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Retter und Stadt-Mitarbeiter werden immer öfter Opfer von Gewalt. Ein 49-Jähriger berichtet von seinen Erlebnissen – er wurde in wenigen Monaten drei Mal angegriffen, musste ins Krankenhaus.

Dortmund

, 22.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Es war am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, als der 49-jährige Feuerwehrmann und Rettungssanitäter auf der Hauptwache in der City abends seinen Dienst antrat. Aus Sicherheitsgründen bleibt sein Name ungenannt. Am Hauptbahnhof nahe der Post wurde eine hilflose Person gemeldet. Betrunken oder unter Drogen. Ein 17-Jähriger, ansprechbar, aber nicht stand- und gehfähig.

Als der Feuerwehrmann und sein Kollege ihn mit in den Rettungswagen (RTW) nehmen wollten, hat er sie angepöbelt. Seine Vitalfunktionen wie Blutdruck, Puls und Blutzuckerspiegel zu messen, war ihnen nicht möglich. „Er hat uns dann ins Auto gekotzt. Extra“, berichtet der Feuerwehrmann, der gleichzeitig RTW-Führer ist. „Sag doch Bescheid. Wir haben Kotztüten“, habe er dem Jugendlichen gesagt. „Na und, wird doch bezahlt“, bekam er zur Antwort. Und eine Tirade von Beleidigungen hinterher.

Nasenbein- und Jochbeinprellung

Weil der vorbestrafte 17-Jährige Randale im Wagen machte, wurde er hinauskomplimentiert. „Wer so laut und aggressiv ist, muss nicht ins Krankenhaus“, so der RTW-Führer. Draußen kam dann das dicke Ende. Der Jugendliche schlug dem Feuermann unvermittelt mit der Faust ins Gesicht. Nasenbeinprellung, Jochbeinprellung, Schulterprellung. Brille kaputt. „Damit hatte ich nicht gerechnet“, sagt der Feuerwehrmann. „Wir haben ihn dann zu dritt gebändigt und die Polizei gerufen.“ Daraufhin musste er sich von dem Randalierer noch sagen lassen: „Hätte ich dich richtig erwischt, dann wärst du bewusstlos.“

Sanitäter mehrfach verprügelt – körperliche Attacken gegen Retter nehmen zu

Dieser Feuerwehrmann und Rettungssanitäter wurde innerhalb von sieben Monaten im Dienst drei Mal körperlich attackiert, zum Teil so schwer, dass er selbst behandelt und krankgeschrieben werden musste. © Gaby Kolle

Der Feuerwehrmann kam wegen seiner Verletzungen selbst ins Krankenhaus und wurde zweieinhalb Wochen krankgeschrieben. Es war die dritte körperliche Attacke innerhalb von sieben Monaten, die er erleiden musste. Im vergangenen September war es ein Drogensüchtiger mit Hepatitis und HIV, der ihn in der U-Bahn angespuckt hat. „Der wusste, was er macht.“ Im März war es eine hilflose Person, ein Mann, der im Krankenhaus in Kirchlinde eine Schwester bedrohte („Soll ich dir den Arm brechen?!“), von der Trage sprang und auf den Feuerwehrmann losging. Der konnte sich wehren.

Spuck- und Verbalattacken sind Alltag

„So etwas passiert öfter. Auch Kollegen“, sagt der Mann, der seit 19 Jahren bei der Feuerwehr arbeitet. Verbalattacken und Anspucken passieren fast täglich. Im Schnitt seien es 35 körperliche Angriffe im Jahr, sagt Feuerwehrsprecher Andreas Pisarski. Im laufenden Jahr seien es elf. Die Dunkelziffer sei aber möglicherweise höher, weil nicht alle Feuerwehrleute die Vorfälle meldeten.

Es gibt ein Protokoll zur Gewalt gegen Einsatzkräfte. „Ich schule die Kollegen und sage ihnen, sie sollen alles aufschreiben“, sagt der Rettungssanitäter, „ich lege auch mit Blick auf die Arbeitssicherheit großen Wert darauf.“ Er selbst hat auch im Fall des gewalttätigen 17-Jährigen Anzeige erstattet. Doch die größte Anzahl der Gewaltvorfälle seien die, die nicht gemeldet würden, sagt er. Die Wochenenden seien die schlimmsten Schichten.

