Kisten waren schon gepackt: Dortmunderin (86) darf in Demenz-WG bleiben

dzÄrger um Pflegekosten

Eine Dortmunderin (55) war der Verzweiflung nahe. Wegen steigender Pflegekosten sollte ihre Mutter (86) aus der Demenz-WG aus- und in ein Seniorenheim einziehen. Dann kam unerwartete Hilfe.

Marten, Kirchlinde

, 03.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit gut einem Jahr lebt die 86-jährige Dortmunderin in einer Martener Demenz-WG und fühlt sich dort ausgesprochen wohl. Auch ihre Tochter ist mit der Einrichtung mehr als zufrieden: „Man kümmert sich dort in kleinen Gruppen sehr rührend um die Bewohner.“

Vor rund einem Monat drohte der Kirchlinderin, einer Beamten-Witwe, allerdings der Auszug aus der lieb gewonnenen Wohngemeinschaft. Denn keiner der in Frage kommenden Leistungsträger will für die zusätzlichen Pflegekosten aufkommen, nachdem sich der Gesundheitszustand der 86-Jährigen zunehmend verschlechtert hat.

Sozialamt verweist auf die Beihilfestelle

„Das Sozialamt verweist auf die Beihilfestelle, diese verweist auf die Pflegeversicherung der Debeka“, berichtet die 55-jährige Tochter im Gespräch mit dieser Redaktion. Doch auch die Dekeka zeigt der berufstätigen Dortmunderin die rote Karte.

„Eine Demenz-WG gilt nicht als vollstationäre Pflegeeinrichtung. Ich muss also meiner Mutter einen erneuten Umzug in ein Seniorenheim mit vollstationärer Pflege zumuten, damit die Debeka die Kosten für den pflegerischen Mehraufwand übernimmt“, klagt sie.

Keine Wohnwechsel: Die an Demenz erkrankte Seniorin muss nicht umziehen.

Keine Wohnwechsel: Die an Demenz erkrankte Seniorin muss nicht umziehen. © Beate Dönnewald

Eine Anfrage dieser Redaktion bei der Pressestelle der Debeka bringt keine neue Erkenntnis. So teilt Christian Arns, Abteilungsleiter Konzernkommunikation, mit, dass diese Demenz-WG in Deutschland nicht als stationäre Pflegeeinrichtung zugelassen und eine vollstationäre Leistung durch die Debeka von Gesetz wegen nicht möglich sei.

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Tochter bereitet den Umzug der demenzkranken Mutter vor

Weil es um zusätzliche Pflegekosten von rund 1300 Euro monatlich geht, bereitet die 55-Jährige für ihre Mutter schließlich schweren Herzens den Auszug aus der Demenz-WG und den Umzug in ein Seniorenheim vor. „Es ist kurzfristig ein Platz frei geworden, da haben mein Mann und ich nicht lange überlegt.“

Parallel erreicht diese Redaktion eine Antwort der städtischen Pressestelle zu dem Fall. Vor allem der letzte Satz darin stimmt hoffnungsfroh: „Wir wollen ausdrücklich nicht, dass Frau G. allein aufgrund finanzieller Aspekte einen Umzug in eine stationäre Pflegeeinrichtung auf sich nehmen muss“, schreibt Stadtsprecherin Katrin Pinetzki.

Tatsächlich sind schon alle Kisten und Koffer gepackt, als wir der verzweifelten Tochter diese Information mitteilen. „Ich habe direkt beim Sozialamt angerufen und der Sachbearbeiter riet mir von dem Umzug dringend ab“, berichtet sie. Kurzerhand packt sie Kisten und Koffer wieder aus.

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Mittlerweile steht fest, dass das Sozialamt Mutter und Tochter unterstützen wird. Wie es zu diesem „Sinneswandel“ kam, erklärt Katrin Pinetzki: „Bei Beamten beziehungsweise ihren versorgungsberechtigten Angehörigen geht man zunächst davon aus, dass sie keinen Bedarf an Sozialhilfe haben.“ Dafür sprächen das verfassungsrechtliche Alimentationsprinzip, die beamtenrechtliche Fürsorge und der ergänzende private Versicherungsschutz. „Deshalb haben die Mitarbeiter zu Recht zunächst auf die Klärung mit den vorrangigen Leistungsträgern verwiesen.“

Sozialhilfe-Antrag ist gestellt

Das Fürsorgeprinzip im beamtenrechtlichen Beihilferecht habe insbesondere in der stationären Pflege eine sehr deutliche Ausgestaltung erfahren, so Pinetzki weiter. „Wenn aber im Einzelfall eine alternative Wohnform gewählt wurde und hier möglicherweise die vorrangigen Leistungen nicht ausreichen, soll dies – wie bereits dargestellt – nicht dazu führen, dass eine hochaltrige Person ihre vertraute Umgebung aufgeben muss.“

Daher habe das Sozialamt mittlerweile einen Sozialhilfe-Antrag aufgenommen. „Eine Pflegekraft des Sozialamtes ist bereits dabei, den individuellen pflegerischen Bedarf zu bewerten. Sobald über die Höherstufung entschieden ist, werden die vorrangigen Ansprüche bewertet und – falls nötig – im Sozialamt ergänzende Sozialhilfeleistungen bewilligt.“

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