Kindesmissbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung: Zahl der Fälle steigt massiv

dzKinderschutz

Immer öfter muss das Dortmunder Jugendamt wegen Kindeswohlgefährdung eingreifen. Auch das Kinderschutzzentrum Dortmund bestätigt den Trend. Dort sind die Fallzahlen deutlich gestiegen.

Dortmund

, 16.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Fröhlich spielende Kinder sind auf der Fassade des Kinderschutzzentrums an der Gutenbergstraße zu sehen. Bei den Gesprächen in der Beratungsstelle geht es meist weniger fröhlich zu. Die Beratungsstelle ist mit einem Team aus Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeitern ein wichtiges Rädchen im Einsatz gegen Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellen Missbrauch von Kindern.

Dort steigt, wie bei den Jugendhilfediensten der Stadt, die Zahl der Fälle. 823 Beratungsfälle wurden 2018 im Kinderschutzzentrum registriert, 139 mehr als im Vorjahr. Ein Grund: Viele Fälle wurden aus dem Vorjahr übernommen, weil sie immer komplexer werden und eine längere Beratungszeit brauchen, erklärt Kinderschutzbund-Geschäftsführerin Martina Niemann.

Zusammenarbeit mit Kinderärzten

Aber auch die Zahl der neuen Fälle steigt. 477 Neuaufnahmen gab es 2018, 108 mehr als im Vorjahr. Grund ist vor allem einem Projekt unter dem Titel „Vor Ort“, bei dem der Kinderschutzbund Sprechstunden in Kinderarztpraxen anbietet.

Stark gestiegen ist auch die Nachfrage nach Trauma-Therapien, berichtet Ursula Nott-Pohl, Diplom-Pädagogin und Kreativtherapeutin beim Kinderschutzzentrum. Oft kommt die Anfragen dazu über die Opferhilfe der Polizei, über Kliniken, aber auch das städtische Jugendamt.

„Gemeinschaftliche Aufgabe“

Generell spielen Kooperationen beim Kinderschutz eine wichtige Rolle, betonen die Vertreter des Kinderschutzzentrums. In Dortmund gibt es inzwischen ein enges Netzwerk von Kitas über Schulen bis zu Jugendamt und Polizei. „Kinderschutz ist eine gemeinschaftliche Aufgabe“, sagt auch Doris Punge, Bereichsleiterin für die Jugendhilfedienste im städtischen Jugendamt.

Die gestiegene Zahl an Hinweisen auf mögliche Kindeswohlgefährdung sieht sie auch als Zeichen dafür, dass die Sensiblität für das Thema gewachsen ist.

Dabei geht es nicht unbedingt um sexuellen Missbrauch und häusliche Gewalt, sondern meist um Vernachlässigung: Kinder, die im Winter bei Minustemperaturen in Sommerkleidung herumlaufen, Windeln, die tagelang nicht gewechselt werden, fehlende Mahlzeiten. Die Familienhelfer des Jugendamtes schauen sich deshalb bei Hausbesuchen nicht nur die Kinder genau an, sondern werfen oft auch einen Blick in den Kühlschrank - und gehen im Zweifelsfall mit einkaufen, erklärt Doris Punge.

Soziale Problemlagen

Hintergrund für Kindeswohlgefährdung ist oft die soziale Lage. Meist ist es schlicht Überforderung der Eltern und vor allem von Alleinerziehenden - mit Finanzen, mit Bürokratie mit dem Leben an sich. „Viele Familien leben immer isolierter, ohne ein soziales Netz mit Großeltern und Freunden“, berichtet Doris Punge.

Bei akuten Kindeswohlgefährdungen ist schnelle Hilfe gefragt. „Bei Hinweisen gehen wir raus. Wenn kleine Kinder betroffen sind, sofort“, sagt Punge. Auch nachts sind die Sozialarbeiter im Einsatz. Etwa, wenn sie von der Polizei in Fällen von häuslicher Gewalt alarmiert werden. Oft kommen Hinweise auf die Vernachlässigung von Kindern aber auch von Schulen und Kindergärten oder von Nachbarn.

Hilfen haben Vorrang

In jedem Falle wird vor Ort geprüft, ob die Kinder in der Familie bleiben können. „Das Elternrecht ist ein sehr starkes Recht“, sagt Doris Punge. „Oberste Prämisse ist, dass die Kinder bei ihren Eltern bleiben.“ Dann wird eine Kontrolle durch die Familienhilfe vereinbart. Hier kommen Einrichtungen wie das Kinderschutzzentrum ins Spiel, die Familien intensiv beraten.

Notfalls werden Kinder aber auch in Obhut genommen. Jüngere kommen dann in sogenannte Bereitschaftspflegestellen - in der Regel Pflegefamilien, die Kinder kurzzeitig aufnehmen. Ältere werden in Wohngruppen untergebracht, die meist von sozialen Verbänden betreut werden.

„Die meisten Inobhutnahmen laufen ruhig ab“, stellt Punge fest. In der Regel am nächsten Tag werden die Fälle dann dem Familiengericht vorgetragen. Es muss dann entscheiden, ob die Kinder längerfristig aus den Familien genommen werden. Schwierig ist es oft bei schwer psychisch erkrankten oder suchtkranken Eltern, sagt Punge. Hier gilt es dann, auch für sie ein soziales Netz zu knüpfen.

Lesen Sie jetzt