Sanitäter mehrfach verprügelt – körperliche Attacken gegen Retter nehmen zu

Es gibt eine Anleitung, wie bei einem „Dienstunfall“ vorzugehen ist. © Gaby Kolle

„Ich finde es skandalös, wie unsere Beschäftigten teilweise angegangen und bedroht werden“, sagt der zuständige Personaldezernent Christian Uhr von der Stadt Dortmund. Er sei sich mit dem Rechtsdezernenten Norbert Dahmen „völlig einig, dass wir unsere Beschäftigten noch stärker schützen und unterstützen wollen.“ Uhr sieht auch die Justiz in der Pflicht: „Ich glaube, es wäre eine gute Unterstützung, wenn die Staatsanwaltschaft stärker hingucken würde. Gewalt ist nicht entschuldbar.“

206 Gewaltvorfälle wurden 2018 gemeldet

Ob Jugendamt, Bürgerdienste, Sozialdienst, Tiefbauamt oder Ordnungsamt – im vergangenen Jahr gab es 111 gemeldete Gewaltvorfälle, davon 60 verbale Attacken, 38 körperliche Angriffe wie Treten, Schubsen, Schlagen, Beißen, und fünf Übergriffe mit Gegenständen wie Glasflaschen, Getränkedosen – oder sogar Autos, mit denen Stadtmitarbeiter angefahren werden. 2017 waren es 109 Gewaltvorfälle, davon zwei mit Waffen.

Stadtmitarbeiter können und sollen solche Gewaltvorfälle in einem standardisierten Verfahren melden. Innerhalb einer Woche soll der Vorfall beim Vorgesetzten angezeigt sein, vier Wochen später eine Maßnahme als Reaktion entwickelt und nach weiteren drei Monaten bewertet sein. Allerdings musste die Personalverwaltung jüngst im Personalausschuss einräumen, dass im vergangenen Jahr von den 206 gemeldeten Vorfällen nur 34 in Maßnahmen endeten und davon am Ende nur acht nachbetrachtet und bewertet wurden.

Sicherheitskonzept für Mitarbeiter

Um effektiver zu helfen, soll das Verfahren nun entsprechend geschärft werden. Schulungen für Führungskräfte im Rahmen von Arbeits- und Gesundheitsschutz hat die Stadt vorgesehen. Darüber hinaus gibt es für Stadtmitarbeiter je vier Seminare zum „Verhalten in bedrohlichen Situationen“ sowie zum „Umgang mit der eigenen Belastung nach Extremerfahrungen“. Zudem soll es künftig einen Rechtschutz und Schadensersatz durch die Stadt für ihre Mitarbeiter geben, wenn sich diese im Dienst mit einer „Strafanzeige“ konfrontiert sehen.

Beim Ordnungsamt gibt es Doppelbüros und eine Alarmierungs-Software und für die Mitarbeiter auf der Straße Einsatzmehrzweckstöcke und Stichschutzwesten. Auch gegen Cybermobbing will die Stadt ihre Mitarbeiter stärker schützen, wenn etwa (manipulierte) Fotos von ihnen ins Netz gestellt werden.

Ausrüstung aus Rettungswagen gestohlen

Auch der Feuerwehrmann hat mal vor ein paar Jahren einen Deeskalationskurs mitgemacht. „Das funktioniert aber nicht bei diesen Leuten. Die haben überhaupt keinen Respekt, nicht vor der Person und nicht vor dem Rettungsdienst.“ Die Einsatzkräfte müssten sich schützen – und auch das Fahrzeug. So sei schon mal ein ganzer Rettungswagen von einem randalierenden Patienten auseinandergenommen worden. Auch Ausrüstung werde gestohlen. Statt Trainings in Deeskalation wünsche er sich „die andere Schiene“, sagt der Feuerwehrmann, nämlich „wie man sich wehren kann.“

Es gibt Straßen mit Problemhäusern wie die Mallinckrodtstraße. Die Adressen sind in der Leitstelle hinterlegt. Dort fahren die Rettungskräfte nicht allein mit ihrem Wagen hin, sondern nur in Begleitung eines Löschfahrzeugs: „Damit ein paar mehr Leute dabei sind.“ Bei der Behandlung eines Kranken stünden nämlich oft 20 oder mehr Leute im Raum, die die Rettungskräfte von jeder Seite ansprächen, sagt der Feuerwehrmann. „Wenn man sagt, der ist nicht krank und kann morgen zum Arzt gehen, muss man damit rechnen, dass man attackiert wird.“ Er warte darauf, „dass das nächste Mal jemand abgestochen wird. Dort liegen Messer auf dem Tisch und Pistolen herum.“

„Ich habe keine Angst“

Auch der Feuerwehrmann wünscht sich, dass die Justiz den Anzeigen mit mehr Verve nachgeht. Die Verfahren würden oft eingestellt. „Die Strafen sind doch da. Ich würde mir wünschen, dass man die auch umsetzt. Solche Leute sollten hart bestraft werden, wie die Raser.“

Viele seiner Kollegen beim Rettungsdienst der Hauptwache, die die City und die Nordstadt betreut, wollten wegen der Alkoholiker und Junkies dort so schnell wie möglich weg, berichtet der RTW-Führer. Er arbeite aber gern dort. „Ich habe keine Angst.“ Auch nach dem letzten Vorfall nicht. Doch wie er sich beim nächsten Patienten verhalte, der aggressiv werde, könne er „nicht explizit sagen“. Seine erste Schicht nach dem letzten Angriff begann wieder an einem Freitag Abend. Die Schicht ins Wochenende.

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