„Los, rechts ran fahren!“: Drängler und Raser bedrängen Fahrschüler - Autofahrer ohne Pardon

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Stinkefinger, dichtes Auffahren, riskante Manöver: Die Aggressionen vieler Autofahrer in Dortmund machen selbst vor Fahrschulen keinen Halt mehr. Diese greifen inzwischen zu Gegenmaßnahmen.

Dortmund

, 06.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Es geschah an der Dorstfelder Allee. Kurz vorm Abbiegen sprang die Ampel auf Rot. Von der Seite näherte sich ein Radfahrer. Die junge Frau am Steuer des Fahrschulautos hatte das mitbekommen. Und tat das Natürlichste der Welt: Sie bremste ab. Womit sie nicht rechnete, war der Pkw-Fahrer hinter ihr. Wütend, nicht rechtzeitig über die Ampel gekommen zu sein, beschwerte sich ihr Hintermann mit lautem Gehupe. So sehr, dass die Fahrschülerin trotz roter Ampel prompt wieder Gas geben wollte. Der Mann vom TÜV, der im Fahrschulwagen saß, zog sofort die Reißleine: durchgefallen, Ende der Führerscheinprüfung. „Sie hatte nur noch zehn Minuten“, sagt Fahrlehrer Martin Pohl.

Schockieren kann ihn der Vorfall lange nicht mehr. „Das aggressive Verhalten im Straßenverkehr wird von Jahr zu Jahr schlimmer“, beobachtet der Fahrschulinhaber. „Es vergeht quasi kein Jahr ohne Auffahrunfall an einem Stopp-Schild oder einer roten Ampel.“ Mit seinem Befund steht Pohl nicht allein da. Fußgänger gegen Radfahrer, Radfahrer gegen Autofahrer. Ob Polizeibeamte oder Rettungskräfte wie Sanitäter oder Feuerwehrleute: Pöbeleien und Beleidigungen nehmen fast täglich zu. Selbst Anfänger in deutlich gekennzeichneten Fahrschulautos sind vor Attacken wild gewordener Autofahrer nicht mehr gefeit.

"Das geht bis zur Androhung von Schlägen"

Kai Schäder ist seit 15 Jahren als Fahrlehrer auf Dortmunds Straßen unterwegs. Es sei immer schlimmer geworden, berichtet Schäder. Viel zu dichtes Auffahren. Drängeln und Überholen in Tempo-30-Zonen. Hupen, wenn dem Fahrschüler beim Anfahren an der Ampel der Motor absäuft. „Die Leute zeigen uns den Stinkefinger oder machen den Scheibenwischer, wenn es nicht sofort nach ihren Vorstellungen läuft“, sagt Schäder. „Die ganze Palette.“ Forscht er nach den Gründen, kommt er auf das Thema Verkehrskollaps. „Wir sind mittendrin“, sagt Schäder. „Der zunehmende Verkehr macht die Menschen aggressiv.“

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Er münzt das nicht allein auf die Rush-Hour-Zeiten. Freitags werde das besonders deutlich, hat der Fahrlehrer festgestellt. Früher habe sich der Verkehr freitags auf den Nachmittag konzentriert. Mittlerweile seien viele Straßen und Autobahnen schon um 12 oder 13 Uhr voll. Wie er auf aggressive Autofahrer reagiere? „Ich lächle sie im Rückspiegel an“, sagt Schäder. Seinen Fahrschülern rate er, gelassen zu bleiben. „Man darf sich auf keinen Fall provozieren lassen – auch wenn es manchmal schwerfällt.“

Jörg Victor, Inhaber der Fahrschule Gerlach, sagt, er erlebe immer häufiger Anfeindungen aggressiver Fahrer. „Das geht bis zur Androhung von Schlägen“, berichtet der Fahrlehrer. „Los, rechts ran fahren!“ - diese Aufforderung habe er mehr als einmal gehört. Fahrschüler überholen und anschließend ausbremsen, das sei für viele ein Spiel geworden.

Inzwischen hat Victor drei Strafanzeigen wegen Nötigung und Beleidigung gestellt. Die Aggressionen gingen so weit, dass seine Fahrschule noch Tage später E-Mails erhalte, die dem jeweiligen Schüler angebliches Fehlverhalten vorwerfen: nicht geblinkt beim Abbiegen, zu langsam gefahren und derlei mehr. Victor reicht es jetzt: Einen seiner 14 Wagen hat er bereits mit einer Kamera ausgestattet. „Ich überlege, das bei den 13 anderen Fahrzeugen auch zu machen.“

Strafanzeige gegen drängelnden Lkw-Fahrer

Lichthupe, wildes Gestikulieren, nah auffahren: Der Hinweis „Fahrschule“ auf dem Autodach bietet nur noch wenig Schutz, weiß auch Ausbilder Frank Molitor. Fahranfänger würden so noch weiter verunsichert. „So etwas kannte ich früher nicht.“ Er rate seinen Schülern inzwischen ab, nach bestandener Führerscheinprüfung ein Magnetschild oder einen Aufkleber anzubringen, der sie als „Fahranfänger“ausweist. Mehr Rücksicht werde deswegen nicht genommen. „Im Gegenteil: Manche zeigen erst recht den Finger.“ Selbst vor lebensgefährlichen Situationen schrecken Drängler, Raser und Besserwisser mitunter nicht zurück.

In einem Fall wurde es Fahrlehrer Michael Schwind dann doch zu bunt: Er war vorn im Fahrschulwagen auf der B236 unterwegs, hinter ihm sein immer nervöser werdender Motorradschüler. Ein Anfänger. Ihm saß ein Lkw mit „höchstens drei bis fünf Meter Abstand im Nacken“, schildert Schwind. „Dass er einen Motorradschüler vor sich hatte, interessierte ihn offenbar wenig.“ Schwind notierte das Kennzeichen und erstattete ebenfalls Strafanzeige. Was es gebracht hat? „Ich hab' nie wieder was davon gehört.“

Dass jemand wirklich zur Polizei marschiert, sei die Ausnahme, weiß Klaus Peter Kalendruschat, Verkehrspsychologe beim TÜV Nord in Wambel. „Vielen erscheint der Aufwand zu hoch.“ Genau darauf würden Verkehrsrowdys spekulieren. „Die meisten gehen davon aus, sie seien trotz des Kennzeichens anonym.“

Psychologe sieht Frustration als mögliche Ursache

Eine Ursache für den täglichen Kleinkrieg auf den Straßen sieht er in der „

Frustration etlicher Wagenlenker. Die Anlässe könnten sehr unterschiedlicher Art sein und mit Verkehr gar nichts zu tun haben. Das Problem dabei sei: „Frustration erzeugt Aggression, von der viele nicht wissen, wohin damit“, analysiert der Psychologe. Ähnliche Situationen entstünden bei hohem Verkehrsaufkommen. Volle Straßen, schleppendes Tempo. Das führe zu einer „räumlichen Enge“, aus der sich jeder möglichst schnell befreien wolle. Dabei werde Energie aufgestaut, die keinen Ableiter finde und so letztlich in Aggression umschlagen könne.

Ein mögliches Gegenmittel sieht Kalendruschat in regelmäßigen Entspannungsübungen. „Oft hilft schon entspannende Musik im Auto.“

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