teil hoffnungslos veraltet. Die Nord-Süd-Fahrzeuge haben mehr als 30 Jahre, teils mehr als 40 Jahre auf dem Buckel.

Entsprechend häufen sich technische Probleme und Ausfälle. Die Hitze in der vergangenen Woche ließ an einem Tag gleich 19 Bahnen schlappmachen – mehr als ein Viertel der gesamten Flotte. Nicht auszudenken, wenn das beim Kirchentag passiert wäre.

Auch für einen deutlichen Anstieg der Fahrgastzahlen wäre man nicht gerüstet, wie man bei DSW einräumen muss. Dabei sind Fahrten mit Bus und Bahnen fast nirgendwo so teuer wie im Ruhrgebiet. Das heißt nichts anderes als: Wir sind froh über weniger Kunden! Bei anderen Unternehmen klänge das völlig absurd. Man stelle sich den Flughafen-Chef vor, der zufrieden wäre mit weniger Starts, weil damit weniger Stress in der Abflughalle entstünde. Der Mann müsste wahrscheinlich sofort seinen Hut nehmen. Aber im Nahverkehr? Da kann man das sagen - und machen.

Schon im Alltagsbetrieb wird die knappe und veraltete Bahnflotte bei DSW mehr und mehr zum Problem. „Mit unserem Stadtbahn-Fuhrpark sind wir an jedem Morgen und Abend im Berufsverkehr an der Grenze des Machbaren“, sagte DSW-Verkehrsvorstand Hubert Jung. Das Zitat stammt aus dem Jahr 2013. Seitdem plant das Unternehmen schon, in neue Bahnen zu investieren.

Doch der Fortschritt ist eine Schnecke. Mehrfach hat sich das Investitionskonzept verzögert. Erst dauerte es Jahre, die Ausschreibung des Auftrags für neue Fahrzeuge auf den Weg zu bringen, dann musste noch einmal ein komplett neuer Anlauf genommen werden, weil der Wunsch, zugleich auch alte Fahrzeuge zu sanieren, für Komplikationen sorgte. Die Folge: Statt, wie anfangs erhofft, 2016 stehen die ersten neuen Bahnen voraussichtlich erst 2021 auf dem Hof der Stadtwerke. Gerade in Zeiten, in denen immer mehr Menschen das Klima schützen möchten, ist das ein katastrophaler Stillstand.

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Der beim Kirchentag offensichtlich gewordene Engpass ist zugleich ein Zeichen für die über Jahrzehnte prägende Kirchturmpolitik im Ruhrgebiet. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) ist zwar eine Klammer für die Verkehrsunternehmen im Ruhrgebiet. Allerdings nur, wenn es um Tarife geht. Bei technischen Standards und der Beschaffung von Bahnen wurstelt jedes Unternehmen für sich selbst vor sich hin.

Warum, fragte ein Berliner Journalist am Rande des Kirchentags, leihen sich die Dortmund denn nicht einfach U-Bahn-Wagen bei anderen Verkehrsunternehmen aus? Geht nicht, lautet die Antwort. Denn jeder Bahnbetreiber hat seine eigenen technischen Standards. Das fängt mit unterschiedlichen Spurbreiten bei den Gleisen an.

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Auch die Fahrzeuge sind zwischen Duisburg und Dortmund höchst unterschiedlich – von der Einstiegshöhe an den Bahnsteigen bis zu technischen Details bei Sicherungssystemen auf der Strecke. Es kann zwar wie beim Kirchentag eine Stadtbahn aus Karlsruhe über DB-Gleise bis zum Dortmunder Hauptbahnhof fahren, eine Duisburger U-Bahn aber nicht in Dortmund.

Der Flickenteppich im öffentlichen Nahverkehr des Ruhrgebiets ist über Jahrzehnte gewachsen. Es ist an der Zeit, die Weichen endlich einmal auf Vereinheitlichung und Kompatibilität zu setzen. Das Kirchturmdenken im öffentlichen Nahverkehr muss ein Ende haben.

Dabei ist auch das Land gefordert, das mehr Zusammenarbeit notfalls erzwingen muss. Und es muss die Weichen bei der finanziellen Förderung, wie versprochen, endlich neu stellen. Über Jahrzehnte ist die Anschaffung von Fahrzeugen und der Bau von U-Bahnstrecken massiv gefördert worden.

Jetzt muss endlich mehr Geld her für den öffentlichen Nahverkehr, auch um die Technik, die zum Großteil aus den 1980er-Jahren stammt, auf Vordermann zu bringen. Und zwar schnell. Macht endlich Tempo für einen besseren Nahverkehr.

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