Gaststätten und Restaurants dürfen nur noch unter strengen Auflagen öffnen. Die Wirte klagen über mangelnde Informationen durch die Stadt. Wer keinen Ruhetag hatte, musste schnell handeln.

Huckarde, Lütgendortmund, Mengede

, 16.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Montagvormittag. Gaststätten und Restaurants dürfen ab heute (16.3.) nur noch unter strengen Auflagen öffnen. „Das steht in den sozialen Medien“, sagt Niko Savidis. Genaueres weiß der Inhaber der Sportklause in Nette noch nicht. Vor allem nicht, was „strenge Auflagen“ heißt. Eine Pressemitteilung der Landesregierung ist ebenso allgemein gehalten.

„Ich rufe schon die ganze Zeit beim Ordnungsamt an“, sagt Savidis. „Ich bekomme aber niemanden ans Telefon.“ Der Wirt ist gut vernetzt, hört von Kontrollen, ob die Auflagen eingehalten werden. „Ich werde heute ganz normal um 16 Uhr öffnen.“ Niko Savidis ist wegen der unsicheren Lage früher als sonst unterwegs. Noch sind ja ein paar Stunden Zeit.

Bei allem Pragmatismus bleiben Fragen

Eine halbe Stunde später hat er zumindest Anhaltspunkte. Ein Gast hat ihm den Erlass des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) vom Sonntag geschickt. Darin sind unter Ziffer 4 die Auflagen beschrieben: „Besucherregistrierung mit Kontaktdaten, Reglementierung der Besucherzahl, Vorgaben für Mindestabstände zwischen Tischen von 2 Metern, Aushänge mit Hinweisen zur richtigen Hygienemaßnahmen etc.“

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Niko Savidis nimmt’s pragmatisch. „Ich werde mir was einfallen lassen.“ Einen Teil der Tische will er wegräumen, so dass genügend Platz ist. „An der Theke muss ich mal schauen.“ Eine Frage bleibt: „Was meinen die mit Hygienemaßnahmen? Nach der Toilette Hände waschen?“

Keine konkreten offiziellen Informationen

Jorgos Kalingas hatte schon am Samstag eine Vorahnung, dass es zu weiteren Einschränkungen kommt. „Wenn es gar nicht anders geht, müssen wir zumachen.“ Jorgos Kalingas ist Juniorchef von „Grill-Pizzeria El Greco“ – ein Familienbetrieb. Am Montag ist Ruhetag, wie in vielen anderen Restaurants und Kneipen auch.

Humor in Krisen-Zeiten: Joanna Smolka vom "Blickpunkt bei Joanna" hat für Gäste einen besonderen Benefit.

Humor in Krisen-Zeiten: Joanna Smolka vom "Blickpunkt bei Joanna" hat für Gäste einen besonderen Benefit. © privat

Kalingas hört Radio, um sich zu informieren. Offizielle Informationen seitens der Stadt hat er noch nicht. „Ich werde das mit meinen Eltern besprechen“, sagt er. „Vielleicht sperren wir den Sitzbereich.“ 20 Sitzplätze hat die Grillstube. „Dann verkaufen wir nur noch an der Theke.“

„Auch meine Gäste sind verunsichert“

Stefan Altstadt, Wirt der Linnertschänke in Oespel, ist wie viele andere Wirte genervt. „Ich bin sehr verärgert darüber, dass man nicht vernünftig aufgeklärt wird. Auch meine Gäste sind verunsichert, ob ich nun öffne oder nicht.“

Daran, dass er tatsächlich über Wochen komplett schließen muss, mag der Oespeler Wirt nicht denken. „Wie soll ich das wirtschaftlich überleben? Die laufenden Kosten bleiben ja. Wer zahlt die Pacht? Wer zahlt den Strom? An wen kann ich mich wenden?“

Die Linnerschänke wirbt noch für die Pflege sozialer Kontakte.

Die Linnerschänke wirbt noch für die Pflege sozialer Kontakte. © Carolin West

Statt zu schließen, wolle er lieber versuchen, Auflagen wie den Mindestabstand zwischen den Tischen zu erfüllen. „Aber viele schmunzeln darüber.“ Insgesamt hält Stefan Altstadt den Erlass der Landesregierung für übertrieben: „Wir dürfen doch nicht aufhören zu leben.“

Bislang hätten ihn seine Stammgäste nicht im Stich gelassen. „Und das, obwohl sie vom Alter her zur Risikogruppe gehören.“ Sollte er kurzfristig schließen müssen, würden zumindest die Stammgäste über eine Telefonkette informiert.

