Jobs reichen nicht zum Leben und arme Kinder: Ist Dortmunds Westen der neue Norden?

dzSoziale Probleme

Wenn von Armut in Dortmund die Rede ist, geht es meistens um die Nordstadt. Das greift zu kurz. Aktuelle Zahlen werfen die Frage auf: Wird der Dortmunder Westen zum neuen Norden?

Dortmund

, 25.08.2019, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Dortmunder Norden gilt schon lange als schwierig. Arbeitslosigkeit, soziale Probleme oder auch Kriminalität oder heruntergekommene Ecken sind Dinge, die man mit etlichen Nord-Gegenden verbindet. Beim Blick auf viele relevante Sozialdaten wie die Zahl der Transferleistungsempfänger, Kinderarmut oder Arbeitslosigkeit entwickeln sich aber auch die Werte in einigen westlichen Stadtteilen Dortmunds negativ. Das verrät der Blick in den neuen städtischen Sozialbericht. Besonders gewachsen ist der Anteil von Kindern, die von staatlichen Transferleistungen abhängig sind - auf teilweise über 40 Prozent wie in Nette. Ist das ein Alarmsignal? Oder alles nichts Neues?

Sechs von 13 sogenannten städtischen „Aktionsräumen“ liegen im Westen der Stadt. Nette, Westerfilde/Bodelschwingh, Dorstfelder Brücke und Marten sind schon seit 2007 Orte mit besonderem Bedarf an Unterstützung. Neu hinzukommen sollen bis Ende 2020 Bövinghausen/Westrich und Dorstfeld.

Das machen die Menschen vor Ort: das Beispiel Martener Forum

Die Menschen in den Stadtteilen leben seit Jahren mit den Herausforderungen. „Es ist nicht überraschend, dass die wachsende soziale Spaltung der Gesellschaft an Dortmund nicht vorbeigeht“, sagt Ingo Rößler vom Bürgerverein Martener Forum. „Wir können die globalen Voraussetzungen und Ursachen nicht ändern. Aber wir können kleine Dinge ansteuern. “

Jetzt lesen

Als Beispiel nennt er den Einsatz für „Lebensqualität“ im Stadtteil. Ob durch Sitzbänke, Spielplätze, Radwege oder die Kulturveranstaltungen im Treffpunkt „Meilenstein“, die auch für diejenigen da sind, „die nicht 15 bis 20 Euro für einen Abend ausgeben können“. Vieles läuft auf Projektbasis und ist dadurch nicht langfristig gesichert. „Aber wir wissen, dass wir auf viele Menschen bauen können und das Engagement der Menschen in Marten groß ist“, sagt Ingo Rößler.

Das Martener Forum steht stellvertretend für das Engagement, das es auch in Bodelschwingh, Westerfilde, Nette und rund um die Dorstfelder Brücke gibt. Mentorenprogramme für Schüler wie in Nette, die Bürgerwohnung in Westerfilde, das Projekt U-Jack an der Rheinischen Straße gelten zurecht als Erfolge.

Im Westen schlägt eine gesamtstädtische Entwicklung durch

Das alles verhindert nicht, dass sich im Dortmunder Westen eine gesamtstädtische Entwicklung niederschlägt. Denn die Arbeitslosenquote sinkt zwar. Aber es gibt viele Menschen, die in Teilzeit oder Minijobs angestellt sind und nicht von ihrer Arbeit leben können und weiterhin auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die Zahl der Transferleistungsempfänger ist in Dortmund deshalb sogar leicht steigend - besonders in den Aktionsräumen.

Laut Sozialdezernentin Birgit Zoerner würden viele Arbeitsmarktinstrumente bereits Wirkung zeigen. „Aber es kommen viele andere Einflüsse hinzu“, sagt Zoerner. Ein Beispiel dafür sei die europäische Binnenmigration, durch die allein 13.000 Personen mit „schwierigen Voraussetzungen für den Arbeitsmarkt“ in der Stadt leben würden.

Das eine sind die Zahlen. Das andere ist die Realität in den Stadtteilen. Dort gibt es Leerstand und offen sichtbare soziale Probleme. Es gibt langfristige Folgen von Armut wie mangelnde Kindergesundheit oder ungleiche Bildungschancen. Aber eine große Zahl an Menschen lebt gerne in ihrem Stadtteil. Häufig konzentrieren sich Probleme auf wenige Straßenzüge oder Siedlungen.

Jetzt lesen

Zu einem gewissen Teil ist die Entwicklung historisch bedingt. Das Zechensterben in den 1960er Jahren hat westliche Stadtteile wie Dorstfeld oder Marten besonders getroffen – das wirkt 50 Jahre später immer noch nach. In der jüngeren Vergangenheit haben die Schließungen von Nokia (2008) und Opel (2014) im nahen Bochum eine größere Zahl an Menschen in ihrer Existenz getroffen. An anderer Stelle wie in Westerfilde sind viele Probleme hingegen das Ergebnis von Fehlplanung vor Ort. Stichwort: Hochhäuser.

Muss man Stadtteile stigmatisieren, damit sich etwas verbessern kann?

Die städtischen Daten dienen der Analyse, noch nicht der Bewertung. Sozialdezernentin Birgit Zoerner sagt: „Wir machen erst die Diagnose, dann die Therapie. Wir müssen herausfinden: Woran liegt es? Die Zusammenhänge liegen nicht mehr so auf der Hand wie früher, sondern sind dynamischer geworden.“

Die Stimmung, die sich durch jahrelange Abwärtsentwicklung in bestimmten Stadtteilen entwickelt hat, versuchen sich Populisten und Extremisten zu Nutze zu machen. Zum Teil mit Erfolg, wie sich bei der Europawahl im Mai 2019 etwa in Westerfilde gezeigt hat: Hier erhielt die AfD in einem Wahllokal stadtweit die meisten Stimmen.

Ingo Rößler hat in Marten allerdings die Erfahrung gemacht, dass man die Vertreter extremer Lösungen für soziale Fragen gut isolieren kann. „Aber man muss da zupacken und zusammenstehen.“

Wird der Westen zum neuen Norden? Die Frage beschreibt letztlich ein Dilemma der Sozialstatistik. Benennt man soziale Probleme, führt das zu einer Stigmatisierung von Stadtteilen. Zugleich braucht man die klare Analyse, um Problemen auf den Grund zu gehen. Josephin Tischner aus dem Stadtplanungamt sagt bei einer Infoveranstaltung zum Sozialbericht sogar: „Für den sozialen Aufstieg braucht eine Stadt auch solche Viertel, wo Menschen ankommen.“

Lesen Sie jetzt