Würden den Paragrafen 218 gern abgeschafft sehen: (v.l.) Medizinerin Angelika Merkl und Diplom-Psychologin Bärbel Nellissen von der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle der Dortmunder AWO und die AWO-Unterbezirksvorsitzende und Anja Butschkau. © Gaby Kolle
Schwangerschaften in Dortmund

Jede sechste Schwangerschaft wird abgebrochen: Das sind die Gründe

Seit 30 Jahren macht Angelika Merkl für die Awo in Dortmund Schwangerschaftskonfliktberatung. Rund 1000 Abbrüche gibt es pro Jahr in Dortmund, aber für manche tragischen Fälle keine Lösung.

Zuweilen sitzt Angelika Merkl zwischen zwei Stühlen – zwischen einer weinenden Mutter, die keine weiteren Kinder möchte, und einem weinenden Vater, der sich das ungeborene Kind so sehr wünscht. Angelika Merkl ist Medizinerin und seit 30 Jahren in der Schwangerschaftskonfliktberatung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Dortmund tätig.

Für diese tragischen Fälle hat sie aber keine Lösung. „Das macht mich dann immer betroffen.“ Sie erlebt die Ohnmacht und Hilflosigkeit des Mannes und das Nein der Frau, die schon drei Kinder hat und sich mit einem vierten überfordert fühlt.

Angelika Merkl sitzt mittendrin und kann beide verstehen. Am Ende stellt sie die Beratungsbescheinigung aus, ohne die es nach Paragraf 218/219a keinen Schwangerschaftsabbruch gibt, bietet aber weitere Beratung an.

Im juristischen Sinne schuldig

In Dortmund werden pro Jahr zwischen 5200 und 5900 Babys geboren. Gleichzeitig gibt es rund 1000 Schwangerschaftsabbrüche; denn jede sechste Schwangerschaft in Deutschland endet mit einer Abtreibung.

Frauen, die abtreiben, machen sich im juristischen Sinne schuldig, auch wenn sich die Rahmenbedingungen seit 1991 in Teilen geändert haben. „An der Situation ungewollt schwangerer Frauen hat sich nichts geändert. Sie sind immer in Not“, sagt Merkl.

Nach Paragraf 218, seit 150 Jahren im Strafgesetzbuch (StGB) verankert, ist ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich für alle Beteiligten – schwangere Frauen sowie Ärzte und Ärztinnen – strafbar. Aber es gibt auch Ausnahmen, unter anderem, wenn sich eine betroffene Frau von einer staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle wie die der Awo beraten lässt. Am Ende dieses Gesprächs bekommt sie den erforderlichen Beratungsschein.

Konstrukt der „straffreien Straftat“

Die Politik schuf dieses juristische Konstrukt der „straffreien Straftat“ 1995, nachdem das Bundesverfassungsgericht 1993 eine parlamentarisch beschlossene Fristenregelung gekippt hatte.

Damit sei versucht worden, einen Konsens zwischen dem Schutz des Lebens und dem Recht auf Selbstbestimmung der Frauen herbeizuführen, meinen Bärbel Nellisen, Diplom-Psychologin und Leiterin der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle bei der Dortmunder Awo, und Angelika Merkl.

Die Paragrafen 218 und 219a – letzterer regelt die Beratung – sorgen seit vielen Jahren für Diskussionen. In vielen Bereichen hat das Recht auf Selbstbestimmung an Bedeutung gewonnen, aber nicht für Frauen bei einer ungewollten Schwangerschaft.

Frauen nicht kriminalisieren

„Frauen empfinden so eine Zwangsberatung als total ungerecht“, sagt Anja Butschkau, Dortmunder SPD-Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des Dortmunder AWO-Unterbezirks, der eine Position zu dem gesetzlich vorgeschriebenen Hürdenlauf hat. „Wir möchten die Gesetzeslage verändert haben, die Frauen kriminalisiert.“

Rund 700 Schwangerschaftskonfliktberatungen im Jahr führt die Awo in Dortmund durch. Zusammen mit zwei weiteren Dortmunder Beratungsstellen sind es jährlich etwa 1500 solcher Gespräche. Mit welchem Ergebnis sie enden, wissen die Beraterinnen nicht.

