Mittlerweile können auch Betriebsärzte auf den Impfstoff zurückgreifen. Der wird mal wieder knapp. © picture alliance/dpa
Wenig Erstimpfungen

Impfstoffmangel in Dortmund: „Es ist zäh, behäbig und unkalkulierbar.“

Kommende Woche bleibt die beliebte Johnson-und-Johnson-Einfachimpfung den Betriebsärzten vorbehalten. Neidisch sind die Dortmunder Hausärzte darauf nicht. Sie haben mit anderen Problemen zu kämpfen.

Ruft man bei der „Praxis im Kaiserviertel“ an, erfährt man direkt durch eine Bandansage, woran es Dortmunds Hausärzten gerade vor allem mangelt: „Der Impfstoff ist leider weiterhin knapp.“

Doch das ist bei weitem nicht das einzige Problem. Annette Rennert, Hausärztin in der Praxis östlich des Walls, wirkt am Telefon mal resigniert, mal pragmatisch, wenn man sie nach dem aktuellen Impffortschritt fragt.

Die Menge an Impfstoff sei seit einigen Wochen „gleichbleibend zu niedrig“. Gleichzeitig stünden gerade viele Zweitimpfungen an. „Wir haben echt das Problem, dass wir nicht genug Leute neu impfen können“, so Rennert.

Ärztin Annette Rennert nimmt bei einer Patientin in der Infekt-Sprechstunde in der Praxis im Kaiserviertel einen Corona-Abstrich. Draußen und in voller Schutzkleidung, um das Infektionsrisiko gering zu halten. © Robin Albers © Robin Albers

Gar keine Planungssicherheit

Die aktuelle Situation empfindet die Ärztin als „super belastend“, denn auf der Warteliste der Praxis hätten sich bereits 300 Patienten eingefunden, nur hätte ihr Team „gar keine Planungssicherheit“ für die kommenden Wochen.

Jeden Donnerstag erfahren die Arztpraxen in Dortmund, wie groß die Impfstoffmenge der einzelnen Hersteller ist, die sie für die darauffolgende Woche bestellen können. Planbarer macht es das nicht unbedingt.

Nur ein Bruchteil der Bestellmenge

„Die Frage ist: Was kriegen wir am Ende?“, erklärt Apotheker Dr. Felix Tenbieg. Er sammelt die Bestellungen der Arztpraxen und bestellt den Impfstoff dann beim Großhandel. Bestell- und Liefermenge stimmen selten überein.

Im Gegenteil. „Diese Woche haben wir bei Biontech von dem, was wir bestellt haben, nur zehn Prozent bekommen“, erklärt Tenbieg. „Bei Johnson und Johnson waren es 15 bis 20 Prozent, bei Astrazeneca gar nichts.“

Das gerecht zu verteilen, stelle ihn jede Woche vor Probleme, sagt der Apotheker. Ein Impfstoff-Fläschchen lässt sich ja nicht auf zwei Arztpraxen aufteilen und so bekommt mancher Hausarzt von einem bestimmten Impfstoff auch mal gar nichts zugeteilt – auch wenn er diesen eigentlich bestellt hatte.

Betriebsärzte kommen dazu

Seit vergangener Woche geht ein Teil des ohnehin knappen Impfstoffs zudem auch an Betriebsärzte. Für die Corona-Impfung der Mitarbeiter von kleinen und mittelständischen Betrieben, die über keine eigene Impfstraße verfügen, hat die Prävent GmbH einen Werkssaal der Dortmunder Stadtwerke angemietet und ihn in einen Impfsaal umfunktioniert.

Der kaufmännische Leiter Henrik Fibbe ist mit dem Start zufrieden: „Wir haben unseren Impfsaal bisher maximal genutzt und bekommen positives Feedback von den Impflingen.“ Er rechnet sogar damit, dass man kurzfristig auf eine „leicht erhöhten Menge an Impfstoff zugreifen könne. Damit meint Fibbe wohl das Vakzin von Johnson und Johnson, das in der kommenden Woche exklusiv an Betriebsärzte verteilt wird.

