„Liebe Frieda!“ - Briefmarken-Sammler Walter Kunze fand auf Dachböden auch alte Briefe

dzBriefe aus der Kriegsgefangenschaft

Walter Kunze ist Briefmarken-Sammler, seine Leidenschaft sind Marken des „Deutschen Reiches“. Er hat viele Schätze gefunden, auch welche ohne Zacken. Wie eine Handvoll Briefe aus der Hölle.

Mengede

, 23.04.2019 / Lesedauer: 3 min

Mit den Worten „Liebe Frieda!“ beginnen die Briefe, die Werner Junge vom Januar bis August 1948 in die Heimat schrieb, an eine Verwandte unbekannten Grades. Es sind bewegende Einblicke in die Seele eines Menschen, der fast vergessen tief auf russischem Gebiet sein Leben fristet, und den nur die Gedanken an die Heimat aufrecht erhalten: „Über drei Jahre Gefangener. Man merkt langsam seine Nerven. Noch mehr beunruhigend die Tatsache, dass man sich im Westen um uns gar nicht zu kümmern scheint“, schreibt er.

Die Hoffnung dient als Lebensinhalt

In der Zeit, die die Briefe dokumentieren, hat er einen weiteren Schicksalsschlag zu verkraften: Seine Frau stirbt nach schwerer Erkrankung und Operation. Damit bricht ein großes Stück an Hoffnung auf ein schönes, erfülltes Leben weg. In den folgenden Karten beschreibt er die tiefe Verbindung zu seiner Frau, wie schwer der Verlust für ihn ist. Und das ist eine Last, die ihm schier untragbar erscheint: „Du weißt, wie schwer der Tod meiner Irma auf mir lastet. Soll zum Leben, soll ich ihm entsagen? Wer wartet auf mich?“, fragt er in den mit säuberlicher Schrift, die ganz klein und akkurat auf eine Karte gesetzt war, denn mehr Platz billigte man den Kriegsgefangenen für ihre Nachrichten in die Heimat nicht zu.

Letztlich überträgt er seine Hoffnungen auf die Mutter: „Was mich hält? Mutter. Wieviel Jahre mögen mir mit ihr noch beschieden sein. Sie ist die Brücke zu einer Welt, die Schönheit und Friede, Glück und Freude zu geben vermochte“, schreibt er in der letzten Karte, die auf diesem Weg erhalten ist.

Die Erinnerung an die NS-Grausamkeiten muss wach gehalten werden

Walter Kunze ist selbst immer wieder tief berührt, wenn er die alten Briefe liest. Der materielle Wert der alten Dokumente interessiert ihn nicht: „Das Wesentliche ist nicht die Karte, sondern das was drin steht. Was die Menschen leiden mussten und was sie geschrieben haben, um nicht vergessen zu werden“, sagt Kunze. Das müsse man erhalten, damit auch die nachkommenden Generationen einen authentischen Eindruck von dem Leid unter der NS-Herrschaft bekommen können.

Und dann stand ein Soldat am Bett des Jungen

Das Leid des Kriegsgefangenen in Russland dockt bei ihm an ganz persönliche Erinnerungen an. „Als ich ein noch kleiner Junge war, da stand nachts plötzlich ein Soldat an meinem Bett. Der hatte vor dem Krieg in der Wohnung mit seiner Frau gelebt. Doch die hatte ihn in der Zwischenzeit für tot erklären lassen und lebte mit einem anderen Mann zusammen. Das Leid des Mannes, der aus dem Krieg kam, und kein Zuhause mehr hatte, hat mich tief berührt. Auch deshalb habe ich mich beim Briefmarkensammeln auf das Deutsche Reich spezialisiert.“

Die Besitzer wussten nichts von den Schätzen in ihren Kellern

Nach Jahrzehnten des Sammelns hat er eine beeindruckende Briefmarken-Sammlung auf diesem Gebiet zusammengebracht. Und auf den Dachböden und in Kellern von Freunden, Bekannten und Verwandten zusätzlich - zu alten Briefen - eine Fülle an Schätzen gehoben, von denen die Besitzer oft gar nichts wussten: „Dachböden waren mein Forschungsfeld“, erzählt er, „bei einem Freund habe ich einmal eine alte Bibel gefunden und eine Sammlung von alten Predigten. Die hat er dann neu binden lassen, für ein Vermögen“, sagt Kunze und lacht.

Goldmünzen schlummerten zwischen alten Sachen

Dann und wann gab es auch richtige Schätze: „Ich habe auch Geld gefunden und einmal sogar Goldmünzen. Die habe ich dann den Besitzern gegeben, die haben sich gefreut.“ Denn der materielle Wert der Sammelschätze interessierte ihn nicht, nur der Inhalt: Um die Erinnerung auch an dunkle Zeiten wach zu halten. „Das ist wichtig für die nachkommende Generation: Was die Menschen leiden mussten, die geschrieben haben, um nicht vergessen zu werden.“

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