„Wir beraten ergebnisoffen“, sagt Angelika Merkl für die Awo. „Allein die Frau entscheidet, welchen Weg sie geht. Sie kann hier ohne Wertungen mit jemandem darüber sprechen.“

10 bis 15 Prozent unentschlossen

85 bis 90 Prozent seien schon entschlossen, einen Abbruch zu machen, wenn sie in die Beratungsstelle kommen, sagt Merkl. „Viele Frauen erfahren in der fünften, sechsten Woche, dass sie schwanger sind und haben dann noch zwei, drei Wochen Zeit, zu einem Entschluss zu kommen. Die Zeit nutzen auch viele.“

10 bis 15 Prozent der Frauen dagegen sind noch in der „Schockphase“. Für sie sei ein Beratungsgespräch hilfreich, die Dinge zu sortieren, so die Medizinerin. Sie reserviert eine Stunde pro Beratung. Manchmal dauert es auch nur eine Viertelstunde. „Wenn die Schwangere noch ambivalent ist, kann es später schwierig für sie werden, mit einem Abbruch zurechtzukommen. Dann dauert eine Beratung eventuell länger.“

Ein Schwangerschaftsabbruch sei immer noch ein Tabu-Thema, sagt Merkl. Weniger aus Angst vor Strafe, sondern mehr vor gesellschaftlicher Ächtung. Viele Frauen könnten auch nicht auf die Unterstützung zählen, die sie erwarteten. „Sie sind oft allein gelassen.“

Drei Hauptgründe für den Abbruch

Bärbel Nellissen identifiziert drei Hauptgründe für einen Schwangerschafts-Abbruch:

  • Allen voran die berufliche und finanzielle Situation der betroffenen Frauen. Wenn sie keinen Festvertrag haben, ist ihre Sorge, im Falle einer Schwangerschaft keine Vertragsverlängerung zu bekommen.
  • Die Partnerschaft ist nicht stabil genug.
  • Die Geburtenfolge ist zu schnell oder die Familienplanung abgeschlossen. Zwei Drittel der Frauen haben bereits Kinder, 10 Prozent wollen gar keine Kinder.

Immer mehr Frauen, so Nellissen, haben keinen Schwangerschaftskonflikt. Sie möchten einfach keine Kinder: „Das ist in dieser Intensität neu.“ Das sei eine ganz klare Lebensentscheidung. Unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen – Doppelbelastung und keine Garantie auf Unterhalt – sind sie nicht bereit, ein Kind in die Welt zu setzen.

„Es ist uns nicht gelungen, Bedingungen zu schaffen, die ermutigend sind“, sagt die Psychologin. Im Gegenteil: Der Erwartungsdruck sei noch größer geworden. Mit Verweis auf Kita-Plätze sagten auch Vorgesetzte: „Jetzt komm auch klar“. Haushalt, Kindererziehung mit Hausaufgabenbetreuung, das alles bleibe nach wie vor an den Frauen hängen neben der eigenen Berufstätigkeit.

Kein positives Mutterbild

Abgesehen von einigen Nischen wie zum Beispiel bei den Anthroposophen seien in den letzten Jahrzehnten keine positiven Mutterbilder entstanden, so Nellissen: „Entweder Heimchen am Herd oder Rabenmutter und Karrierefrau, die ihr Kind in die Kita abschiebt.“ Es bedürfe einer Debatte, über die Wertschätzung und Wertigkeit von Erziehungsarbeit, „nicht nur monetär“.

Die Awo macht auch Kinderwunsch-Beratung. Bärbel Nellissen bekommt dann mit, dass dort von einer Enddreißigerin ein früherer Schwangerschaftsabbruch sehr schmerzlich erinnert wird. „Wenn es irreversibel wird, kann eine solche Entscheidung leidvoll werden.“

Jede Frau hat eine eigene Lebensplanung – die 20-Jährige am Beginn des Studiums und die 35-Jährige, die schon drei Kinder hat. Aus der Altersgruppe der 27- bis 34-Jährigen, in der auch die meisten Kinder geboren werden, kommen die Frauen am häufigsten zur Beratung. „Nicht die Minderjährigen oder die Alten“, sagt Angelika Merkl.

Immer weniger Ärzte

Wer den Beratungsschein hat, trifft auf die nächste Hürde: einen Arzt oder eine Ärztin zu finden, die den Abbruch macht; denn sie dürfen es, aber müssen es nicht. „Vor 20 Jahren hatten wir eine Liste von mehr als zehn Gynäkologen und Gynäkologinnen“, sagt Bärbel Nellissen, „jetzt sind es nur noch drei Arztpraxen, in denen Abbrüche gemacht werden.“ Das sei besorgniserregend, zumal einige der Ärztinnen auch schon Mitte bis Ende 50 seien und in absehbarer Zeit in Rente gingen.

Anja Butschkau wünscht sich eine Gesellschaft, die Frauen einen Abbruch angstfrei ermöglicht. „Wir müssen die Paragrafen 218 und 219 ersatzlos streichen. Schwangerschaftsabbrüche dürfen keine Straftaten sein. Dafür lohnt es sich aufzustehen.“

Angelika Merkl plädiert für ein freiwilliges Beratungsangebot: „Bei Unentschiedenen ist Beratung wichtig und wertvoll. Die anderen brauchen keine Beratung. Um die Frauen zu kriminalisieren und ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, brauch ich den Paragrafen 218 nicht. Ich setze mich seit 1971 für die Abschaffung des Paragrafen 218 ein. 50 Jahre später bin ich noch derselben Meinung.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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