Immer mehr Familien haben kein Geld für den Schulranzen - schon tausende Fälle

dzKinderarmut

Fast 2000 Familien in Dortmund können sich die Schulranzen für ihre Kinder nicht leisten. Der Verein Kinderglück kämpft gegen das Problem an. Und gerät langsam an die Grenzen des Machbaren.

Dortmund

, 18.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Seit 2008 organisiert der Kinderglück das Schulranzenprojekt in Dortmund. Kitas und Schulen können Tornistersets beantragen, wenn sie feststellen, dass Eltern sich den Kauf der 200 bis 250 Euro teuren Taschen für ihre Kinder nicht leisten können.

Die Kitas vermitteln das Angebot von Kinderglück. Immer mehr Eltern nehmen das in Anspruch. Die Kinder bekommen das nicht direkt mit, weil die Eltern ihnen die Schultonnen übergeben. „Viele Eltern schämen sich und würden es nie von sich aus sagen. Deshalb sprechen Kita-Mitarbeiter die Eltern an und lassen sich das Familieneinkommen sehr gewissenhaft nachweisen“, sagt Bernd Krispin.

1800 Schulranzen haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Vereins im Juni an Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter verteilt. Und obwohl die Frist eigentlich schon abgelaufen ist, kommen immer noch neue Anträge. Die Zahl ist so hoch wie nie. Und das ist Ausdruck einer dramatischen Entwicklung.

In manchen Kitas kann sich keine einzige Familie den Tornister allein leisten

Rund 25 Prozent der Heranwachsenden in Dortmund leben in Armut.

Kinderglück-Gründer Bernd Krispin (62) sagt: „Es gibt Kitas, in denen von 30 Kindern, die eingeschult werden, 100 Prozent bedürftig sind.“ Angefangen hatte alles vor elf Jahren mit einem einzigen Fall, wegen dem sich ein Sozialarbeiter an den Verein gewandt hatte. 2016 waren es 600 Tornister, 2018 schon über 1400.

„Es sind teilweise dramatische Dinge, die wir aus den Familien mitbekommen“, sagt Bernd Krispin. Und erzählt davon, wie rührend und manchmal auch tränenreich die Übergabe der Tornister in den Kitas abläuft.

Geld und Logistik: Die Grenze des Machbaren ist fast erreicht

Für ihn und die Mitarbeiter des Vereins ist das Schulranzenprojekt ein kleiner Beitrag gegen schlechte Startchancen für Kinder in Dortmund. Es geht darum zu verhindern, dass Einzelne im bedeutsamen Moment der Einschulung mit einem Stoffbeutel dastehen und dadurch mit einer Erfahrung der Ausgrenzung starten.

Er rechnet damit, dass die Zahl der bedürftigen Kinder auf bis zu 2000 steigen könnte. „Mehr darf es aber auch nicht werden“, sagt er. Der logistische Aufwand hinter der Aktion ist groß. Pro Jahr fallen außerdem Kosten von rund 100.000 Euro an, die der Verein durch Spenden aufbringen muss. „Das Geld müssen wir jedes Jahr neu zusammenbekommen“.

Kinderglück-Gründer Bernd Krispin wünscht sich noch mehr Unterstützung

Bernd Krispin wünscht sich deshalb noch mehr Unterstützung, bis hin zu einer Art öffentlicher Förderung. Gespräche mit der Stadt Dortmund seien aufgenommen und würden nach den Sommerferien weitergeführt. „Denn die Steigerung der Anträge in den vergangen Jahren ist auffällig“, sagt Krispin.

Die 350 Kitas und 89 Schulen in Dortmund kennen die Abläufe. Zu Beginn des Jahres werden alle kooperierenden Einrichtungen darüber informiert, dass sie Anträge stellen können. Es gibt eine über die Jahre mühsam erarbeitete Zusammenarbeit mit namhaften Herstellern. „Denn es gibt keinen Grund, warum Kinder, die ohnehin schon nicht viel haben, schlechtere Sachen bekommen sollten.“ Kinderarmut führe oft auch zu gesundheitlichen Nachteilen - und gerade bei Tornistern gebe es große Qualitätsunterschiede.

Das Schulranzenprojekt läuft so gut, dass sich viele daran gewöhnt haben, dass ein privater Verein diese Lücke im Sozialsystem stopft. Das Projekt ist neben anderen aktuellen Sozialdaten ein weiterer Beleg dafür, dass viele Kinder nicht mit den gleichen Chancen in das Leben starten.

Kinderglück hilft rund 10.000 Kindern


  • Der Verein Kinderglück erreicht aktuell rund 10.000 Kinder mit seinen Angeboten in der Region.
  • Das größte Einzelprojekt sind die „Ferienpaten“, die finanziell benachteiligten Kindern besondere Ferienerlebnisse ermöglicht.
  • Spendenkonten: Kinderglück Dortmund e.V., IBAN: DE56440501990001325981, BIC: DORTDE33, Sparkasse Dortmund
    oder IBAN: DE06440400370281570200, BIC: COBADEFFXXX, Commerzbank Dortmund
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