Klopapier-Rollen in einer Bäckerei? Fast schon eine normale Nachricht im verrückten Corona-Jahr 2020 in Dortmund. Das Backparadies Schüren landete mit den als Toiletten-Artikel getarnten Marmorkuchen einen Verkaufs-Hit. © Jörg Bauerfeld (Archivbild)
Jahresrückblick

Klopapier-Kuchen, Virus-Tests im Stadion – Dortmunds bizarrste Nachrichten 2020

So ein verrücktes Nachrichten-Jahr wie 2020 hat unser Autor noch nie erlebt. Ein Rückblick auf die skurrilsten und unglaublichsten Corona-Schlagzeilen aus Dortmund.

Der Journalismus ist an manchen Tagen ein recht atemloses Gewerbe: Dann passieren alle Dinge gleichzeitig und man versucht irgendwie, nicht den Überblick zu verlieren, während einem die Deadline im Nacken kratzt.

Doch manchmal laufen einem in solchen Situationen Dinge über den Weg, die einen selbst im größten Stress innehalten lassen. Die einem helfen, kurz einen Schritt zurückzutreten und die Sicht freigeben auf das Chaos, das um einen tobt.

Sparkasse Dortmund schließt alle Außenfilialen – und kaum einen interessiert es

Bei mir war es Mitte März die Sache mit der Sparkasse. Eines Tages flatterte eine karge Pressemitteilung ins Redaktions-Mailfach. In ihr wurde nonchalant die Schließung nahezu aller Sparkassen-Filialen bis auf Weiteres verkündet.

„Dortmunds größtes Geldinstitut macht fast alle Filialen dicht“ – früher hätte eine solche Nachricht tagelang die Dortmunder Medien und die Stadtgesellschaft dominiert. Jetzt nahmen wir sie in der Zeitung als Meldung irgendwo auf einer hinteren Seite mit.

Es zeigt, wie verrückt diese Tage im März waren: Dortmund und der Rest von Deutschland steckten mitten in der beginnenden ersten Corona-Welle. Jeden Tag wurde irgendetwas abgesagt, wurden neue Einschränkungen verkündet oder andere Horror-Szenarien an die Wand gemalt.

Vor einem Jahr wären solche Schlagzeilen noch unglaublich gewesen

So ein Nachrichten-Jahr wie 2020 habe ich noch nie erlebt. Hätte man mir an Weihnachten 2019 gesagt, welche Schlagzeilen die kommenden 12 Monate produzieren würden, ich hätte ihm schallend ins Gesicht gelacht und ihm fürsorglich-vorsorglich das Festtags-Bier weggenommen – wer so einen Unsinn redet, sollte lieber mal einen Gang runterschalten.

Oder wie hätten Sie vor einem Jahr reagiert, wenn der Onkel oder die Tochter davon redet, dass das Revierderby kurzfristig abgesagt wird? Und dass kurze Zeit später im BVB-Stadion keine Fangesänge mehr angestimmt werden, sondern Menschen getestet und behandelt werden, die an einem neuartigen globalen Virus erkrankt sein könnten? So geschehen im März und April.

Meldungen wie aus einem schlechten Endzeit-Film

Diese Meldungen gehörten zu der Art von Nachrichten, die man zuvor nur aus mehr oder weniger guten Endzeit-Filmen kannte: Für Orte, die kurz zuvor noch für Lebensfreude und Spaß standen, gab es nun plötzlich viel ernstere Pläne.

Für die Westfalenhallen etwa, die zu einem Behelfskrankenhaus werden sollen, wenn die Kapazitäten der echten Kliniken erschöpft sein sollten. Oder die „Warsteiner Music Hall“, in der nun Menschen geimpft werden anstatt bei Konzerten zu tanzen.

Die gleiche dystopische Stimmung verströmt die neue Corona-Teststelle mit Drive-In in einem verlassenen Autohaus in der Nordstadt. Wenn hinter der nächsten Ecke des etwas heruntergekommenen Gebäudes Zombies warten würden, wäre ich auch nicht übermäßig erstaunt.

