Während sie Wahlkampf macht, spielt der Freund neben ihr X-Box

dzWahlkampfmanager in Dortmund

Der Kommunalwahlkampf in Dortmund ist in der heißen Phase. Hinter den Kulissen halten einige Wahlkampfmanager die Fäden zusammen. Was sind das für Menschen? Und warum tun sie sich das an?

Dortmund

, 31.08.2020, 08:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Katrin Lögerings kleiner Schreibtisch fällt kaum auf zwischen der Zimmerpalme, dem Heimtrainer und dem Katzen-Kratzbaum. Er kauert sich an die Holzverkleidung des ausgebauten Dachstuhls, in dem die Luft an heißen Tagen schwül und stickig ist.

Doch das, was an Lögerings Mini-Arbeitstisch in ihrer Studentenbude in der Nordstadt passiert, könnte die Politik der Stadt Dortmund in den nächsten Jahren maßgeblich prägen: Die 30-jährige Lehramtsstudentin (Chemie und Philosophie) managt den Wahlkampf der grünen Oberbürgermeister-Kandidatin Daniela Schneckenburger.

Wahlkampfmanager haben nicht das beste Image

Wenige Wochen vor der Kommunalwahl am 13. September läuft der Wahlkampf in Dortmund auf Hochtouren. Die Kandidaten der Parteien suchen das Rampenlicht, um für sich und ihre Positionen zu werben.

Eine große Rolle beim Erfolg oder Misserfolg der jeweiligen Kampagnen spielen die Wahlkampfmanager im Hintergrund. Sie sind die Menschen, die die Fäden zusammenhalten und Aktionen organisieren, Social-Media-Kanäle bespielen und Pressemitteilungen verschicken, Slogans entwickeln und Plakate entwerfen. Menschen wie Katrin Lögering.

Wahlkampfmanager haben gemeinhin nicht das vorteilhafteste Image: Fernsehserien wie „House of Cards“ zeigen sie gerne im Büro mit schummerigem Licht, die Hemdärmel nachlässig hochgekrempelt, das Handy am Ohr zum vertraulichen Gespräch mit einem Journalisten, dem ein schmutziges Geheimnis über den Konkurrenten gesteckt wird. Es sind oft verschlagene Spin-Doktoren, die für ein gutes Wahlergebnis ihre Mutter verkaufen würden.

„Wir sind keine Profis, sondern gutwillige Laien“

Spricht man jedoch mit den Wahlkampfmanagern der Parteien, die in Dortmund einen OB-Kandidaten oder -Kandidatin ins Rennen schicken, trifft man Menschen, die so gar nichts mit diesem Bild gemein haben.

„Wir sind keine Profis, sondern gutwillige Laien“, sagt Sascha Mader. Der 55-Jährige leitet den Wahlkampf des OB-Kandidaten der CDU, Andreas Hollstein. Im „richtigen“ Leben ist er Polizeidirektor im Polizeipräsidium Essen, führt dort unter anderem den Pandemie-Krisenstab. Wahlkampf macht er abends, an Wochenenden oder wenn er sein Überstunden-Konto abbaut. „Mir macht das Strategische Spaß“, sagt er.

Der aktuelle Kommunalwahlkampf sei der digitalste aller Zeiten, sagt CDU-Wahlkampfleiter Sascha Mader (l.). Er und sein Team haben in den vergangenen Wochen unter anderem viele Videos mit den Rats-Kandidaten gedreht.

Der aktuelle Kommunalwahlkampf sei der digitalste aller Zeiten, sagt CDU-Wahlkampfleiter Sascha Mader (l.). Er und sein Team haben in den vergangenen Wochen unter anderem viele Videos mit den Rats-Kandidaten gedreht. © Oliver Schaper

Mader ist ein alter Hase im Geschäft. Es ist seine dritte Kommunalwahl in leitender Funktion bei den Dortmunder Christdemokraten, insgesamt war er bei mehr als einem Dutzend Wahlkämpfe dabei. „Der Wahlkampf hat sich verändert, alte Regeln gelten nicht mehr“, sagt der Vater von zwei Kindern, der auch stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU im Rat ist. „Er ist viel digitaler, funktioniert mehr über Fotos und Videos.“

Während Hollstein, aktuell noch Bürgermeister des sauerländischen Altena, als Vollzeit-Politiker eine große Medienerfahrung mitbringe, sei das in der Fläche bei den Ratskandidaten manchmal etwas schwieriger: „Handyvideos sind gewünscht“, erzählt Mader, „doch was machen Sie, wenn der Kandidat kein Handy besitzt?“

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Man fährt selbst raus. Für die sozialen Medien hat Mader ein Team von zehn Ehrenamtlern aus der Jungen Union, die regelmäßig Fotos und Beiträge auf den verschiedenen Plattformen wie Facebook oder Instagram verbreiten.

Eine eigene Marketing-Agentur für den Wahlkampf haben die Christdemokraten nach Angaben von Mader nicht. Eine Agentur koste 70.000 bis 80.000 Euro, die habe man bei der CDU Dortmund nicht. Das sei vor 20 Jahren noch anders gewesen. Gern erinnert sich Mader zurück an den Wahlkampf 1999. Damals habe man die komplette B1 mit CDU-Plakaten zugepflastert.

Ina Blumenthal ist die Frau hinter der OB-Kampagne von Thomas Westphal (SPD).

Ina Blumenthal ist die Frau hinter der OB-Kampagne von Thomas Westphal (SPD). © Ina Blumenthal

In diesem Wahlkampf wird Dortmunds meistbefahrene Straße von den großen Plakaten des SPD-OB-Kandidaten Thomas Westphal dominiert. Auch wenn die Sozialdemokraten (wie alle Parteien in diesem Artikel) nicht verraten, wie groß ihr Wahlkampf-Budget ist: Aus Dortmunder Politikerkreisen ist zu hören, dass die SPD das meiste Geld in ihre Kampagne steckt.

