Das Schild ist schon verwittert: Die Jugendbildungsstätte Wittbräucke ist seit vielen Jahren geschlossen. © Oliver Volmerich
Haus Wittbräucke

Hilfeverein will Villa übernehmen – aber die Stadt lässt das Haus lieber leer stehen

Die Stadt Dortmund ist Besitzer einer stattlichen Villa auf Herdecker Gebiet. Die steht seit Jahren leer, obwohl ein gemeinnütziger Verein hier gern einziehen würde - und einen Investor bieten kann.

Es ist ein stattliches Gebäude, das da auf einem großen Grundstück, eingebettet in viel Grün, am Hang oberhalb der Wittbräucker Straße liegt. „Jugendbildungsstätte Wittbräucke“ steht auf dem Schild. Das Schild hat schon Grünspan angesetzt. Das Tor dahinter ist verschlossen. Denn das „Haus Wittbräucke“ steht seit vier Jahren leer.

Dabei war das Haus über Jahrzehnte fester Bestandteil der Dortmunder Jugendarbeit – obwohl es eigentlich kurz hinter der Stadtgrenze auf Herdecker Stadtgebiet liegt. Doch die 120 Jahre alte Villa gehört seit mehr als 80 Jahren der Stadt Dortmund.

Jugendbildungsstätte der „Falken“

Lange Zeit wurde das Haus von der sozialdemokratischen Jugendorganisation „Die Falken“ als Jugendbildungsstätte genutzt. Es bietet Seminarräume, einen großen Speisesaal, Zimmer auf Jugendherbergsniveau, Sportmöglichkeiten, einen Kraftraum und viel Natur ringsum.

Ein idealer Platz für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Das weiß der Herdecker Verein Pro Kids aus eigener Erfahrung. Denn er war, nachdem die Falken das Haus aufgegeben hatten, ab 2002 Mieter von „Haus Wittbräucke“, hat hier Seminare für Kinder und Familien veranstaltet. Der Verein bietet vor allem Kurse für Kinder mit Diabetes. Sie und ihre Eltern lernen, den Alltag, den die Krankheit mit sich bringt, zu bewältigen.

Das Tor ist verschlossen. Doch auch von außen bekommt man einen Eindruck von dem stattlichen Jugendstíl-Gebäude, das der Stadt Dortmund gehört. © Oliver Volmerich © Oliver Volmerich

Und dafür bietet das Jugendstil-Heim die idealen Bedingungen. „Es ist ein Haus mit ganz besonderem Charme, in dem sich Familien mit Kindern sehr wohl fühlen können“, berichtet die Vorsitzende des Vereins, die Kinder- und Jugendärztin Dr. Dörte Hilgard. Das kann auch Mia Middendorf (14) bestätigen, die als Kind an Kursen teilgenommen hat und jetzt als Helferin für den Verein aktiv ist. „Das Haus ist ein toller Ort“, stellt sie fest.

Unterkunft für junge Flüchtlinge

Das Problem ist: Vor sechs Jahren musste der Verein Pro Kids „Haus Wittbräucke“ verlassen. Die Stadt Dortmund hatte gewissermaßen „Eigenbedarf“ angemeldet. Sie brachte im „Haus Wittbräucke“ unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unter.

Doch die letzten Bewohner auf Zeit sind schon lang ausgezogen. Seit 2017 steht das Haus leer. Weil das Jugendamt selbst keinen Bedarf mehr sah, wurde 2019 ein Bieterverfahren gestartet, um einen Käufer zu finden. Der Verein Pro Kids bewarb sich mit einem Investor – und fand dafür auch den Segen der zuständigen Fachausschüsse im Rat der Stadt vom Kinder- und Jugendausschuss bis zum Finanzausschuss.

Doch vor dem Verkaufsbeschluss im Rat wurde die Vorlage von der Verwaltung zurückgezogen. Es gab Bedenken aus der Politik, weil der angebotene Preis unter dem Buchwert lag, berichtet Stadtdirektor Jörg Stüdemann. Die Verwaltung wurde beauftragt zu prüfen, ob nicht das städtische Jugendamt selbst Bedarf für das Haus hätte.

Jugendamt hat keinen Bedarf mehr

Die Prüfung läuft und läuft und läuft. Mehrfach wurde aus dem Jugendamt signalisiert, dass man keinen Bedarf habe. Zu einer Entscheidung, ob nun doch verkauft wird, konnte sich die Verwaltung aber immer noch nicht durchringen.

