„Kinder musste ich nicht erschießen“: Dortmunder an Massaker beteiligt

dzNS-Täter

Es war eines der größten Massaker in der NS-Zeit. Über 30.000 Juden wurden 1941 bei Kiew erschossen. Ein Dortmunder war einer der Täter. Er arbeitete noch bis in die 70er als Polizist in Dortmund.

von Stefan Klemp

Dortmund

, 30.09.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Ich kann nicht mehr sagen, wie oft ich als Schütze andere Kameraden ablösen musste und wer mit mir geschossen hat. Einmal wurde ich (…) abgelöst.“ Ein Dortmunder Schutzpolizist war an einer der größten Massenerschießungsaktionen im Zweiten Weltkrieg beteiligt und machte dazu eine bemerkenswerte Aussage.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 marschierten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und Polizeibataillone nach Osten und ermordeten hinter der Front Hunderttausende von Menschen, vor allem Juden. Es starben Männer, Frauen und Kinder.

Von der Steinwache zum Auslandseinsatz

Diese Massenerschießungen waren ein Hauptbestandteil der Judenvernichtung. Sie wurden nicht von der SS, sondern von Polizisten verübt. Am 29. und 30. September 1941 töteten sie bei einer der größten Mordaktionen über 30.000 Juden in der Schlucht von Babi Yar. Einer von ihnen war Franz Unseld, Jahrgang 1914, in den 1960er Jahren Wach- und Einsatzführer der Polizeidienststelle an der Steinstraße, der „Steinwache“.

Die Gedenkstätte Steinwache recherchiert zur Geschichte der Dienststelle nördlich des Hauptbahnhofes. Dabei ist der Autor dieser Zeilen auf die Materialien zur Biographie des Beamten gestoßen.

Franz Unseld hatte seine Laufbahn 1936 in Dortmund begonnen. Der gelernte Bierbrauer besuchte die Polizeischule. Danach machte er Revierdienst. Ab 2. November 1940 war er als Zugführer in der 2. Kompanie des Polizeibataillons 45 im Osten eingesetzt. Es gehörte zum Polizeiregiment Süd.

Franz Unseld in Uniform - ein Bild aus seiner Personalakte.

Franz Unseld in Uniform - ein Bild aus seiner Personalakte. © Landesarchiv NRW

Auf dem Vormarsch erschossen die Männer des Polizeibataillons 45 im August und September 1941 Tausende von Juden in der Ukraine. Fast täglich hielten Funksprüche des Höheren SS- und Polizeiführers Süd den Massenmord mit schwankenden Opferzahlen fest. Am 6. September, das Polizeibataillon 45 befindet sich in Berditschew, meldet er etwa: „Erfolge: 144 Juden erschossen“.

Jetzt lesen

Die Aktion vom 29. und 30. September sticht aus der Vielzahl der Tötungseinsätze heraus: Die Ereignismeldung UdSSR Nr. 97 vom 28. September 1941 kündigte eine „Exekution von mindestens 50.000 Juden“ an. Auf Plakaten wurden Juden in Kiew dazu aufgefordert, sich für eine „Umsiedlung“ an einem Sammelplatz in Kiew einzufinden. Warme Kleidung und Wertsachen sollten mitgebracht werden.

Als Tatort wurde eine zweieinhalb Kilometer lange Schlucht namens Babi Yar ausgewählt. Sie war zwischen 5 und 30 Meter tief.

Exekutionskommando mit Maschinenpistolen

Über 30.000 Juden kamen zum Sammelplatz. Sie wurden von Angehörigen der Polizei zu Fuß zur Schlucht getrieben, wo sie ihre Wertsachen ablegen und sich ausziehen mussten. Männer des Polizeibataillons 45 durchsuchten die Juden und machten „Leibesvisitationen“.

Dann führten sie die Juden gruppenweise zu den Stellen der Schlucht, an denen Exekutionskommandos Aufstellung genommen hatten. 40 Männer von der 2. Kompanie des Polizeibataillons 45 bildeten ein Exekutionskommando. Sie schossen mit Maschinenpistolen.

Ein Ausschnitt aus der Personalakte von Franz Unseld.

Ein Ausschnitt aus der Personalakte von Franz Unseld. © BStU

In den 1960er Jahren wurde Franz Unseld im Dortmunder Polizeipräsidium zu seinem Einsatz als Beschuldigter vernommen:

„Die (…) herangeführten Juden (…) waren nur mit der Unterwäsche bekleidet. Männer, Frauen und Kinder kamen der Reihe nach an. Sie haben sich ohne Aufforderung bäuchlings auf die bereits erschossenen Juden gelegt. Ich darf in diesem Zusammenhang bemerken, dass die Juden sehr gefasst und ruhig in den Tod gingen. Die Masse stand an einem Hang und konnte auf dem Weg zur Schlucht den Exekutionsvorgang beobachten. Dann wurden auf die Juden Genickschüsse abgefeuert. Es hat jeweils nur ein Schütze abgefeuert. Beide Schützen haben sich gegenseitig abgelöst.

