Kritik an Polizei: Augenzeugen berichten von Schlagstock-Einsätzen gegen Nazi-Gegner

dzDemos in der Nordstadt

Lief der Demo-Montag in der Nordstadt wirklich „weitgehend störungsfrei“, wie die Polizei sagt? Augenzeugen berichten, dass Polizisten mehrfach mit ihren Schlagstöcken zugeschlagen hätten.

Dortmund

, 22.10.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für die Polizei lief der Demo-Abend am Montag (21. Oktober) mit Nazi-Kundgebung und Gegenprotest in der Nordstadt „weitestgehend störungsfrei“. So hat sie es am Montagabend in einer Pressemitteilung geschrieben. Einige Augenzeugen sehen das anders. Sie berichten von mehreren Fällen auf der Mallinckrodtstraße, in denen Polizisten von ihren Schlagstöcken Gebrauch gemacht hätten.

David Grade sitzt für die Piraten in der Bezirksvertretung Nord, 2017 kandidierte der Dortmunder Lokalpolitiker erfolglos für den Landtag. Seit Jahren ist er regelmäßig bei Protesten gegen Nazi-Demos in Dortmund dabei – auch am Montag in der Nordstadt.

Unbeteiligter Passant soll geschlagen worden sein

Grade schildert eine Szene, die er an der Ecke Mallinckrodtstraße/ Herderstraße erlebt habe. Dort hätten sechs Polizisten gestanden, die die Herderstraße absperren wollten. Plötzlich seien immer mehr Nazi-Gegner auf der Mallinckrodtstraße an ihnen vorbei gelaufen. Die Polizisten hätten nervös gewirkt, so Grade. Und diese Nervosität bekam laut Grade ein „unbeteiligter Passant“ ab.

Die Polizisten hätten dem Mann – Grade schätzt ihn auf 40 bis 50 Jahre – widersprüchliche Anweisungen zugeschrien, sagt Grade. „Dann verließ eine der Polizistinnen die Reihe und schlug den Mann zweimal mit dem Schlagstock gegen den Oberkörper.“

Video zeigte Schlagstock-Einsatz gegen Nazi-Gegner

Es ist nicht der einzige Schlagstock-Einsatz an diesem Abend, der unserer Redaktion berichtet wurde: Ein zweiter Augenzeuge schilderte uns, dass die Polizei wenige Meter weiter auf der Mallinckrodtstraße eine große Gruppe Gegendemonstranten gestoppt habe, die unterwegs zur Nazi-Abschlusskundgebung an der Schützenstraße war. Er spricht von mehreren Polizisten, die dort den Schlagstock gegen Demonstranten einsetzten.

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Außerdem kursierte im Netz für kurze Zeit ein Video, auf dem zu sehen war, wie eine Polizistin einen Gegendemonstranten mit einem Schlagstock schlägt. Es zeigt aber auch, wie die Polizistin zuvor bedrängt wird. Inzwischen wurde das Video gelöscht.

Polizei stellt Strafanzeige gegen Unbekannt

Der Fall mit dem Video ist der einzige, zu dem die Polizei auf Nachfrage dieser Redaktion etwas sagt. Die Beamtin sei geschubst und attackiert worden und habe darauf mit einem Schlag gegen die Beine reagiert, sagte Polizeisprecher Oliver Peiler. Deshalb habe man nun eine Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Widerstands gegen einen Polizeibeamten gestellt.

Zu den beiden anderen Fällen hingegen lägen der Polizei keine Meldung vor, so Peiler, weder von den Einsatzkräften selbst noch aus der Bevölkerung. Die Polizei bleibe also bei ihrer Einschätzung, dass alles „weitestgehend störungsfrei“ gelaufen sei. Es gab aus seiner Sicht „kein zu hartes Vorgehen“ gegen Gegendemonstranten.

Polizei: „Pure Polemik“

Genau das wirft Lokalpolitiker Grade der Polizei vor: „Hier Kollegen hinzustellen, die von Anfang an behelmt sind und den Knüppel draußen haben und soviel Angst haben, dass sie widersprüchliche Anweisungen brüllen und auf Passanten einschlagen, mag kurzfristig klappen, langfristig aber jedes Vertrauen in die Polizei zerstören“, schreibt er öffentlich auf Twitter.

Polizeisprecher Oliver Peiler kann mit dieser Kritik überhaupt nichts anfangen: „Das ist für mich pure Polemik und hat mit der Realität nichts zu tun.“

Zur Sache

Bisher keine Anzeige

  • Bisher ist keine Anzeige gegen Polizeibeamten wegen etwaiger Schläge während des Demo-Geschehens bei der Polizei eingegangen, auch nicht von Grade. Da er den Geschädigten nicht kenne und der „Schweigecode“ der Polizei Konsequenzen verhindere, würde eine Anzeige wenig Sinn ergeben, schrieb er auf Twitter.
  • Wer Hinweise zu einer Straftat hat, kann sich bei der zentralen Hinweisnummer der Polizei Dortmund melden: 0231/1327441. In Fällen, in denen Polizisten aus Dortmund beschuldigt werden, übernimmt aus Neutralitätsgründen eine andere Polizeibehörde die Ermittlungen.
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