„Günna“ denkt noch lange nicht ans Aufhören

dz30 Jahre Theater Olpketal

Das Theater Olpketal im Dortmunder Süden feiert 30. Geburtstag. Im Interview spricht Inhaber und Kabarettist Bruno „Günna“ Knust über drei Jahrzehnte Humor aus dem Ruhrpott.

Dortmund

, 07.09.2019, 15:31 Uhr / Lesedauer: 5 min

Bruno, 30 Jahre Theater Olpketal. Wir Menschen stehen in dem Alter voll im Saft, stecken in der Blüte unseres Lebens, befinden uns auf dem Höhepunkt unserer Schaffenskraft – und dein Theater?

Ich weiß noch, wie ich meinen 30. Geburtstag gefeiert habe: Frankfurt, Hotel Mainzer Hof, Einzelzimmer – und ‚ne Pulle Fürst von Metternich. (lacht) Das war ein scheiß Geburtstag …

Für mich stand zuletzt in den Vorbereitungen zum 30-jährigen Bestehen fest: Den runden Geburtstag des Theaters wollen wir auf jeden Fall anders feiern als meinen runden Geburtstag damals.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich viel getan. Als wir das Theater eröffnet hatten, war mein Sohn noch nicht auf der Welt – der ist drei Wochen später geboren worden.

Ich sehe also anhand der Entwicklung meines Sohnes das Theater heranwachsen. Wenn der heute vor mir steht, zwei Zentimeter größer als ich, dann sehe ich, was mit der Zeit entstanden ist.

Wie kam es vor drei Jahrzehnten zu der Entscheidung, ein eigenes Theater zu führen?

Ich habe davor ja ein Kinder- und Jugendtheater auf Tournee betrieben. Die Räumlichkeiten im Theater Olpketal dienten als Lager und Büro. Einmal im Jahr feierten wir im September hier eine große Party, die ein richtig angesagter Geheimtipp war. Und auf solchen Partys treffen sich dann Hinz und Kunz.

Irgendjemand meinte zu mir, ich solle hieraus doch ein Theater machen. Es hat eine Phase gegeben, da hat das Land NRW Fördergelder zur Wohnumfeldverbesserung vergeben – und wir haben einen Teil davon abbekommen.

Mit dem wenigen Geld, das wir hatten, und ordentlich Muskelmasse bauten wir die Räumlichkeiten zum Theater um. Ich hatte eh vor, wegen der Familie aus dem Tourneebetrieb auszusteigen – dabei war das ein florierendes Unternehmen! Mit dem Kinder- und Jugendtheater hatte ich eine Nische entdeckt – mit Themen, die sonst keiner angepackt hat.

Das alles abzuhaken und hinter sich zu lassen war natürlich ein großes Risiko. Ich war aber davon überzeugt, Dortmund und das Ruhrgebiet auf die Bühne bringen zu können.

„Günna“ denkt noch lange nicht ans Aufhören

Bruno Knust mit Dortmunds Alt-OB Günter Samtlebe. © Stephan Schütze

Wie liefen die Anfänge?

Zuerst hatten wir eine Kooperation mit dem Stadttheater, das hier ein Stück aufführen wollte. Schauspieldirektor Guido Huonder hatte aber keine Aufführungsrechte für das Stück. Also wurde monatelang geprobt, aber nichts aufgeführt. Und so stand das Theater kurz nach der Eröffnung wieder leer.

Uns wurden dann aus dem Studio ein paar Produktionen geschickt, die dort nicht liefen – und hier auch nicht. Im Studio am Hiltropwall hatte man 16 Zuschauer, bei uns waren es 17 – weil ich zugeguckt habe. (lacht) Wir haben die Kooperation wieder beendet.

Ich habe die Dortmund-Revue vorgezogen, die für ein Jahr später geplant war. Die Premiere war am 2. Mai 1990, glaube ich. Ein echter Kraftakt. Dortmund-Revue, darunter konnte sich niemand etwas vorstellen. Die erste Vorstellung: ausverkauft. Die zweite Vorstellung: 20 Leute. Die dritte Vorstellung: 40 Leute.

