Während der Schweigeminute in der Bittermark wird telefoniert. Nazis machen sich über Trauer lustig. Extreme Beispiele? Verrohung ist in Dortmund auch woanders zu beobachten. Geht‘s noch?

Dortmund

, 29.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Zahl der Toten ist nicht genau bekannt. Bis zu 300 Menschen, sagt man, wurden in Dortmund in den Ostertagen 1945 von den Nationalsozialisten ermordet. Es war ein brutales Unrecht. Es starben Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Widerstandskämpfer. Viele bleiben unbekannt. Bis heute. Von einigen kennen wir die Namen. Sie werden bei der zentralen Gedenkveranstaltung in der Bittermark - dort und im Rombergpark geschah das Grauen - in einer eindrucksvollen Zeremonie verlesen. Es ist der Moment, in der eine Mutter lautstark mit ihren Kindern den Inhalt des Picknick-Korbs der Familie diskutiert. „Nimm erst die Trauben, die Nüsse halten sich länger.“

Handy während der Schweigeminute

Selbe Veranstaltung, ein paar Meter weiter: Vorne unterm Mahnmal bitten die Botschafter der Erinnerung, die zuvor auch die Namen verlesen hatten und die Veranstaltung moderieren, um eine Schweigeminute für die Opfer. Stille kehrt ein – bis das Klingeln eine Mobiltelefons sie zerreißt. Sein Besitzer geht ran, erörtert, für alle Umstehenden vernehmbar, wo er gerade sei und warum er gerade nicht telefonieren könne. Schließlich sei gerade Schweigeminute. Das Kopfschütteln und Psst!-Zischen seiner Nachbarn ignoriert er geflissentlich. Bis er endlich auflegt, ist die Minute fast um.

Solch ein Verhalten ist unanständig. Es erschüttert mich. Es verhöhnt die Toten und stört die Lebenden, die den Weg in die Bittermark auf sich genommen haben und die Zeremonie verfolgen wollen. Wie unsensibel, wie ignorant kann man eigentlich sein?!

Wenn Gedenken zum Event zu werden droht, läuft was falsch

Das Karfreitags-Gedenken ist noch eine würdevolle Veranstaltung. Aber es droht zum Event zu werden, wenn alle nur an ihre eigene Unterhaltung denken. Dazu passt, was ein Leser in einem Brief an die Redaktion berichtet. Er nimmt seit Jahren am Heinrich-Czerkus-Lauf teil, der an die Bittermarks-Veranstaltung angeschlossen ist. Nicht zuletzt, um des BVB-Vereinswarts zu gedenken, der zu den Getöteten zählt. Ihm ist der Lauf gewidmet. Der Leser bemerkt, dass der Lauf weniger Gedenken als Party ist, wenn trotz der Zeremonie fröhlich weiter geprostet und gelacht wird.

Wenn Neonazis Smileys unter Trauer-Artikel posten - Dortmund, wie konntest du so verrohen?

Warum kann man ein Telefon nicht einmal für eine Minute ignorieren oder sich zum Telefonieren von der Veranstaltung entfernen? © Illustration Verena Hasken

Es ist grundsätzlich in Ordnung, die Zusammenkunft auch mit Freude zu verbinden. Nur die paar Minuten des tatsächlichen Gedenkens gilt es auszuhalten, ohne laut zu Schwätzen oder das Wiedersehen zu feiern.

Anstand ist auch, Unanständiges nicht einfach hinzunehmen

Tags drauf postet ein stadtbekannter Neonazi unter den Beitrag mit der Zeile „300 Menschen von Nazis grausam und heimtückisch ermordet einen Smiley. Was geht in so jemandem vor? Es macht mich traurig und wütend, wenn Leid relativiert wird. Ihm und seinen Gesinnungsgenossen gilt es, Einhalt zu gebieten.

Anstand ist auch, Unanständiges nicht einfach hinzunehmen. Es gibt Dinge, die sind unsag- und undenkbar - und müssen es auch bleiben. Da gibt es nichts zu diskutieren.

Anstand, der - Substantiv, maskulinum - „gute Sitte, schickliches Benehmen“ definiert das Wörterbuch. In Dortmund fehlt er allzu oft. Da braucht es keine förmliche Veranstaltung wie das Karfreitags-Gedenken, um das zu bemerken. Es genügt der Weg über den Westenhellweg, wenn einem vor die Füße gerotzt wird, die Zigarettenkippe oder der Müll einfach weggeworfen werden, jemand einfach die Einkaufsstraße überquert, ohne sich zu scheren, ob da gerade jemand anderes läuft.

Anständige riskieren eine blutige Nase

Unanständig sind alltäglicher Rassismus und Diskriminierung, die hingenommen werden. Anständig ist, wer nicht wegguckt in der Bahn, sondern den Mund aufmacht, wenn jemand pöbelt oder wen anderes bedrängt. Freilich: Das ist nicht immer leicht, erfordert viel Mut und man riskiert buchstäblich, sich eine blutige Nase zu holen.

Es gibt Hoffnung

Manchmal blitzt er noch auf, der Anstand. Bei meinem Arztbesuch neulich zum Beispiel. Das Wartezimmer war voll, viele standen, auch eine ältere Dame. Die, die saßen, blickten auf ihre Handys oder in die Zeitschrift. Die Dame trat von einem Bein aufs andere. Das Stehen wurde ihr lang. Ein sitzender Patient bemerkte das, sprang vom Stuhl auf und bot sofort seinen Platz an. Das wünsche ich mir häufiger.

Anstand. Es kann so leicht sein, anständig zu sein, und es scheint doch so schwer. Es hilft aber, sich in andere Menschen hineinversetzen, ihre Bedürfnisse zu verstehen. Sich an gelebte Regeln zu halten. Denn gute Sitten und damit Regeln sind entstanden, nicht um uns zu gängeln, sondern damit wir alle besser miteinander leben können. Das, liebes Dortmund, sind wir uns alle schuldig. Bleib anständig. Ich will es auch versuchen!

Dennis Werner (39) ist leitender Content-Manager der Stadtredaktion Dortmund. Er ist seit zwölf Jahren bei den Ruhr Nachrichten, hat dort volontiert und als Reporter gearbeitet. Er verwaltet, koordiniert und plant die Themen der Redaktion.
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