Kunst landete vor 12 Jahren im Müllcontainer

Posse um verschwundene Bilder

Nächstes Kapitel in der Posse um nicht mehr auffindbare Bilder aus dem städtischen Kunstarchiv: Schon vor zwölf Jahren hat Galerist Jörg Möller drei Bilder im Müllcontainer vor einem Amtsgebäude gefunden, aus dem gerade zwei Ämter auszogen. Zunächst bestritt die Stadt, dass die so "entsorgten" Werke ihr gehören.

DORTMUND

, 08.11.2016, 02:55 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kunst landete vor 12 Jahren im Müllcontainer

Galerist Jörg Möller im Jahr 2004 vor dem Dortberg-Haus am Müllcontainer, aus dem er drei Bilder des städtischen Kunstarchivs zog. Hier zwei von drei: Das rechte Bild stammt von Erich Ludwig, das linke von einem unbekannten Künstler.

Kunsthändler Jörg Möller traute  seinen Augen nicht, als er im August 2004 am Müllcontainer vor dem Dortberg-Haus an der Katharinenstraße vorbeikam, wo just zu diesem Zeitpunkt das Stadtplanungsamt und das Ordnungsamt ihre Zelten abbauten, um zum Burgwall zu ziehen. Zwischen Möbelstücken und Gerümpel ragte ein Bild heraus. Bei näherer Untersuchung entdeckte der Galerist zwei weitere Werke, die im Müllcontainer gelandet waren.

Zwei Aquarelle mit Ansichten von Ruhr-Landschaften stammen von Erich Ludwig, dem verstorbenen angesehenen Dortmunder Künstler und Design-Professor an der Fachhochschule, ein weiteres Aquarell von einem unbekannten Maler. Jörg Möller nahm die zum Teil beschädigten Werke mit in seine Restaurierungs- und Rahmungswerkstatt. Er taxierte damals jedes Bild mit einem Wert von 500 Euro.

Bilder hingen in der Kantine

Bei der Stadt konnte man sich 2004 zunächst die Herkunft der Kunstwerke nicht erklären. Sie stammten nicht aus städtischem Besitz, behauptete die damalige Stadtsprecherin. Die Ausleihkartei verzeichne kein Bild von Erich Ludwig, das in das Stadtplanungs- oder Bauordnungsamt gegangen sei. Beide Ämter hätten rund 40 andere Bilder aus dem Kunstbesitz der Stadt erhalten.

Einen Tag später musste die Stadt einräumen, dass die drei Bilder sehr wohl im Dortberg-Haus gehangen hatten, nämlich in der anderthalb Jahre zuvor geschlossenen Kantine. Jörg Möller sagt heute, „ich bin sicher, dass ich viele Bilder im Müll gar nicht gesehen habe, weil die unter Schränken verschüttet waren.“

"Pfleglich und verantwortungsvoller Umgang"

Kurt Eichler, damals wie heute Leiter der Kulturbetriebe, hatte nach dem ersten Bericht dieser Zeitung über den aktuell festgestellten Bilderschwund in seiner Stellungnahme vor dem Kulturausschuss in der vergangenen Woche unter anderem erklärt: „Grundsätzlich kann von einem pfleglichen und verantwortungsvollen Umgang der Dienststellen und Mitarbeiter mit den entliehenen Kunstwerken ausgegangen werden.“

„Da kann ich nur drüber lachen“, sagt Galerist Möller. Nach den Zeitungsartikeln von 2004 hat niemand nach den Bildern gefragt. Sie sind noch heute bei Möller. Der sagt: „Alle drei Arbeiten habe ich für den Fall zurückgelegt, dass die Stadt ihre Meinung ändert und Anspruch auf die Arbeiten erhebt.“

Stadt spricht von Spekulation

Zurzeit arbeitet die Stadt an einer umfassenden Inventur ihres Kunstbestandes. Dabei war auch der über Jahrzehnte   gehende Schwund von Werken aus dem Kunstarchiv aufgefallen. Noch ist die Inventur nicht abgeschlossen, aber nach Informationen dieser Zeitung sind aktuell rund 500 Bilder im Wert von rund 130 000 Euro nicht auffindbar. Die Stadt spricht von "Spekulation".  "Eine solche Aussage kann im Moment niemand treffen", erklärte Stadtsprecherin Katrin Pinetzki.

Wie berichtet, war bereits vor 1995, dem Jahr der Gründung der Kulturbetriebe, eine umfangreiche Inventur des Kunstarchivbestandes vorgenommen worden. Damals waren schon 404 Werke laut einer Dokumentation nicht mehr auffindbar. Und auch damals war die Ausleihe zur Dekoration in den Amtsstuben aus Personalmangel nicht ordentlich nachgehalten worden.

Ob diese 404 nicht aufzufindenden Werke zu den jetzt fehlenden rund 500 addiert werden müssen, ist weiter unklar. Katrin Pinetzki: "Diese Frage kann man nicht beantworten, weil schon die Grundannahme falsch ist, dass 500 Bilder verschwunden sind."

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