Im Dortmunder Hafen grassiert die Pest. Die Wasserpest. Die Lösung? Ein kleines Boot, dass sich allein durch den Kanal kämpft.

von Ameli Uszball

Dortmund

, 30.07.2019, 14:29 Uhr / Lesedauer: 3 min

Man kann am Hafen wirklich viel sehen: Baustellen, Hochhäuser, Touristenbusse. Doch wo ist eigentlich das Wasser?

Unter dem Gestrüpp, das so verworren ist, das es einer Schlangengrube gleichen könnte, glitzert das Kanalwasser hervor. Ist der Dortmunder Hafen etwa spontan zu einer Blumenhandlung geworden?

Nicht ganz. Tatsächlich sind es keine Schlangen, die sich im sanften Wellengang winden, sondern ein pflanzlicher Nutznießer namens Wasserpest, der allen im Umkreis von 30 Metern seinen schönen modrigen Geruch präsentiert. „Das Problem ist die Sperrung“, sagt der große Mann im grauen Anzug Uwe Büscher, Vorstand des Dortmunder Hafen AG, der mit uns am Santa Monica Anleger steht, „durch den Stillstand und die überdurchschnittlich warmen Temperaturen hat die Pflanze die perfekten Voraussetzungen.“ Sehr trist wirkt der sonst belebte Kanal an diesem Donnerstag, denn Schiffe sind, wie an jedem anderen Tag auch seit Anfang Juni dieses Jahres, nicht zu sehen.

Währendessen steigt ein älterer Herr mit Sonnenbrille und Schwimmweste in ein kleines Bötchen ein. Der Name „berky“, der in weiß auf das Boot gepinselt ist, fällt einem neben dem blauen Lack sofort ins Auge. Dieses vier mal anderthalb Meter große Boot soll die Antwort auf alle Fragen sein. Hartmut Oeke, der ältere Mann, der gerne die Aufgabe des Wasser-Gärtners übernimmt und gleichzeitig auch Hafenmeister des größten Kanalhafens Europas ist, setzt sich fröhlich auf den einzigen Sitz vor der großen Ladefläche und dreht den Schlüssel um. Er tritt auf eins der beiden Pedale und ab geht die Fahrt.

Ein kurzer Schreckmoment, als sich das Monster von Schneidewerk aus dem Wasser hebt, das auch glatt aus dem Horrorfilm „Texas Chainsaw Massaker“ stammen könnte. Gut, dass der schwimmende Gärtner es mit einem Platschen wieder ins Wasser senkt. „Es ist das erste Mal, dass wir ein Mähboot einsetzen“, sagt Büscher. Mähboot, so heißt der Minikan also. Büscher erzählt, dass man auch Fische wie Graskarpfen oder Rotfedern einsetzen könnte, um die Algenpopulation einzudämmen, doch man wolle nicht in ein Ökosystem eingreifen und eventuell Schlimmeres heraufbeschwören.

Oeke präsentiert derweil stolz sein neues Spielzeug und zeigt, was denn so ein Horrorfilm-T-Doppelmesser-Schneidewerk alles kann. Drei Wochen lang wird diese Prozedur nun täglich ausgeübt, erklärt uns Büscher und blickt auf seinen häckselnden Kollegen.

Ein Ruin für den Hafen? „Absolut nicht,“ sagt Uwe Büscher, „der Preis hält sich mit 1.500 Euro pro Woche vollkommen im Rahmen.“ Komplett kaufen möchte er den schwimmenden Häcksler aber trotzdem nicht. „Dieses und letztes Jahr hatten wir jetzt heiße Sommer und damit Wasserpestplagen, aber wer weiß, was nächstes Jahr kommt?“ Der Hafenvorstand berichtet uns außerdem, dass die Plage jedes Jahr im Herbst plötzlich aufhören würde, und dann hätten sie wieder Ruhe.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Dortmunds Hafen ist von der Pest befallen