Dabei dürften sich die finanziellen Bedenken, die 2019 den Verkauf platzen ließen, inzwischen relativiert haben. Denn jedes Jahr und jeder Monat Leerstand kostet die Stadt viel Geld. Allein für das Jahr 2020 fielen für den Unterhalt inklusive bauliche Instandhaltung, Versicherungen, Wasser, Heizung, Wachdienst und Grünschnitt Kosten von rund 60.000 Euro an, teilt die Stadt auf Anfrage mit. Allein 13.000 Euro kostet dabei die Bewachung pro Jahr. Und das Haus steht seit inzwischen vier Jahren leer.

Sehr zum Unverständnis des Vereins Pro Kid und der Kinder und Eltern, die auf seine Hilfe angewiesen sind. Dörte Hilgard und die anderen Mitstreiter des Vereins haben viele Ideen für die Nutzung des Gebäudes und des Grundstücks. Nicht nur das Beispiel von Mia zeigt, wie wertvoll die Arbeit des Vereins ist.

Verein als „großer Lichtblick“

„Pro Kid ist ein großer Lichtblick“, erzählt Jessica Welschhoff, deren Sohn Jakob mit fünf Jahren an Diabetes erkrankt ist. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus war der Verein gewissermaßen der Rettungsanker. „Am Anfang ist man als Eltern mit der Krankheit sehr auf sich allein gestellt.“

Über Dörte Hilgard kam Familie Welschhoff zum Verein Pro Kid. „Das hat für uns viel verändert“, berichtet Jessica Welschhoff. In den Kursen bekommen Eltern wie Kinder Hilfe bei der Bewältigung des Alltags mit Diabetes. „Das fängt schon damit an, dass Jakob hier andere Kinder kennengelernt und gesehen hat, dass er mit der Krankheit nicht allein ist“, erzählt die junge Mutter.

„Die Kinder gewinnen Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit“, bestätigt Mias Vater Thomas Middendorf. Und für die Eltern bietet der Verein wertvolle Entlastung, wie Dagmar Müller hervorhebt, deren Tochter Lena schon als Kleinkind an Pro Kid-Angeboten teilgenommen hat und nun mit 28 Jahren selbst zu den Helferinnen gehört.

„Haus Wittbräucke“ wäre idealer Ort

Umso ärgerlicher ist, dass der Verein seit vielen Jahren kein festes Domizil hat. „Haus Wittbräucke“ wäre ein passender Ort dafür. Denn die Teilnehmer der Kurse und Schulungen kommen aus der ganzen Region. „Es wäre der ideale Mittelpunkt eines gewachsenen Netzwerks“, erklärt Andreas Disselnkötter als Vorstandsmitglied des Vereins.

Neben Kindern mit Diabetes kümmert sich Pro Kid außerdem um Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten und anderen Beeinträchtigungen. Rund um Haus Wittbräucke könnten für sie auch naturpädagogische Angebote stattfinden, berichtet Dörte Hilgard.

Familien Middendorf, Dagmar Müller, die Vereinsvorsitzende Dr. Dörte Hilgard, Jessica Welschhoff und Andreas Heiermann hoffen vor dem verschlossenen Tor auf ein baldiges Ende der Hängepartie um “Haus Wittbräucke”. © Oliver Volmerich © Oliver Volmerich

Mit Andreas Heiermann, erfolgreicher Dortmunder Unternehmer und aktuell Manager der BVB-Handball-Damen, hat Pro Kids einen neuen Investor gefunden. Er würde das Haus gern kaufen und es an den Verein vermieten. Langfristig. „Für mindestens 15 Jahre“, sagt Heiermann, der die Ziele von Pro Kid unterstützen will. Es soll ein Kauf mit sozialer Verpflichtung sein. „Mir geht es nicht um Gewinnmaximierung. Ich bin kein Bauträger. Der Verein ist mir ans Herz gewachsen“, erklärt Heiermann.

Warten auf Entscheidung der Stadt

Das Signal ist auch bei der Liegenschaftsverwaltung der Stadt Dortmund angekommen. Dort findet zurzeit noch einmal ein „Abklärungsprozess“ mit dem Jugendamt statt, ob es nun Eigenbedarf gibt oder nicht. Für Mitte Juni stellt Stüdemann eine Entscheidung in Aussicht.

Der Verein Pro Kids mit Ehrenamtlichen, Eltern, Kindern und Investor wartet sehnlich darauf und würde gern wieder Leben ins alte Haus bringen. „Wir können sofort starten“, kündigt Andreas Heiermann an.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
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Oliver Volmerich
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