Fühlt man sich da als Dortmunder Hausarzt nicht benachteiligt? Schließlich kann man für eine Praxis aktuell nur 30 Dosen Biontech und 20 Dosen Astrazeneca bestellen – und davon kommt wiederum nur ein Bruchteil überhaupt an.

Ärgern bringt nichts

Sich zu ärgern, bringe nichts, meint Hausarzt Sascha Meininghaus. Zwar wundere er sich schon über diesen exklusiven Zugang, da man in Betrieben eher mit einem Impfstoff arbeiten können, den man zwei Mal spritzen muss.

Die Mitarbeiter seien in Regel ja eh vor Ort. „Wir in der Nordstadt haben hingegen schon gemerkt, wie schwierig es bisweilen ist, die Zweitimpfungen für unsere Patienten zu terminieren“, erklärt er. Doch der Hausarzt nimmt es hin, wie es ist: „Ich kann es eh nicht ändern.“

Das Doppelte bis Dreifache wäre möglich

Ebenso wie seine Kollegin stört Meininghaus die geringe Menge an Impfstoff. Gut das Doppelte bis Dreifache von dem, was ihm aktuell zur Verfügung stünde, könne er verimpfen. Schon seit geraumer Zeit stagniere es. Die fehlende Planbarkeit stößt ihm übel auf: „Es ist zäh, es ist behäbig, es ist unkalkulierbar.“

Annette Rennert geht in ihrer Bewertung der Impfstoffverteilung sogar noch einen Schritt weiter. „Mir ist es egal, wer das Zeug verimpft. Hauptsache, die Leute sind langsam geimpft“, erklärt die Hausärztin.

KVWL: Keine Neiddebatte

Die KVWL Westfalen-Lippe sieht das ähnlich, sagt Pressesprecherin Vanessa Pudlo: „Es ist gut, dass es parallele Wege gibt, auf denen geimpft wird.“ Eine Neiddebatte zwischen Haus- und Betriebsärzten sieht sie nicht. Der Impfstoffmangel werde vielmehr mit der Aufhebung der Priorisierung zum Problem.

„Damit entsteht noch mehr der Wunsch: Ich bin doch eigentlich dran, wann bekomme ich meine Impfung“, skizziert Pudlo die Lage. Das sei seit Wochen das vorherrschende Thema und werde sich noch eine Weile hinziehen: „Die Ungeduld wächst.“

Impfung für alle als Wahlgeschenk

Die Priorisierung aufzuheben, das hält Dr. Felix Tenbieg nach wie vor für die richtige Entscheidung, nur das Zusammenspiel mit dem Impfstoffmangel betrachtet er als unglücklich.

Zoomt man aus der Vakzine-Verteilung zwischen Haus- und Betriebsärzten raus auf das große Bild der Pandemiebekämpfung, meint der Apotheker, ein Muster erkannt zu haben: „Politiker wollen natürlich für gute Stimmung sorgen, wollen vielleicht auch ein paar Wählerstimmen, und verkünden dann sehr optimistisch Dinge, die sie dann doch nicht halten können.“

Deshalb seien Politiker aber noch nicht an allem schuld. Oft komme auch Pech dazu, wenn beispielsweise die Impfstoffindustrie nicht liefere wie versprochen. Das ist hier offenbar der Fall.

Denn am selben Abend schickt Tenbieg noch eine Mail: Anfang Juli bekommen auch die Betriebsärzte keinen Impfstoff von Johnson und Johnson.

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Freier Mitarbeiter
Geboren in Ulm, aufgewachsen im Allgäu, angekommen im Ruhrgebiet schreibe ich über alles, was die Menschen in Dortmund und Umgebung umtreibt.
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