Seit über 10 Jahren legt DJ Scrafty auf - doch Corona hat seine Karriere gestoppt. © Ahmet Kilictek Photography
Veranstaltungsbranche

International gebuchter DJ aus Dortmund lebt schon ein Jahr im Lockdown

Auf ein Ende von Corona hoffen? Den Traum aufgeben? Ein national wie international gebuchter Dortmunder DJ berichtet über ein Leben im beruflichen Voll-Lockdown - und wie die Eventbranche leidet.

Der März 2020 wird wohl für viele Menschen noch lange im Gedächtnis bleiben. Seitdem liegt die Veranstaltungsbranche in Deutschland weitestgehend brach. Keine Großveranstaltungen, keine Partys, Berufsverbot für viele Menschen in der Branche. Eine Ausnahmesituation, die sich nun mittlerweile über ein Jahr zieht. Wie lange geht das noch weiter? Wann kann man auf Normalität hoffen? Eine Frage, die keiner beantworten kann.

Ein Discobesuch oder eine Großveranstaltung, wie man sie aus Zeiten vor der Pandemie kennt, sind unter Abstands- und Hygieneregeln unvorstellbar. Viele Existenzen stehen auf dem Spiel. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Einbußen, sondern auch Perspektivlosigkeit. Der Dortmunder Lucas Schraft (29) ist als DJ Scrafty in Dortmund bekannt. Auch er darf seit über einem Jahr seiner Leidenschaft nicht nachkommen.

Zu besseren Zeiten: ein Blick in die Menschenmenge beim Holi-Festival in Dortmund. © dimensionmedia/Patrick Meurer © dimensionmedia/Patrick Meurer

Vor über 10 Jahren hat der gebürtige Dortmunder angefangen, sich eine Karriere als DJ aufzubauen. Er fing an, auf Geburtstagen aufzulegen und auf einer Bowlingbahn in Dortmund. „Durch Zufall bin ich dann im Frühjahr 2011 die Rolle des Resident-DJ im Village geworden und habe mir dort einen Namen gemacht und ein gutes Netzwerk aufgebaut“, erzählt Scrafty.

Es folgten weitere Engagements in bekannten Discotheken im Herzen von Dortmund, wie dem Weinkeller, View oder Moog. Seit 2014 ist er Resident-DJ auf dem House-Musik-Floor „Buddha“ des Nightrooms. Aber auch außerhalb von Dortmund ging es bergauf für Scrafty: „Bis vor drei Jahren war ich der klassische Club-DJ, aber seitdem ich mit zwei Studienkollegen viel intensiver zusammenarbeite, ist das echt professionell geworden“.

„Das war ein Schlag vor den Kopf“

Auf deutschlandweiten Elektronik-Festivals wie Big City Beats oder World Club Dome war er keine Seltenheit mehr, aber auch internationale Auftritte, beispielsweise in Ägypten standen auf dem Programm. „Der Plan war auch letztes Jahr, das Ganze etwas größer zu machen. Wir hatten den ganzen Sommer verplant, das war natürlich wirklich ein Schlag vor den Kopf, als alles abgesagt wurde.“, berichtet der 29-Jährige. Gerade, als die Karriere steil auf dem Weg nach oben war, machte ihm die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung.

Scrafty erinnert sich noch genau an die letzten Tage vor dem Lockdown. Er hätte am letzten Wochenende, wo die Clubs noch geöffnet waren, in der Marlene-Bar auftreten sollen. „Ein paar Tage vorher kam die Info vom Chef, der sagte, er mache schon am Wochenende zu. Er sagte, er könne das nicht verantworten, wenn da was passiert, weil es die Wochen zuvor ein paar Ausbrüche in Clubs gab. Ich dachte im ersten Moment: Ist er bescheuert? Aber habe es relativ schnell dann verstanden, wie dramatisch die Situation ist“, erzählt Scrafty.

Er und viele Kollegen in der Branche waren sich schnell einig: Sie ziehen das bis Mitte April durch, damit das Infektionsrisiko wieder runtergeht und die Lage sich beruhigt. „Dass es dann so einen Rattenschwanz nach sich zieht, da hat in dem Moment keiner mit gerechnet“.

In den ersten Lockdown-Wochen folgten immerhin einige Live-Streams. Scraftys letzter digitale Auftritt war im Mai. „Das hat auch Spaß gemacht, aber es ist was komplett anderes. Man kriegt keine Leute und keine Reaktionen mit, das hat für mich das Ganze eigentlich auch immer ausgemacht.“, so der Dortmunder.

Ganz tatenlos saß der 29-Jährige seitdem aber nicht herum. Er hat im Sommer seine neue Single „Fade Out“ herausgebracht und sein Studium im Marketing Management & PR beendet.

Die Situation macht sich aber auch finanziell bemerkbar. „Ich habe seit März 2020 keine einzige Rechnung mehr fürs Auflegen stellen dürfen und in der Hinsicht null Einnahmen gehabt“, erzählt Scrafty. Mit den Überbrückungshilfen I und II konnte er seine Fixkosten erst einmal decken – die allerdings bei Solo-Selbstständigen ohnehin nicht allzu hoch ausfallen.

Er habe auch das Glück, dass er aktuell noch Student ist und seine Eltern seine Miete und Versicherungen bezahlen, „anderen geht es da noch viel schlimmer, die beispielsweise ein Haus abbezahlen müssen, Kinder haben, oder wo die Partner auch selbstständig sind. Dann ist es sehr eng, von dem Geld zu leben“.

„Ich hätte mich für das Auflegen entschieden“

Und wie geht es nun weiter? Ab Mitte April hat Scrafty einen festen Job nach seinem Studienabschluss – nicht in der Eventbranche. Eine Alternative zur Musik- und Partyindustrie habe er immer im Hinterkopf gehabt und deswegen auch sein Studium durchgezogen, sagt er.

Aber trotzdem war auch immer der Traum präsent, das Hobby zum Beruf zu machen: „Das Potenzial, das Ganze weiter voranzutreiben war da, und es hat Spaß gemacht. Wenn der Punkt gekommen wäre, hätte ich mich auch für das Auflegen entschieden, wenn es monetär genauso einträglich gewesen wäre wie ein beruflicher Einstieg mit meinem Master.“

Scrafty war aber auch schon vorher bewusst, dass das ein langer und harter Weg geworden wäre, um in die Fußstapfen großer DJs wie Robin Schulz zu treten.

Wie geht es aber nach Corona weiter?

Im ersten Lockdown hat Scrafty für einige Livestreams aufgelegt. © Ahmet Kilictek Photography © Ahmet Kilictek Photography

Von Festival zu Festival zu reisen und jedes Wochenende im Club aufzulegen, kann sich Scrafty nach Corona nicht mehr vorstellen. „Die ganze Krise hat leider auch gezeigt, wie fragil diese Szene ist. Ich kann mir vorstellen, das nach Corona ein bis zweimal im Monat hobbymäßig zu machen. Alles andere ist gerade super weit weg.“

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