„Ich bin eine Macherin“ – Mit 84 Jahren schließt Christine Laas ihr Modehaus

dzEnde eines Traditionsgeschäfts

Eine Insitution verschwindet aus der Kaiserstraße: Inhaberin Christine Laas schließt ihr Modegeschäft - und blickt auf 64 Geschäftsjahre zurück.

Dortmund, Kaiserstraßenviertel

, 19.07.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Eingang begrüßt Christine Laas jeden, der ihr Geschäft betritt. Wer bei ihr einkauft, soll sich willkommen fühlen. Spiegel zieren die Wände des Geschäftsraums. Auf der rechten Seite ist die Kasse, weiter hinten steht ein schmaler Tresen, darauf ein frischer Strauß rosafarbener Rosen - ein Präsent von einer Kundin.

Laas‘ Geschäft in der Kaiserstraße 46 ist eine beliebte Adresse in Dortmund. Die 84-jährige Inhaberin - ein wahres Urgestein der Branche - kennt ihre Kundinnen beim Namen, berät sie mit jeder Menge Fachwissen und großer Leidenschaft für Mode. Genau deswegen kommen die Kundinnen zu ihr - und das schon seit über 60 Jahren. Nun ist jedoch ein Ende dieser Zeit in Sicht: Zum 1. September schließt das Modegeschäft.

Zusammen mit ihrem Mann hat Christine Laas das Modegeschäft vor mehr als 60 Jahren eröffnet.

Zusammen mit ihrem Mann hat Christine Laas das Modegeschäft vor mehr als 60 Jahren eröffnet. © Privat

Am 2. Oktober 1956 hat sie gemeinsam mit ihrem Mann das Modehaus eröffnet. Zunächst haben sie hauptsächlich Pelze verkauft, auch Maßanfertigungen auf Wunsch der Kunden. Stück für Stück wurde das Geschäft in den folgenden Jahren erweitert, wurde umgebaut, vergrößert und auch das Sortiment ist gewachsen. Seit mittlerweile 64 Jahren ist die gelernte Pelzdesignerin Christine Laas die Inhaberin.

Mode ist Christine Laas’ Leidenschaft

Nun sitzt Laas hinter dem Tresen und gesteht sich nach einem kundenreichen Vormittag eine kurze Mittagspause zu. Sie zerbröselt einen Zuckerwürfel und rührt nur einen Teil davon in ihren Espresso ein. „Man darf sich nicht gehen lassen“, sagt sie später. „Jeden Tag bemüht man sich, gut auszusehen, sich korrekt zu kleiden, nach dem neuesten Trend zu gehen“, so Laas. „Das gehört zum Beruf, aber ich mache das auch gerne.“

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An diesem Tag trägt sie einen weißen Blazer mit Leoparden-Muster, ihre weißen Schuhe werden durch eine silberne Schleife verziert, das restliche Outfit eher schlicht: schwarze Hose und ein schwarzes Shirt. Alltagstauglich und schick soll es sein, so beschreibt sie die Mode, die sie verkauft. „Wie ich mich kleide, so kleide ich auch meine Kundinnen“, erzählt Laas und begibt sich schon zur nächsten Kunden-Beratung.

„Von Laas bekleidet, von allen beneidet“

„Ich bin auch zu den Kundinnen nach Hause gefahren, um sie zu beraten. Ich habe schon mit manchen den Koffer für den Urlaub gepackt, für eine Schiffsreise zum Beispiel“, so die heute 84-Jährige. „Das mache ich einfach gerne. Ich bin eine Macherin.“

Zusätzlich zum alltäglichen Geschäft hat sie in den vergangenen Jahren jeweils im Frühjahr und im Herbst Modeschauen organisiert. „Es war immer Full House und hat sehr viel Spaß gemacht“, lässt Laas die Zeit Revue passieren. Die Kollektionen waren vielseitig: „Von kleinen bis großen Größen war immer was dabei. Es soll ja auch eine Frau mit Größe 46 noch was finden.“

Christine Laas hat in ihrem Modegeschäft regelmäßig Modeschauen veranstaltet.

Christine Laas hat in ihrem Modegeschäft regelmäßig Modeschauen veranstaltet. © Privat

„Von Laas bekleidet, von allen beneidet“, lautet ein Spruch, der einst bei einer Modeschau aufkam. „Und das sagen sie heute noch“, schmunzelt Laas. Sie holt eine Kiste mit alten Fotos heraus und blickt auf 64 Geschäftsjahre zurück.

„Wenn ich all diese Bilder sehe, kommen mir beinahe die Tränen.“ Ein wenig Nostalgie schwingt in ihrem Abschied vom Geschäftsleben mit. „Ich hatte immer große Lust, zu arbeiten“, so Laas. „Das lag einfach an den sehr liebevollen Kunden und Mitarbeiterinnen.“

Kunden schätzen die Authentizität des Modehauses

Inhaberin Laas ist mit ihren 84 Jahren sichtlich jung geblieben. „Ich glaube, das größte Glück ist, dass ich nie krank war, nie ins Krankenhaus musste. Ich bin jeden Tag zehn Stunden hier - für mich gibt es kein krank sein.“ Und auch modisch bleibt sie am Puls der Zeit: „Was die jungen Leute heute tragen, war vor 30 Jahren schon bei mir im Geschäft.“

64 Geschäftsjahre liegen hinter ihr - Modetrends aus mehr als sechs Jahrzehnten sind durch ihr Geschäft gegangen. „Am liebsten wäre ich in den 80ern stehengeblieben“, erzählt Laas.

Ihre Kundinnen sind mit ihr zusammen gealtert. „Bei allen lieben und treuen Kunden möchte ich mich auf jeden Fall noch bedanken.“ Einige der Stammkunden seien bereits gestorben, erinnert sich Laas.

„Das Geschäft ist einfach authentisch“, sagt eine Kundin, während sie sich im Laden umschaut. „Es ist ja auch schon ewig hier - eine richtige Institution.“ Auf Beständigkeit wird Wert gelegt. Mit ihren Mitarbeiterinnen arbeitet Laas bereits mindestens zehn Jahre, teilweise seit mehreren Jahrzehnten schon zusammen. Grund für die gute Zusammenarbeit sei Laas‘ gute Menschenkenntnis, erzählt Mitarbeiterin Alexandra Fels.

Das Modehaus Laas ist eine beliebte Adresse im Dortmunder Kaiserviertel.

Das Modehaus Laas ist eine beliebte Adresse im Dortmunder Kaiserviertel. © Tabea Prünte

Rückblick auf 64 Jahre Kaiserviertel-Geschichte

Nicht nur ihr Geschäft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert - Laas blickt außerdem auf einen langen Zeitraum Kaiserviertel-Geschichte zurück: „1956 fuhr hier noch die Straßenbahn durch. Inzwischen wurde die Straße immer wieder erneuert und Bäume wurden gepflanzt.“ Zwar vermisst sie die vielen inhabergeführten Geschäfte, meint jedoch auch: „Es ist ein schönes Einkaufsviertel geworden.“

Für sie selbst nähert sich das Ende ihres Berufslebens. „Ich muss erstmal alles verdauen, was ich hier so erlebt habe.“ Inhaberin Christine Laas gibt das Geschäft auf und begibt sich nach 64 erfolgreichen Geschäftsjahren in den Ruhestand. Es herrscht Ausverkaufs-Stimmung im Geschäft. „Alles hat nun einmal ein Ende“, sagt sie, und doch mit einem Hauch leiser Wehmut fügt sie hinzu: „Es ist so wie es ist.“

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