Großes Umwelt- und Verkehrsbündnis kritisiert „Umsteigern“-Kampagne

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Corona bremst viele Vorhaben aus. Auch die städtische Kampagne „Umsteigern“ für umweltfreundliche Mobilität ist mit Verspätung gestartet. Und sie sorgt aber gleich für Gesprächsstoff.

Dortmund

, 18.06.2020, 17:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Daniel Hasse ist leidenschaftlicher Radfahrer. Jeden Tag legt er den Weg vom Wohnort Scharnhorst zu seinem Arbeitsplatz in der City mit dem Fahrrad zurück - und damit ist er ein idealer Botschafter für die „Umsteigern“-Kampagne der Stadt. Die soll im Rahmen des Projekts Emissionsfreie Innenstadt dazu animieren, statt des eigenen Autos umweltfreundliche Verkehrsmittel wie E-Mobile, Bus und Bahn oder das Fahrrad zu nutzen.

16 Maßnahmen umfasst das Förderprojekt, das von der Europäische Union und vom Land Nordrhein-Westfalen mit 6,4 Millionen Euro unterstützt wird, 1,4 Millionen Euro zahlt die Stadt aus eigener Tasche.

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Zu dem Maßnahmenpaket gehören die Anlage von neuen Fahrradbügeln in der Innenstadt, die Ausweisung von Fahrradstraßen, der Neubau von Radwegen und die Förderung der E-Mobilität.

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Ein gewichtiger Punkt ist aber die Öffentlichkeitsarbeit mit der „Umsteigern“-Kampagne, für die über die Projektlaufzeit von drei Jahren bis 2022 allein 1 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Sie ist in drei Phasen aufgeteilt, erklärt Andreas Meissner.

Gemeinsam stellten Verkehrsplaner und Projektleiter Andreas Meissner (l.), DSW-Marketing-Chef Heinz Pohlmann und Umweltdezernent Ludger Wilde die "Umsteigern"-Kampagne vor.

Gemeinsam stellten Verkehrsplaner und Projektleiter Andreas Meissner (l.), DSW-Marketing-Chef Heinz Pohlmann und Umweltdezernent Ludger Wilde die "Umsteigern"-Kampagne vor. © Stadt Dortmund / Roland Gorecki

Der Verkehrsplaner im städtischen Planungs- und Bauordnungsamt ist verantwortlich für die Umsetzung des Projekts Emissionsfreie Innenstadt und damit auch die „Umsteigern“-Kampagne. Der Motivierungsphase bis Ende September 2020 folgt eine Mobilisierungsphase bis September 2021.

Auftaktveranstaltung musste ausfallen

Dabei steht die Kommunikation über laufende und umgesetzte Maßnahmen des Förderprojektes, die das Umsteigen erleichtern, im Vordergrund - etwa die neuen Fahrradbügel, die Eröffnung eines neuen Park-and-Ride-Parkplatzes am S-Bahnhof Kley und der Bau des Radwalls.

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In der dritten Phase bis zum Abschluss der Kampagne im Jahr 2022 geht es um Bestätigung und Belohnung für klimafreundliches Mobilitätsverhalten.

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Die eigentlich für den 24. März dieses Jahres geplante Auftaktveranstaltung für die Kampagne fiel der Corona-Krise zum Opfer. Der Start fand mit Verspätung und ohne großen Knalleffekt statt - mit einer Plakatkampagne. Dabei stehen sogenannte „Botschafter“ im Mittelpunkt - Menschen, die beispielhaft zeigen, wie man klimafreundlich mobil sein kann.

„Wir wollen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen, sondern durch Vorbilder überzeugen“, erklärt Meissner. Mehr als 50 Interessenten hätten sich auf die bisherigen Aufrufe, sich als Botschafter für die Kampagne zur Verfügung zu stellen, schon gemeldet, berichtet der Verkehrsplaner.

Plakatkampagne mit Botschaftern

Im Mittelpunkt der ersten Werbewelle stehen sechs ausgewählte Botschafter, die für verschiedene Themen der Kampagne stehen. Eine gut gelaunte Fußgängerin, eine elektrisch motorisierte Klimaschutz-Managerin, jugendliche Freizeitradlerinnen und eine überzeugte Bus- und Bahnfahrerin sind vertreten und werden in den nächsten Wochen plakatiert.

Radpendler Daniel Hasse ist einer der ersten, der nun stadtweit von Plakaten lächelt. Ein anderer ist Oberbürgermeister Ullrich Sierau - was im Vorfeld des Kommunalwahlkampfs prompt für Diskussionen sorgte. Dabei sei die Tatsache, dass Sierau nicht mehr für die Oberbürgermeister-Kandidat antritt, ein wichtiger Gesichtspunkt bei der Auswahl gewesen, beteuert Meissner. Sierau, der viel mit Fahrrad und E-Auto unterwegs ist, stehe als erster Bürger und oberster Repräsentant der Stadt auch schon seit Jahren für das Thema umweltfreundliche Mobilität.

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Doch die Auswahl von Oberbürgermeister Ullrich Sierau ist nicht der einzige Umstand, der für Diskussionen sorgt. Unter dem Titel „Werbekampagne statt Infrastruktur?“ kritisiert ein Bündnis aus verschiedenen Verkehrs- und Umweltinitiativen unter Federführung von Velocity Ruhr, dass viele Maßnahmen zur Verbesserung des Radverkehrs nur zögernd vorankommen.

Warten auf neue Fahrradachsen

Dazu gehört, dass von ursprünglich drei bis sechs geplanten Fahrradachsen jetzt nur noch zwei umgesetzt werden sollen - mit der Umwidmung von Arndstraße und Langer Reihe in der östlichen Innenstadt zu Fahrradstraßen. „Werbekampagnen wie Umsteigern haben sicher ihre Berechtigung“, erklärt Peter Fricke vom Bündnis Aufbruch Fahrrad und Velocity Ruhr. Aber für den Umstieg aufs Rad sei letztlich eine bessere Infrastruktur entscheidend.

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Als großen Hemmschuh sehen die Kritiker dabei das fehlende Personal bei der Stadt. Es seien zwar im vergangenen Jahr zehn neue Planstellen für den Radverkehr in der Planungs- und Tiefbau-Verwaltung beschlossen worden. Nach Ansicht des Umweltbündnisses sind aber weitere 15 Stellen und mehr Geld nötig, um die Verkehrswende voranzubringen.

Rot markiert soll der "Radwall" über Ostwall und Schwanenwall führen.

Rot markiert soll der "Radwall" über Ostwall und Schwanenwall führen. © Stadt Dortmund

„Das Produkt, für das wir werben, muss besser werden“, sieht auch Meissner Nachholbedarf. „Wir haben einen großen Stau an Maßnahmen, die jetzt abgearbeitet werden.“

Dass nicht alle Fahrradachsen-Pläne bis 2022 realisiert werden, hat aber auch ganz profane Gründe. So kommen etwa dem Vorhaben, die Nordstraße und die Leuthardstraße in der Nordstadt zu Fahrradstraßen umzuwidmen der Ausbau des Fernwärme-Netzes durch Energieversorger DEW21 und auch der geplante Abriss des Horrorhauses an der Kielstraße in die Quere.

„Uns war relativ schnell klar, dass wir die Pläne für die Fahrradachsen nicht in der relativ kurzen Zeit von drei Jahren realisieren können“, sagt Meissner. Doch aufgeschoben sei nicht aufgehoben. Die Verkehrswende ist auf langen Atem ausgelegt.

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