Krebskranke Dortmunderin in Bahn angespuckt – Fahrerin rät ihr zum Aussteigen

dzRisikopatientin angegriffen

Gabriele S. (61) gehört zur Risikogruppe und die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln ist ihr wichtig. Ein Vorfall macht sie wütend auf den Stadtbahnbetreiber. DSW21 erklärt sich.

Dortmund

, 17.06.2020, 14:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gabriele S. aus Hörde hat immer noch Wut. Denn eine Bahnfahrt zu ihrem Arzt nach Wickede am vergangenen Mittwoch (10. Juni) entwickelte sich zu einer, die sie so schnell nicht vergessen wird.

Die 61-jährige Rentnerin, die ihren vollständigen Namen nicht genannt sehen will, erzählte unserer Redaktion, dass sie am frühen Mittwochmorgen die Stadtbahn U41 von der Haltestelle in Clarenberg genommen hat. Sie wollte zu ihrem Arzt nach Wickede wegen einer Vorsorge-Untersuchung. S. ist an Krebs erkrankt.

Hinweis auf Maskenpflicht war „freundlich, aber bestimmt“

Die Rentnerin setzte sich auf einen freien Platz unmittelbar neben der Fahrerkabine. Da die Haltestelle Clarenberg die erste Station auf der U41 ist, füllt sich die Bahn nach jeder weiteren angefahrenen Station immer mehr.

Ein junger Mann setzte sich auf einen Platz gegenüber von Gabriele S., der völlig in sein Handy vertieft gewesen sei, erzählt sie.

Ihr sei aufgefallen, dass der Mann zwar einen Mund-Nasen-Schutz getragen hat, dieser allerdings nur unter seinem Kinn saß. Deshalb habe die 61-Jährige den jungen Mann angesprochen und ihn gebeten, diesen richtig aufzusetzen. „Freundlich, aber bestimmt“, wie sie sagt.

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Der Mann, ungefähr 18 Jahre alt und „pubertierend“, wie S. ihn beschreibt, ignorierte die Frau demnach. Dennoch sei er aufgestanden, um sich vor die Ausgangstür der Bahn zu stellen.

Fahrerin kann der Rentnerin nicht helfen

Plötzlich habe sich der Mann aber offenbar dazu entschieden, die 61-Jährige doch nicht mehr zu ignorieren: Er setzte sich wieder auf seinen alten Platz, neigte sich zu Gabriele S., hustete los und spuckte die Rentnerin an. Sie habe sich „richtig gedemütigt“ gefühlt.

Sofort habe die 61-Jährige daraufhin an die Fahrerkabine geklopft und die Fahrerin von DSW21 sei herausgekommen. Die habe S. gesagt, dass sie die Anweisung habe, nichts zu unternehmen. Sie könne nichts machen. Die Rentnerin solle doch die Bahn verlassen, wenn sie sich nicht wohlfühle, habe die Bahnfahrerin freundlich vorgeschlagen.

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Das tat die 61-Jährige auch. „Ich war total geschockt“, erzählt sie. Wo genau sie ausgestiegen ist, weiß sie nicht. Sie nahm die nächste Bahn und fuhr weiter zur Kampstraße, wo sie umsteigen musste. Dort erzählte sie zwei DSW21-Mitarbeitern von dem Vorfall in der Bahn: Die Kollegin hätte richtig gehandelt, hätten sie Gabriele S. gesagt.

Schock wird zu Wut und Unverständnis

Mittlerweile hat sich der Schock von Gabriele S. in Wut und Unverständnis gewandelt. Sie versteht nicht, wie es sein kann, dass „das Opfer genötigt wird, die Bahn zu verlassen, während der Täter weiterfahren darf“.

Von Opfer und Täter kann man in dem Zusammenhang übrigens durchaus sprechen. Denn das Anspucken und Anhusten ist laut dem deutschen Strafgesetzbuch strafbar. Es wird meist als Beleidigung geahndet, in Einzelfällen kann es sogar als Körperverletzung ausgelegt werden.

Gabriele S. habe den spuckenden, unbekannten „jungen Schnösel“, wie sie ihn bezeichnet, deshalb auch bei der Polizei angezeigt, sagt sie. Sollte er gefasst werden, könnten ihn laut Strafgesetzbuch zwei Jahre Haft oder eine höhere Geldstrafe erwarten. Die Chance darauf erscheint der Rentnerin aber gering, da sie keine genauen Angaben zu dem Täter machen konnte, wie sie sagt.

Die Rentnerin will vorerst nicht mehr mit der Bahn fahren.

Die Rentnerin will vorerst nicht mehr mit der Bahn fahren. © Robin Albers

Das Strafmaß könnte höher ausfallen, wenn sich herausstellen sollte, dass der Mann mit dem Coronavirus infiziert war. Da Gabriele S. als krebskranke Frau zur Risikogruppe gehört, habe sie sich am Tag nach dem Vorfall, an Fronleichnam (11. Juni), ins Klinikum Nord begeben, um sich testen zu lassen. Den Test habe sie darüber hinaus selbst zahlen müssen, da sie keine Beschwerden hatte.

„Brass“ nicht nur auf den Spucker

Mittlerweile hat die Rentnerin das Ergebnis des Corona-Tests bekommen. Sie hat sich nicht infiziert. Trotzdem hat sie noch „Brass“ – „nicht nur auf den Typen, sondern auch auf die DSW21!“. In solchen Situationen müsse anders gehandelt werden.

In einem Schreiben an den Verkehrsbetrieb hat sie ihrem Unmut Luft gemacht. Das Schreiben hat sie auch an unsere Redaktion und Oberbürgermeister Ullrich Sierau weitergeleitet. Der OB habe sich inzwischen gemeldet, die Stadt möchte den Vorfall demnach prüfen.

Auf Anfrage unserer Redaktion heißt es von DSW21, dass sie den „Vorfall intern nicht nachvollziehen“ können. Dennoch versucht sich der Stadtbahnbetreiber an Erklärungsversuchen.

Die Fahrer seien für den sicheren Transport der Fahrgäste zuständig und nicht für die Kontrolle der Maskenpflicht. Das sei Aufgabe der Sicherheitskräfte und Ordnungsbehörden der Stadt. Müsste DSW21 diese auch noch kontrollieren, würde das zu „massiven Verzögerungen des Betriebsablaufs“ führen und den „gesamten Fahrplan aushebeln“.

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Die Fahrer könnten laut DSW21 nur in „besonderen, sehr seltenen Fällen“ Fahrgäste der Bahn verweisen – bei „ernsten Übergriffen“ oder akuter Gefährdung der Betriebssicherheit. Dann beziehe man auch die Sicherheitskräfte ein oder die Polizei.

Die Antwort von DSW21 ist für Gabriele S. eine „Frechheit“, sagt sie. „Wir stecken in einer Pandemie“, sagt die Rentnerin. Sie könne deshalb nicht verstehen, wieso in der Situation nicht eingegriffen wurde. Deshalb will die 61-jährige vorerst vermeiden, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Zu groß sei die Sorge, dass sie sich als Teil der Risikogruppe infiziert.

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