Für Westphals Wahlkampf verantwortlich ist Ina Blumenthal. Die 39-Jährige ist die Exotin in der Reihe der Wahlkampfmanager bei der Dortmunder Kommunalwahl. Sie ist die einzige Nicht-Dortmunderin in der Runde. Die Gevelsbergerin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im NRW-Landtag und leitet dort das Büro einer Soester SPD-Landtagsabgeordneten.

Wie wird man da Wahlkampf-Leiterin eines Dortmunder OB-Kandidaten? „Indem Thomas Westphal anruft und fragt: ‚Ina, machst du das?‘“, erzählt Blumenthal. Die beiden kennen sich von den Jusos, bei denen sowohl Westphal als auch Blumenthal lange aktiv waren.

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Blumenthal ist begeisterte Wahlkämpferin. In ihren Juso-Zeiten fuhr sie nach Berlin oder ins Saarland, um Wahlkampf zu machen, einfach nur aus Spaß: „Man lebt als Mensch, der Politik macht, für den Kontakt mit den Menschen.“

Ihre Wahlkampfzentrale ist ihr privater Schreibtisch, nur steht der nicht wie bei Lögering auf dem Dachboden, sondern in ihrem Schlafzimmer. „Ich mache das in meiner Freizeit, es ist ein reines Ehrenamt“, sagt Blumenthal.

Geld kriegt Blumenthal laut eigener Aussage nicht für ihren Job als Wahlkampfmanagerin - ebenso wenig wie ihre Kollegen bei den anderen Parteien.

Schickte seine Kinder in den Urlaub, um in Ruhe Wahlkampf machen zu können: Linken-Wahlkampfmanager Christian Seyda.

Schickte seine Kinder in den Urlaub, um in Ruhe Wahlkampf machen zu können: Linken-Wahlkampfmanager Christian Seyda. © Christian Seyda

Christian Seyda hat im Juli seine drei Kinder in den Urlaub geschickt, um in Ruhe Wahlkampf machen zu können. Das war auch bitter notwendig, schließlich steckte der 50-Jährige schon damals „40 bis 50 Stunden die Woche“ in den Kommunalwahlkampf der Linken und ihres OB-Kandidaten Utz Kowalewski. Weniger geworden sind es seitdem nicht.

Wenn Seyda sich nicht gerade um die Kommunalwahl kümmert, geht es trotzdem um Politik: Der Sozialwissenschaftler schmeißt seit 2007 das Dortmunder Wahlkreis-Büro der Linken-Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke. Außerdem ist er Kreissprecher im Vorstand der Dortmunder Linke.

Seyda ist im Linken-Wahlkampf eine Art Mädchen für alles: Er bestimmt das Design der Wahlplakate, organisiert Besuche von prominenten Bundespolitikern - und wenn bei einem Auftritt einmal Desinfektionsmittel fehlt, besorgt er auch das. „Das läuft alles parallel und zwischendurch, das ist den ganzen Tag im Fluss.“

Antje Joest ist Teil des Wahlkampfteams der FDP.

Antje Joest ist Teil des Wahlkampfteams der FDP. © Antje Joest

Das Engagement für die Partei ist groß - das ist auch am anderen Ende des politischen Spektrums so: „Man sagt nicht Nein, wenn es etwas zu tun gibt“, sagt Antje Joest. Die 51-Jährige ist Teil des Wahlkampfteams der FDP, gleichzeitig kandidiert die stellvertretende Kreisvorsitzende selbst für den Rat: „Wir sind eine kleine Partei, da hilft man, wo man kann.“

Joest ist noch relativ neu in der Kommunalpolitik: Erst 2017 trat sie in die FDP ein. Nachdem die drei Kinder erwachsen und aus dem Haus waren, suchte die Berufskollegs-Lehrerin ein neues Betätigungsfeld. „Ich habe versucht, Klavierspielen zu lernen, da bin ich gescheitert“, erzählt sie und lacht. Schließlich engagierte sie sich bei der FDP.

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Im Wahlkampfteam der Freien Demokraten - dessen engster Kreis besteht laut Joest aus etwa 10 Personen - ist sie für Social Media und Eventplanung zuständig: „Es macht tierisch Spaß!“

Auch die Wahlkampfmanager der anderen OB-Kandidaten sind keine Einzelkämpfer - allein wäre die Organisation eines Wahlkampfes gar nicht zu stemmen.

Bei der personellen Ausstattung gibt es große Unterschiede: Während sich bei der SPD fünf Menschen allein um die OB-Kandidatur von Thomas Westphal kümmern, gibt es bei FDP und Linken keine Unterscheidung zwischen OB- und Rats-Wahlkampfteams.

Eins ist bei allen Parteien jedoch gleich: Jetzt, in der heißen Phase des Wahlkampfes, dominiert er alles: „Es gibt kein Leben mehr, es gibt nur noch den Wahlkampf“, sagt die Grünen-Wahlkampfmanagerin Katrin Lögering. Alles andere geschehe um einen herum. „Meistens sitzt mein Freund neben mir und spielt X-Box, während ich abends noch in Online-Meetings stecke.“

Doch warum opfern so viele Menschen so viel Freizeit für die Kommunalwahl? Für CDU-Wahlkampfleiter Sascha Mader ist die Antwort einfach: „Ich bin überzeugter Demokrat, und eine Demokratie funktioniert nur mit Wahlen. Demokratie gibt es nicht für lau.“

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