Irgendwann hatte Professor Sökeland vom Klinikum Dortmund sechs Vorstellungen für sein Pflegepersonal gebucht – und danach lief’s. Im Krankenhaus haben die Werbung für uns gemacht. Nach sechs Wochen waren wir ausverkauft.

Fritz Jäger, einst Präsident der IHK Dortmund, hatte mal aus einer Bierlaune heraus zu mir gesagt, er wolle ein Jahr lang alle liegen gebliebenen Eintrittskarten kaufen. Mit so einem Förderer im Rücken konnten wir das Risiko gut eingehen.

Wie entsteht ein neues „Günna“-Programm?

Als ich das letzte Programm „Günna Royal“ vor zwei Jahren geschrieben habe, war ich so im Fluss, dass ich ein zweites gleich hinten dranhängen wollte. Wie das so ist, schiebt man das aber erst mal vor sich her. Dann rückte das Jubiläum näher – und zum Jubiläum wollte ich unbedingt ein neues Programm auf die Beine stellen.

So schreibe ich Geschichten und schaue, dass die Themen zusammenpassen; dass die Themen zeitgemäß sind. In der einen oder anderen Show muss ich mal zehn Minuten lang ausprobieren, ob die neuen Inhalte funktionieren. Kommt’s beim Publikum an? Die Reaktionen helfen mir dabei weiter.

Ich ziehe mich dann wieder in meine Kreativkammer, in mein Gag-Bergwerk zurück, weil viel nächtliche Arbeit im Büro auf mich zukommt. Auf der Bühne ist es wichtig, was ich letztendlich im Kopf von den Inhalten behalten habe, die ich erarbeitet habe.

Ich kann keine Texte auswendig lernen. Ich muss Geschichten draufhaben, die ich mit meinen eigenen Worten wiedergebe. In der Schule waren Lückentexte mein Spezialgebiet. (lacht)

„Günna“ denkt noch lange nicht ans Aufhören

„Günna“ steht seit Jahrzehnten auf der Bühne. © Stephan Schütze

Du bringst andere Menschen zum Lachen – über wen lachst du?

Wenn ich zum Beispiel mit Mia Mittelkötter zusammen auftrete. Obwohl wir schon so oft gemeinsam auf der Bühne gestanden haben, klatscht der eine dem anderen was um die Ohren, dass wir uns kaputtlachen. Es hat zwar einige Zeit gebraucht, bis ich über ihn lachen konnte, aber mittlerweile lache ich über Torsten Sträter, wenn er mal bei uns ist.

Ich kann über Wolfgang Trepper lachen. Ich kann über Atze Schröder lachen – der spult nicht ab, der kann entertainen, die Hose runterlassen, das Programm auf Zuruf anpassen, was viele seiner Kollegen nicht können.

Ansonsten lache ich über Klassiker. Meine großen Vorbilder waren Laurel und Hardy. Von denen habe ich eine DVD-Sammlung zu Hause. Mein kleiner Sohn, der jetzt neun Jahre alt wird, der guckt auch Laurel und Hardy. Er ist der Einzige in der Schule, der weiß, wer das ist. Und über meine Kinder kann ich lachen. Ich habe das Glück, dass alle drei Humor haben, der sogar bühnentauglich wäre.

Im Fernsehen gibt es mittlerweile so viele Shows, über die ich nicht lachen kann – was aber wohl auch daran liegt, dass ich berufsbedingt mit einem anderen Blick diese Shows verfolge. Mein großer Sport auf der heimischen Couch beim Fernsehgucken ist: Sätze erraten. Ich kann dir den nächsten Satz sagen, der folgt. Ich weiß ganz genau, wie sich solche Szenen entwickeln. Oder wenn ich Comedians sehe, dann errate ich die Gags. Daran siehst du, wie oft Kabarettisten über ein- und dasselbe Thema reden.

Ingolf Lück, Knacki Deuser, Peter Maffay und Mitglieder der Kelly Family standen schon auf der Bühne des Theater Olpketal. Wen würdest du noch gerne mal begrüßen?

