Krisenstabs-Chefin in Sorge: Corona-Lockerungen kommen zu schnell

dz„Digitaler Stammtisch“

Die Leiterin des Dortmunder Krisenstabs sieht die aktuelle Lockerungswelle bei den Corona-Schutzmaßnahmen mit Sorge. Zu Geisterspielen und Großveranstaltungen hat sie eine klare Botschaft.

Dortmund

, 07.05.2020, 21:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie ist eine „Schlüsselfigur“ in der Corona-Krise in Dortmund: Sozialdezernentin Birgit Zoerner ist nicht nur Chefin der städtischen Gesundheitsverwaltung, sondern auch Leiterin des städtischen Krisenstabs, der zur Bewältigung der Corona-Pandemie gebildet wurde. Beim „Digitalen Stammtisch“ unserer Redaktion am Donnerstag (7.5.) erklärte sie, warum es in Dortmund bislang relativ wenig Corona-Infektionen gibt, berichtete aber auch von Sorgen mit Blick auf die weitere Entwicklung.

Dortmund war eine der ersten Städte in Nordrhein-Westfalen, die auf Krisenmodus geschaltet haben. Schon am 28. Februar wurde ein Corona-Krisenstab eingerichtet, in dem Vertreter verschiedener städtischer Ämter aber auch von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und dem Verkehrsunternehmen DSW21 gemeinsam beraten.

Gute Vorbereitung und Glück

„Es geht um schnelle Entscheidungen“, erklärte Zoerner das Vorgehen. Und die hätten dazu beigetragen, das Infektionsgeschehen in Dortmund im überschaubaren Rahmen zu halten. Man habe sehr früh mit Tests begonnen und die ersten Corona-Fälle sorgfältig nachverfolgt, erklärte Birgit Zoerner. Das städtische Gesundheitsamt war von vornherein für die besondere Lage gut gerüstet.

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Man habe aber auch das Glück gehabt, dass es hier - anders als in anderen Städten - keine Infektionswelle etwa in Seniorenheimen gab. Zoerners Fazit: „Es war eine Mischung aus gutem Konzept und ein bisschen Glück.“ Nicht zuletzt lobt auch die Dezernentin die Dortmunder Bürger, die sich weitgehend an Vorgaben zum Corona-Schutz halten.

Zu viele Lockerungen gleichzeitig

Aber es gibt auch Sorgen: Sie könne Bedenken mit Blick auf die jetzt von der Landesregierung verkündeten Lockerungen der Corona-Regeln „absolut nachvollziehen“, erklärte Birgit Zoerner . Kritisch sieht sie vor allem die Geschwindigkeit und „dass so viel gleichzeitig gelockert wird.“

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Es wäre sinnvoller, in kleineren Schritten vorzugehen und dann jeweils zu schauen, was die Lockerungen auslösen. „Denn wir sind immer noch mitten in einer Pandemie“, sagte Birgit Zoerner. „Deshalb hätte ich mir gewünscht, dass alles etwas gestreckter vonstatten geht.“

Kritik an der Landesregierung

Die Dortmunder Sozialdezernentin erneuerte auch die Kritik an teilweise verwirrenden und sehr kurzfristigen Verlautbarungen der Landesregierung. Viele Entscheidungen würden von heute auf morgen verkündet. Wünschenswert sei außerdem, die Städte frühzeitig mit einzubeziehen.

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Ein aktuelles Beispiel ist die kurzfristige Öffnung der Seniorenheime zum Muttertag am 10. Mai. Da wären einige Tage mehr als Vorlauf sinnvoll gewesen, merkt Birgit Zoerner an. Das Anliegen, wieder soziale Kontakte zu ermöglichen, sei richtig: „Aber im Management ist es schwierig.“ Denn gerade zum Muttertag sei mit einem großen Andrang zu rechnen.

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Deshalb sollen für die Besuche in Alten- und Pflegeheimen strenge Regeln gelten. „Was auf keinen Fall passieren wird, ist, dass einfach die Türen aufgemacht werden“, sagte Birgit Zoerner. Sie gehe aber davon aus, dass der Großteil der Menschen gut informiert sei und auf die entsprechende Ansprache reagiere.

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Kontrollen des Ordnungsamtes hält sie dabei nicht für realistisch. Auch bei den neuen Regeln etwa in der Gastronomie geht die Dezernentin davon aus, dass Gäste und Betreiber Verantwortungsbewusstsein zeigen. „Es wird nicht möglich sein, alles zu kontrollieren.“

Vorbereitung auf Geisterspiele

Vorbereiten werde sich die Stadt gemeinsam mit der Polizei aber auf jeden Fall auf die bevorstehenden „Geisterspiele“ in der Fußball-Bundesliga, insbesondere auf das Derby des BVB gegen Schalke 04 am 16. Mai. „Ich habe die Erwartung an die Vereine, dass sie Einfluss auf die Fans nehmen, nicht vor das Stadion zu pilgern“, erklärte Birgit Zoerner.

Birgt Zoerner mit Frank Bußmann, Oberbürgermeister Ullrich Sierau und Dr. Frank Renken

Sozialdezernentin Birgt Zoerner gemeinsam mit Stadtsprecher Frank Bußmann (v.l.), Oberbürgermeister Ullrich Sierau und Gesundheitsamts-Leiter Dr. Frank Renken bei einer Pressekonferenz zum Thema Coronavirus im Rathaus. © Kevin Kindel

Nicht zuletzt liege eine hohe Verantwortung bei den Fans selbst. Sonst könnte es dazu kommen, dass es bald auch keine Geisterspiele mehr geben wird, prophezeite die Dezernentin.

Ein volles Stadion oder andere Großveranstaltungen sieht sie ohnehin in weiter Ferne. Ohne Impfstoff und wirksamen Medikamente gegen das Corona-Virus sei das nicht denkbar, ist die Leiterin des Corona-Krisenstabs überzeugt. Zeitliche Fristen zu nennen, sei deshalb nicht sinnvoll, meinte Birgit Zoerner „Wenn wir den Schutz vor Corona weiter aufrecht erhalten wollen, werden wir mit vielen Regeln weiter leben müssen.“

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