Grundgesetze als Wurfgeschosse

Doch dieses Corona-Jahr in Dortmund produzierte (zum Glück) nicht nur morbide und düstere Nachrichten. Es waren auch skurrile Meldungen dabei: Zum Beispiel die Meldung, dass der Weg rund um den Phoenix-See zur Einbahnstraße wird, aus dem April, oder meine Lieblings-Schlagzeile „Passanten werfen Grundgesetz auf Polizeiwagen“ von Anfang Mai.

Ein Schild weist im April 2020 auf die Einbahnstraßenregelung am Phoenix-See hin.
Ein Schild weist im April 2020 auf die Einbahnstraßenregelung am Phoenix-See hin. © Oliver Schaper (Archivbild) © Oliver Schaper (Archivbild)

Die zweite Nachricht klingt lustiger, als sie ist: Es geht um Corona-Leugner, die dieses Jahr ab April/Mai immer häufiger Schlagzeilen in Dortmund machten. Etwa im Oktober, als mehrere Hundert Menschen in die City kamen, um gegen die Coronaschutz-Maßnahmen zu demonstrierten.

Für besonderes Aufsehen sorgte dabei eine Gruppe so genannter „Neuer Bürger“, die in Ganzkörper-Schutzanzügen den Demo-Zug über den Wall anführten. Jeder hat eben seine eigene Art, mit einer Pandemie umzugehen.

Klopapier-Kuchen aus Schüren wird weltweite Nachricht

Eine viel weiter verbreitete Reaktion auf die Corona-Krise darf hier natürlich nicht unerwähnt bleiben: die offenkundige Liebe der Deutschen zum Klopapier. Wochenlang war es im Frühjahr schier unmöglich in Dortmund und der ganzen Republik, sich eine Packung der begehrten Rollen zu sichern. Ihr Wert stieg gefühlt ins Unermessliche – so sehr, dass in sozialen Medien der Witz kursierte, dass Hakle gerade Apple gekauft habe.

Einem Bäcker aus dem Dortmunder Süden verhalf die Klopapier-Not sogar zu internationalem Ruhm: Das „Backparadies“ in Schüren landete einen Verkaufshit, als es im März damit begann, Marmorkuchen zu machen, die wie Klopapier-Rollen aussahen. Zwischenzeitlich verkauften Inhaber Tim Kortüm und seine Mitarbeiter bis zu 900 Stück des leckeren „Klopapiers“. Medien aus der ganzen Welt berichteten über die skurrile Idee.

Zu Jahresende wiederholen sich die Nachrichten

Zu seinem Ende scheinen diesem Jahr die verrückten Schlagzeilen auszugehen. Vieles, was uns in aktuell in der zweiten (manche sprechen bereits von der dritten) Corona-Welle widerfährt, wirkt wie eine Wiederholung der Ereignisse aus dem Frühling, nur dass die Neuinfektions- und Todes-Zahlen leider ein ganz anderes, viel höheres Level erreicht haben.

Das Backparadies produziert nun eine Weihnachtsedition seiner Klopapier-Kuchen. Und die Sparkasse hat erneut alle ihre Filialen bis auf die Zentrale in der City geschlossen.

Das Gefühl des ungläubigen Staunens und Schauderns aus dem Frühling stellt sich nicht mehr ein. Vielleicht ist das auch eines der Hauptprobleme bei unser aller Umgang mit der Pandemie.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
1984 geboren, schreibe ich mich seit 2009 durch die verschiedenen Redaktionen von Lensing Media. Seit 2013 bin ich in der Lokalredaktion Dortmund, was meiner Vorliebe zu Schwarzgelb entgegenkommt. Daneben pflege ich meine Schwächen für Stadtgeschichte (einmal Historiker, immer Historiker), schöne Texte und Tresengespräche.
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Thomas Thiel

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