Hörder Sehfest: „Wir brauchen mehr als systemrelevante Bereiche“

dzKultur in Hörde

Das Sehfest, bei dem Hörder Ateliers und Galerien ihre Türen öffnen, fand trotz Corona statt. Die Künstler zeigen sich erleichtert: Für viele war es die erste Ausstellung in diesem Jahr.

von Alexandra Wachelau

Hörde

, 25.10.2020, 13:03 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Wir haben bis zum Schluss gebangt“, sagt Claudia Eberbach-Pape vom Kulturquartier Hörde. Zusammen mit dem Künstler Peter Kröker organisiert sie das jährliche Hörder Sehfest – in diesem Jahr eine wahre Zitterpartie.

Dennoch: Das Ordnungsamt gab grünes Licht für die Veranstaltung. Seit 2007 bietet die Hörder Kunst- und Kulturszene mit dem Sehfest eine Möglichkeit, Kunstwerke und ihre Schöpfer vor Ort kennen zu lernen. Ein Wochenende lang sind Galerien, Ateliers und weitere Schauräume im Viertel geöffnet.

In diesem Jahr geht das nur mit Mundschutz, Abstand und begrenztem Eintritt. Vor allem angesichts der steigenden Anzahl der Infektionen blieb die Angst vor einer Absage. „Ich habe gestern Abend noch befürchtet, dass es in letzter Sekunde abgesagt wird“, sagt Peter Kröker.

Er ist einer der Künstler des Ateliers Dreisam an der Teutonenstraße und „hatte am Anfang des Jahres noch das Gefühl, dass 2020 ein großartiges Jahr wird“, sagt er. Viele Ausstellungen und Aktionen waren geplant. Jetzt, im Herbst, ist das Sehfest die erste Ausstellung für den Künstler. Er ist damit nicht alleine.

Marco Jorge Rudolph und Rita-Maria Schwalgin vor dem Wohnzimmer im Piepenstock. Beide sind sich einig, dass Kunst nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden kann.

Marco Jorge Rudolph und Rita-Maria Schwalgin vor dem Wohnzimmer im Piepenstock. Beide sind sich einig, dass Kunst nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden kann. © Alexandra Wachelau

Digitale Angebote können Galeriebesuch nicht ersetzen

Auch die Künstlerin Rita-Maria Schwalgin hat sich am Abend vor dem Sehfest noch einmal versichert, ob die Veranstaltung wie geplant starten kann. Dabei hängen ihre Bilder schon seit rund zwei Wochen im Wohnzimmer im Pipenstock an der Schildstraße. Bis zum 3. Januar 2021 hat sie die Location für ihre Ausstellung „Kontraste“ gebucht.

Vor Ort: Ein Projektor, Kunst to go und das Bild eines großen Nashorns. Rita-Maria Schwalgin ist Architektin und befasst sich schon seit Jahren mit dem Klimawandel. „Man muss sensibel für Details sein“, sagt Schwalgin.

Rita-Maria Schwalgin befasst sich in ihren Bildern mit dem Klimawandel. Auf ihrer Fotografie sieht man Bäume, die Bilder im Hintergrund wurden gedruckt.

Rita-Maria Schwalgin befasst sich in ihren Bildern mit dem Klimawandel. Auf ihrer Fotografie sieht man Bäume, die Bilder im Hintergrund wurden gedruckt. © Alexandra Wachelau

Das diesjährige Sehfest ist bei weitem nicht ihr erstes – obwohl sie ihr Atelier in der Nordstadt hat. Doch auch die offenen Nordstadtateliers mussten dieses Jahr abgesagt werden.

„Das ist natürlich für alle schlimm. Die Mieten laufen ja weiter, der Verdienstausfall ist häufig gar nicht bezifferbar“, sagt sie zur Situation. Sie selbst sei zu Beginn der Pandemie „in ein tiefes Loch gefallen“. Pipenstock-Betreiber Marco Rudolph sagt dazu: „Hauptsache, es findet momentan irgendwas statt. Mit einer Aktion wie dieser kann man erstmal seine Miete bezahlen, aber wie es weitergehen soll, weiß keiner“, sagt er.

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Allein die Vernissage von Schwalgins Ausstellung habe einige spontane Absagen mit sich gebracht. Beide sind sich jedoch einig: Keine digitale Galerie, kein Treffen im Internet kann einen Galeriebesuch vor Ort ersetzen.

Sehfest mit weniger Künstlern - aber einer Botschaft

Im Haus Rode hat die Pandemie letzten Endes dafür gesorgt, dass die Ausstellung vor Ort ohne die Künstlerin starten muss. Stattdessen vertritt Marina Rouev die bulgarische Künstlerin Genoveva Gencheva, deren bunte Bilder die Wände des Hauses zieren.

Die Künstlerin ist nicht vor Ort: Maria Rouev war ursprünglich nur vor Ort, um die bulgarische Künstlerin Genoveva Gencheva zu unterstützen. Doch Corona verhinderte die Einreise nach Dortmund.

Die Künstlerin ist nicht vor Ort: Maria Rouev war ursprünglich nur vor Ort, um die bulgarische Künstlerin Genoveva Gencheva zu unterstützen. Doch Corona verhinderte die Einreise nach Dortmund. © Alexandra Wachelau

„Anfang Oktober hat es sich entschieden, dass Gencheva leider nicht einreisen kann. Es gibt momentan zu viele Risikogebiete“, sagt Marina Rouev.

„Das fehlt natürlich in diesem Jahr total: Die Möglichkeit, als Künstler seine Werke zu präsentieren“, sagt Peter Kröker vom Atelier Dreisam. Daher seien viele schlicht erleichtert, dass das Sehfest stattfinden konnte – „zumindest die, die sich getraut haben“, sagt er. Im vergangenen Jahr waren es 42 Künstler, die am Sehfest teilnahmen - in diesem Jahr sind es 28.

Hörder Künstler empfangen auch in Zukunft Besucher

  • Claudia Eberbach-Pape vom Kulturquartier Hörde weist darauf hin, dass die 18 Ateliers und Galerien auch außerhalb des Sehfests besichtigt werden können.
  • Neugierige und Kunstinteressierte können sich im Internet über Öffnungszeiten, Kontaktinfos und Besonderheiten informieren.
  • Das Sehfest besteht seit 2007 und ist eine Kooperation der Ateliers in Hörde.

Angesichts der Pandemie wird es in diesem Jahr keinen Charity-Verkauf geben. „Wir überlegen, nächstes Jahr eventuell Sea-Watch zu unterstützen“, verrät Peter Kröker. Doch bis dahin müssen die Künstler vor Ort durch den Winter kommen – mit Corona. „Man sollte darüber nachdenken, ob unsere Gesellschaft nicht mehr braucht als systemrelevante Berufe“, sagt Claudia Eberbach-Pape und verweist auf die Fabel von der Grille und der Ameise. „Vielleicht nehmen einige Menschen das als Anlass, mal Kunst anstelle von Blumen zu verschenken“, schlägt sie vor.

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