Der Burghof schließt vorübergehend

Anna Scheele, Inhaberin von „ASpeiserestaurant im Burghof“ in Mengede, hat gemessen und gerechnet. „Für mich heißt das, ab morgen vorübergehend* zu schließen.“ Es ist nicht nur die Absage der Kultur-Veranstaltung Melange am Dienstag. 48 Tische, die vorbestellt waren, sagten Gäste aus Sorge wieder ab.

„Wenn vielleicht zwei Gäste kommen und ein Schnitzel essen, rechnet sich das nicht“, sagt Anna Scheele. Allein schon wegen der Stromkosten. Sie hat bereits mit der Agentur für Arbeit und ihrem Steuerberater gesprochen. Für ihre Mitarbeiter meldet sie Kurzarbeit an. Jetzt, am Ruhetag, steht sie in ihrem Restaurant und schreibt einen Aushang über die Schließung. „Eine andere Lösung habe ich nicht.“

Wirt zeigt spezielle Art des Kampfgeistes

Michael Wicke, Wirt der Marktschänke in Huckarde, kritisiert ebenfalls die fehlende Aufklärung. „Es gibt so gut wie keine Informationen.“ Momentan laufe bei ihm der Betrieb wie gewohnt weiter, allerdings sei die Zahl der Gäste schon deutlich geschrumpft.

Er mache sich auch große Sorgen um seine fünf Mitarbeiter. „Wie und wo beantrage ich Kurzarbeit? Das weiß auch kein Mensch.“ Kampfgeist zeigt der Huckarder Wirt auf eine spezielle Art. So ist auf einer Tafel vor der Kneipe zu lesen: „Solange uns die Biere schmecken, kann uns Corona am A... lecken!“

Kampfgeist der besonderen Art: So warb der Huckarder Wirt Michael Wicke am Sonntag (15.3.) für den Kneipen-Besuch.

Kampfgeist der besonderen Art: So warb der Huckarder Wirt Michael Wicke am Sonntag (15.3.) für den Kneipen-Besuch. © Matthias Langrock

Auch in anderen Kneipen und Gaststätten im Stadtbezirk Huckarde macht man weiter wie bisher. „Wir haben geöffnet, bis man uns etwas anderes sagt“, sagt eine Kellnerin. Allerdings bleiben zum Teil dann doch die Gäste weg. „Es ist deutlich weniger los als normalerweise.

Zeit für den Dämmerschoppen

Montagnachmittag, kurz nach 16 Uhr. Zeit für den Dämmerschoppen in der Netter Sportklause. Statt „na, Feierabend“ heißt es heute „erst die Hände desinfizieren“ zur Begrüßung. Niko Savidis zeigt sich konsequent. Am Eingang steht eine Flasche Desinfektionsmittel mit einem deutlichen Hinweisschild.

Er hat die Tische reduziert, in einem Bereich die Stühle hoch gestellt. Klebeband und Kartons mit Zellstofftüchern markieren die Zwei-Meter-Abstände an der Theke. Jeder hält sich daran. Die Stimmung beim Feierabend-Pils ist relativ entspannt.

Gäste auf Distanz in der Sportklause: "Wenn wir jetzt ein Paar wären, müssten wir dann auch diesen Abstand halten?"

Gäste auf Distanz in der Sportklause: "Wenn wir jetzt ein Paar wären, müssten wir dann auch diesen Abstand halten?" © Uwe von Schirp

Zwei Gäste sitzen an Tischen – auf Distanz. „Wie ist das?“, fragt die Frau. „Wenn wir jetzt ein Paar wären, müssten wir dann auch diesen Abstand halten?“ Beide lachen.

* Aktualisierung am 17.03., 15 Uhr: In einer früheren Fassung konnte der Eindruck entstehen, dass das „ASpeiselokal im Burghof“ gänzlich schließt. Inhaberin Anna Schelle weist darauf hin, dass nach der vorübergehenden Schließung „alles bleibe wie es ist“. Gutscheine etwa behalten ihre Gültigkeit.

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