Die Kollegen würden alle immer gerne kommen, nur ihre Manager haben was dagegen. Wie im Fußball hat das was mit den Beratern zu tun. Die spielen lieber einmal in der Westfalenhalle 3 als fünfmal bei mir im Theater Olpketal. Einen Atze Schröder hätte ich schon gerne hier. Oder Jürgen von der Lippe. Oder Kurt Krömer. Oder Bernd Stelter.

Mit den Jahren hat sich nicht nur dein Theater, sondern auch dein Publikum verändert. Wer war dein Zuschauer, als du als Neuling auf deiner eigenen Bühne standest? Und wer ist heute dein Zuschauer?

Als wir angefangen haben: alles, was bei Rewe an der Kasse steht. Vom Alter her, von der sozialen Schicht her. Im Laufe der Zeit hat sich das verändert. Mittlerweile kommen die Leute von auswärts, nicht nur aus Dortmund.

Unser Einzugsgebiet dürfte deckungsgleich mit dem Vorverkaufsgebiet von Borussia Dortmund sein. Von etwa 160 Kilometer um Dortmund herum kommen viele Firmen mit Gästen und Mitarbeitern zu Veranstaltungen oder machen ihre Weihnachtsfeiern in unserer modernen Theatergastro. Es kommen auch viele Ruhrgebietstouristen.

„Günna“ denkt noch lange nicht ans Aufhören

Das Theater Olkpetal im Dortmunder Süden © Isabella Thiel

Und wenn Borussia ein Heimspiel hat, verknüpfen die auswärtigen BVB-Fans ihren Aufenthalt in Dortmund mit einem Besuch einer „Günna“-Show. Von der Altersstruktur her ist aber schon der Fall eingetreten, dass wir gesagt haben, dass wir was tun müssen, weil uns sonst das Publikum wegstirbt.

Unsere Gesellschaft verändert sich, das Ruhrgebiet verändert sich, unsere Sprache verändert sich. Das Problem haben andere Theater aber auch. Der Altersschnitt geht richtig runter, deshalb müssen wir junge Leute als Publikum gewinnen.

Das gelang durch den Generationswechsel im Management, meine Tochter Nicoletta ist seit gut zehn Jahren meine Chefin und brachte als Vertreter der „Next Generation“ natürlich neue Ideen ein. Wenn eine junge Besucherin an der Kasse sagt, sie möchte einen Gutschein für ihre Eltern kaufen, dann muss unser Ziel sein, die Eltern und die junge Frau als Zuschauer zu bekommen.

Diese Steilkurve haben wir als Herausforderung genommen und sind jetzt auf gutem Weg, wieder junge Leute ins Theater zu holen.

Du führst einen Familienbetrieb: Dein Sohn Fabio und deine Tochter Nicoletta sind in leitender Position fester Bestandteil des Theater Olpketal. Wenn „Günna“ in den Ruhestand geht, übernimmt der Nachwuchs das Theater?

Ruhestand kann ich mir heute noch gar nicht vorstellen. Aber wünschen würde ich mir schon, dass das Theater in Familienhand bleibt. Alle aus der Familie haben das Zeug dazu. Das ist natürlich eine Frage des Wollens. Ich kann niemanden dazu zwingen. Bei mir hat sich das alles so ergeben, das wäre heute gar nicht mehr möglich.

Meine Kinder sind mit diesem Business großgeworden. Sie haben ein ordentliches Maß voraus durch eigenes Anspruchsdenken. Sie haben selbst miterlebt, was das für eine Arbeit ist, ein Theater am Laufen zu halten.

Sie wissen, wie man sich in dieser Branche durchsetzen muss. Deshalb: Den Staffelstab auch auf der Bühne weiterzureichen wäre schön, aber ich muss den Respekt vor meinen Kindern haben, wenn ihre Lebensplanung etwas anderes vorsieht.

Im Jubiläumsjahr geht Bruno „Günna“ Knust mit seinem neuen Soloprogramm „Tabula Rasa“ an den Start, das ab sofort im Theater Olpketal, Olpketalstraße 90, in Dortmund, zu sehen ist. Weitere Infos und Karten unter

www.theater-olpketal.de

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