Ein richtiger Wald wächst zurzeit in Dortmund Hafens. Die Lösung? Ein kleines Boot soll gegen das Gestrüpp im Hafen ankämpfen.
19.07.2019
/
18.07.2019 Hafen Dortmund - Der durch die Sperrung der Schleuse Henrichenburg entfallene Schiffsverkehr sowie die überdurchschnittlich warmen Temperaturen haben im Dortmunder Hafen einen pflanzlichen Nutznießer auf den Plan gerufen: die Wasserpest (Elodea). In den 10 Hafenbecken mit einer Wasserfläche von insgesamt 35 Hektar haben sich die Algen in den vergangenen Monaten stark ausbreiten können. Die Dortmunder Hafen AG hat deshalb ein Mähboot gemietet. Nach einem erfolgreich durchgeführten Test kommt das Boot morgen erstmalig regulär zum Einsatz. Gern stellen wir Ihnen das Boot im Einsatz vor und schildern die Bedeutung des Einsatzes © Stephan Schuetze
Ein Habentaucher, der in den Algen nistet. Ihm scheint der Befall sichtlich zu gefallen. © Stephan Schuetze
Uwe Büscher, Vorstand der Dortmunder Hafen AG, erklärt, was er gegen die Wasserpest tun möchte.© Stephan Schuetze
Der ganze Kanal wird von Elodea überwuchert.© Stephan Schuetze
Hartmut Oeke kämpft sich mit dem großen Schneidewerk durch die Algen.© Stephan Schuetze
Wie kleine Tannen wachsen die Pflanzen circa zehn Centimeter pro Tag in die Höhe.© Stephan Schuetze
Auch an der Wasseroberfläche ist der pflanzliche Nutznießer zu sehen.© Stephan Schuetze
Schlagworte Hafen Dortmund

Ein Frage bleibt: Warum sind die Algen eigentlich eine Plage?

Die Schiffsschrauben könnten bei sehr großen Pflanzen beeinträchtigt werden, und da das Gestrüpp jetzt schon mehrere Meter hoch ist, sei das sehr gut möglich, wie uns der Vorstand mitteilt. „Ein richtiger Unterwasserwald ist das“, sagt Pascal Frai, Assistent des Vorstands und Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. Sein Blick gleitet auf die großen Pflanzen, die wie ein Nadelwald dicht nebeneinander stehen und mit ihren Köpfen fast schon die Wasseroberfläche erreichen.

Ist das nicht eine Gefährdung für die Tiere, werden die beiden Vorstandsmitglieder gefragt. Uwe Büscher, der selbst leidenschaftlicher Angler ist, weiß die Antwort: „Nein, die Fische hören die Motorengeräusche und spüren den aufkommenden Wellengang, die sind weg, bevor das Mähboot kommt. Außerdem legen wir großen Wert darauf, dass wir keine Nester von am Kanalufer nistenden Vögeln wie Blässhühnern entfernen.“

Hartmut Oeke schneidet und schneidet derweil mit voller Begeisterung weiter, bis er aus dem Blickfeld gerät. „Für ihn wird aus der Not eine Tugend,“ witzelt Pascal Frai, „er muss auf keine Schiffe Rücksicht nehmen und kann den ganzen Kanal ungestört abmähen.“ Später trifft man Hartmut Oeke am Schmiedinghafen wieder. Sein neues Spielzeug muss tanken, und er berichtet , dass, seitdem er 1990 als Hafenmeister in Dortmund angefangen hatte, die Algenplage noch nie so schlimm gewesen sei. Aber die neu aufgekommene Arbeit sei keine Last für ihn, er freue sich, wenn der Kanal wieder schön ist und er damit seine Kollegen unterstützen könne.

Und was passiert mit dem ganzen Unkraut? Oeke zeigt auf eine Lagerhalle nicht weit entfernt. „Wir deponieren es zunächst da vorne, um es Trocknen zu lassen. Aber wir haben noch keinen richtigen Plan, was danach damit passieren soll. Auf jeden Fall müssen wir noch den Müll dadrin entfernen, den ich dabei mitaufsammele.“

Der Hafenmeister wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Die Blicke sind auf die dunkelgrünen Pflanzen gerichtet, die immer noch fröhlich weiter im Wasser wachsen. Vielleicht ist Oeke ja wirklich der Rambo, der sich als Einzelkämpfer gegen die ganze Algen-Armee stellen kann. Die richtige Waffe hat er, mit seinem Mähboot, auf jeden Fall parat.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt