„Ich hätte in der Ortsunion auch mit alten Männern diskutieren können“

dzSarah Beckhoff

Sie ist jung, attraktiv, durchsetzungsfähig und sie hat Spitzen der Dortmunder CDU angezeigt. Was treibt die Chefin der Dortmunder Jungen Union an – und wo will Sarah Beckhoff hin?

Dortmund

, 01.11.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wie auf dem Kriegspfad sieht sie nicht aus. Ist sie auch nicht, sagt sie, aber sie weiß, was sie will. Auf dem Höhepunkt des Kommunalwahlkampfes hat Sarah Beckhoff für Wirbel in ihrer Partei gesorgt. Die 26-jährige Dortmunder Vorsitzende der Jungen Union (JU) hat Mitglieder des Dortmunder CDU-Vorstands angezeigt wegen Verstoßes gegen das Landesdatenschutzgesetz.

Die Staatsanwaltschaft sieht keinen ausreichenden Verdacht, um zu ermitteln, aber eine Stellungnahme der NRW-Datenschutzbeauftragten stehe noch aus, sagt Beckhoff: „Das läuft noch.“

Sie wirft unter anderem den beiden CDU-Vize Claudia Middendorf und Thorsten Hoffmann vor, unerlaubt eine Kontaktliste der Jungen Union eingesehen zu haben. Middendorf und Hoffmann wird nachgesagt, sie hätten mithilfe der Kontaktliste Beckhoffs Wiederwahl als Vorsitzende der CDU-Nachwuchsorganisation verhindern wollen. Die Beschuldigten konterten die Anzeige mit dem Vorwurf, das sei parteischädigendes Verhalten.

„Es war nicht unsere Absicht, Aufregung zu erzeugen“

„Dont‘t blame the messenger“ (Beschuldige nicht den Überbringer der Nachricht), sagt dazu Sarah Beckhoff selbstbewusst: „Es war nicht unsere Absicht, Aufregung zu erzeugen, sondern Aufklärung zu bekommen.“ Es sei Konsens, „dass man so etwas unter vier Augen klärt und schon gar nicht bei einer Partei-Vereinigung hineinagiert.“

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Wer ist diese junge Frau mit der dunklen Lockenmähne, die dem Parteivorstand derart die Stirn bietet? Trotz ihres Alters ist sie ein politischer Routinier. Schon mit 14 Jahren ist sie in die Junge Union eingetreten. Ihre Eltern hätten zwar immer bürgerlich gewählt, doch am Esstisch sei Politik eher kein Thema gewesen. Schon immer habe sie eine Sehnsucht danach gehabt, mit Gleichaltrigen zu diskutieren, sagt die Studentin der Volkswirtschaft. „Ich brauchte ein Ventil, ich wollte mal erfahren, was Politiker eigentlich machen und wie das läuft.“

Rebellischer Akt eines Teenagers

In Dortmund, in der Hochburg der Sozialdemokratie in die JU einzutreten, das sei so etwas wie der rebellische Akt eines Teenagers gewesen. „Aber ich finde mich auch inhaltlich dort wieder.“ Die damals schon hohen Staatsschulden und die Finanzkrise 2008 hätten ihr Sorgen gemacht. „Da waren die CDU und die Junge Union ein Anker. Eine solide Partei. Ich habe die CDU immer als Rechtsstaatspartei wahrgenommen mit einem – im Gegensatz zu anderen Parteien – verlässlichen Ordnungsrahmen.“ Außerdem habe sie ein Vorbild gehabt: Christina Schröder, von Ende 2009 bis 2013 Bundesfamilienministerin und damals selbst in der JU.

Sarah Beckhoff ist Politikerin mit Model-Qualitäten.

Sarah Beckhoff ist Politikerin mit Model-Qualitäten. © Stephan Schütze

„Ich hätte in die Ortsunion gehen können, mit alten Männern diskutieren“, erläutert Beckhoff, „doch da hat man nicht den Zugang.“ Heute ist sie Vorsitzende der alten Männer in der CDU-Ortsunion in Asseln, wo sie auch wohnt. Doch sie ging den Weg über die Junge Union, saß etwa vier Jahre als aktives Mitglied und Teenager am JU-Stammtisch mit 25-jährigen Männern. „Zunächst war das auch eine Hürde, aber total in Ordnung. Es herrschte eine offene Kultur, und es ging um die Sache. Ich habe mich da wohlgefühlt.“

Mit dem Gedanken einer Ratskandidatur gespielt

Mit 17 Jahren wurde sie Vorsitzende der Schüler-Union in Dortmund und blieb das für zwei Jahre bis zum Abitur. Dann war sie zwei Jahre Dortmunder JU-Vize, ist seit nunmehr viereinhalb Jahren Vorsitzende, wurde erst jüngst wiedergewählt.

Sarah Beckhoff hat die letzten Jahre genutzt, um ihren Einfluss zu erweitern. Sie war 2017 Landtagskandidatin der CDU, ist auf Bundesebene seit einem Jahr Deutschlandrätin und damit Mitglied im zweithöchsten Gremium der JU – als eines von acht in NRW. Der Deutschlandrat mache einen Großteil der inhaltlichen Arbeit in der JU, sagt sie, und eröffne den Weg, auch bundespolitisch zu agieren.

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Warum gleich so hoch greifen? Gibt es nicht auch für die Junge Union wichtige Aufgaben in der Kommunalpolitik? „Berührung mit der Kommunalpolitik entsteht durch Mandatsträger. Es wäre schön, wenn die JU welche im Rat hätte, aber das haben wir nicht“, räumt sie ein. Sie selbst habe mit dem Gedanken einer Ratskandidatur gespielt, sei sich aber nicht sicher gewesen, ob sie eine Ratsperiode würde durchhalten können. ,,Ich habe noch so viel anderes, auch beruflich, auf der Agenda.“

Klare Trennlinie zur AfD

Sarah Beckhoff gilt als konservativ. Und sie steht dazu: „Ich glaube, die CDU und die JU haben soziale, liberale und konservative Wurzeln.“ Das Konservative sei ein Alleinstellungsmerkmal der CDU sowie ihrer Nachwuchsorganisation und stehe für Nachhaltigkeit im besten Sinne, für Verlässlichkeit und Generationengerechtigkeit. Konservativ heißt für sie, Veränderungen und Trends kritisch zu überprüfen.

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So sei die Ehe für alle mit dem Werte-Fundament der CDU „absolut in Einklang zu bringen“. Entscheidend für Konservatismus, wie sie ihn verstehe, sei nicht per se die Konstellation Vater, Mutter, Kind, sondern die Bereitschaft, auf der Basis der Werte Verantwortung für die Familie zu übernehmen. „Das Konservative ist etwas, aus dem etwas Neues entstehen kann oder entstehen muss, und bedeutet nicht das Festhalten an Strukturen.“

Wo zieht sie als Konservative eine Grenze zur AfD? „Die AfD ist für mich keine konservative, sondern eine rechtsradikale Partei.“ Die AfD sei ins Parlament gewählt. „Das muss man akzeptieren, aber bekämpfen. Es gibt ganz klare Trennlinien.“

Für den JU-Bundesvorstand nominiert

Die JU-Vorsitzende hält nichts davon, nicht mit Parteien zu sprechen, die im Parlament sitzen. Sie hätte auch gern im Landtagswahlkampf 2017 bei einer geplanten Diskussionsveranstaltung des Autonomen Schwulenreferats der TU Dortmund gegen die AfD gehalten. Doch lautstarke Proteste der Linksautonomen gegen die Teilnahme der AfD und gegen die im Saal anwesenden Neonazis ließen die Veranstaltung platzen.

Das Smartphone ist immer griffbereit: Wie war noch mal der genaue Titel ihrer Masterarbeit?

Das Smartphone hilft weiter: Wie war noch mal der Titel ihrer Masterarbeit im genauen Wortlaut? © Stephan Schütze

Im Anschluss bezeichnete Beckhoff die Antifa-Aktivisten auf Facebook als „asozialen Mob“, der die Demokratie gefährde. Was ihr viel Kritik eingebracht hat. Im Nachhinein hätte sie ihre Worte anders wählen sollen, sagt sie, aber im Kern stehe sie zu ihrer Aussage: „Es ist ein Mindestmaß an Respekt erforderlich, um die geforderten Werte wie Toleranz und Meinungsfreiheit zu leben.“

Sarah Beckhoff ist für den Bundesvorstand der JU nominiert. Die Wahlen sind digital am 29. November. Jeder im Vorstand leitet eine Kommission auf Bundesebene. Das reizt sie: „So wird man auch in der CDU gehört.“

Politik als „Halbtagsjob“

Schon jetzt ist ihr politisches Engagement mit 20 Stunden in der Woche ein Halbtagsjob. Wenn sie es in den JU-Bundesvorstand schafft, „würde es noch ein bisschen mehr Arbeit.“ Gleichzeitig schreibt sie an ihrer Masterarbeit an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema „Die Kompetenzwidrigkeit der Beschlüsse der EZB zum Staatsanleihen-Aufkaufprogramm“. Bis Februar muss sie abgegeben haben. Außerdem arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Lehrstuhl in Köln.

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Konkrete Ziele auf der politischen Karriereleiter habe sie nicht, sagt sie trotz ihres Durchmarsches auf die JU-Bundesebene. Doch noch vor der Wahl des JU-Bundesvorstandes ist Ende November in Dortmund die Wahl des neuen CDU-Kreisvorstandes. Warum wirft sie nicht dort ihren Hut in den Ring? Ihre Antwort klingt abgeklärt nach zwölf Jahren in der Politik: „Als JU-Vorsitzende bin ich ohnehin kooptiertes Mitglied im Kreisvorstand. Ich möchte lieber andere junge Menschen fördern.“

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