Unter den von mir zu exekutierenden Opfern befanden sich Männer, Frauen. Kinder musste ich Gott sei Dank nicht erschießen. Ich habe aber zugesehen, wie manchmal Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm an die Reihe kamen. Meistens haben die Mütter ihre Kinder hingelegt und haben zugesehen, wie ein Angehöriger des Exekutionskommandos auf das Kind geschossen hat. Meistens haben die Mütter den Schützen gebeten, gut zu schießen.

„Es war grauenhaft“

Als ich schießen musste, standen gerade keine Kinder in der Reihe beziehungsweise wurden solche von Müttern nicht mit zur Exekutionsstätte getragen. Wäre dies der Fall gewesen, hätte ich auch die Kinder mit erschießen müssen. Auf eine Zahl, wieviel Opfer an dem fraglichen Tag durch das Exekutionskommando der 2. Kompanie erschossen wurden, kann ich mich nicht festlegen. Ich schätze aber, dass es um die tausend Juden gewesen sein könnten.

Nein, ich muss mich berichtigen, das kann nicht sein. So viele waren es nicht. Wir hatten ja auch Pausen. Der ganze Einsatz hat ja auch höchstens 10 Stunden gedauert.“ (…)

Jetzt lesen

„Ich kann mich nicht festlegen, wie viele Opfer von mir erschossen werden mussten. Es können an die 50 gewesen sein. 200 bis 300 Juden, die Galle erschossen haben will, waren es bei mir bei weitem nicht. (…)

Es war grauenhaft und ein kaum zu schildernder Anblick, wie die Erschießungen vor sich gingen. (…) Ich wurde nach etwa einer halben Stunde als Schütze abgelöst, kam später aber dann nochmals für da 20 Minuten als Schütze in die Schlucht. Es war damals sehr heiß und es herrschte ein penetranter Geruch.“

Die meisten Menschen wurden am ersten Tag erschossen. Abends wurde die Aktion wegen der Dunkelheit unterbrochen. Die noch Lebenden mussten in einer großen Halle übernachten, bevor sie am zweiten Tag ermordet wurden. Vom Polizeiregiment Süd waren die Polizeibataillone 45 und 303 beteiligt.“

33.771 Menschen ermordet

Die Ereignismeldung UdSSR Nr. 101 vom 2. Oktober 1941 zieht Bilanz: „Das Sonderkommando 4 a hat in Zusammenarbeit mit Gruppenstab und zwei Kommandos des Polizei-Regiments-Süd am 29. und 30.9.1941 in Kiew 33.771 Juden exekutiert.“

Von der Erschießung selbst sind keine Bilder vorhanden. Vermutlich am 1. Oktober machte der Fotograf Johannes Hähle, Mitglied der Propagandakompanie 637 der Wehrmacht, Aufnahmen in der Schlucht, wo noch die Kleidung der Ermordeten herumlag. Nach Beendigung der Massenerschießungen hatten Pioniere der Wehrmacht die Ränder der Schlucht gesprengt, so dass Erdmassen die Leichen begruben.

Als „unbelastet“ entnazifiziert

Nach den Einsätzen in der Ukraine wurde das Polizeibataillon 45 auch an anderen Orten der Sowjetunion eingesetzt. Unseld war 1944 und 1945 als Leutnant mit dem Polizeiregiment 6 in Ungarn eingesetzt. Er kam in Kriegsgefangenschaft und wurde im Mai 1946 entlassen.

Nach Kriegsende lebte Unseld von Gelegenheitsjobs. Er wurde als „unbelastet“ entnazifiziert und in Gruppe 5b eingestuft. Am 11. Dezember 1951 wurde er in Dortmund als Wachtmeister wieder eingestellt.

Jetzt lesen

Die Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelte in den 1960er Jahren gegen Angehörige des Polizeibataillons 45. Sie stellte das Verfahren gegen Franz Unseld im Februar 1970 ein. Engelbert Kreuzer, Chef der 2. Kompanie des Polizeibataillons 45, wurde 1971 vom Landgericht Regensburg wegen Beihilfe zum Mord zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Als Franz Unseld 1974 in Pension ging, war er Polizeihauptkommissar.

Recherchen für die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache

  • Der Autor dieses Beitrags, Stefan Klemp, ist Historiker und Journalist mit dem Spezialgebiet Ordnungspolizei während der NS-Zeit und Nachkriegsjustiz.

  • Er arbeitet für die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache und ist aktuell an der Neukonzeptionierung der Ausstellung zu Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit beschäftigt.
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt