Die Ballonflaschen sind Felix Krämers Handwerkszeug. In ihnen wir Destillat aufbewahrt, wie es auch für die Gin-Produktion verwendet wird. © Dieter Menne (A)
Kornbrennerei Krämer

Gin ist in – Dortmunder Destillateur erklärt, woran das liegt

Gin war einmal billiger Alkohol für die Massen. Heute gibt es jede Menge edler und hochpreisiger Sorten. Warum ist Gin so angesagt? Wir sind der Frage in einer Dortmunder Brennerei nachgegangen.

Der Duft eines fein ausgewogenen Gins kann so verschieden wie berauschend sein. Manche nennen ihn daher das Parfüm unter den Spirituosen. Die Vielfalt ist sicherlich ein Grund für die steile Karriere diese unscheinbaren, klaren Alkohols.

Früher bestellten Gäste in einer Bar einfach einen Gin oder Gin-Tonic. Heute können sie dafür aus Dutzenden Gin- und fast eben so vielen Tonic-Sorten auswählen. Aus der Allerwelts-Spirituose ist ein Trendgetränk geworden.

Edle Flaschen und ausgefallene Rezepturen wecken Interesse

Ausgefallene Rezepturen und edle Flaschenkreationen machen es auch zum Sammlerobjekt. Der teuerste Gin der Welt, der Bombay Sapphire Revelation in der mit Edelstein besetzten Kristallflasche, soll angeblich 180.000 bis 200.000 Dollar kosten.

Doch auch im bodenständigen Segment macht es die Vielfalt dem Laien schwer, sich zurechtzufinden. Nicht jede tolle Flasche hat auch einen hochwertigen Inhalt. Und was macht überhaupt einen guten Gin aus?

Mit diesem Gerät werden die Destillate hergestellt.
Mit diesem Gerät werden die Destillate hergestellt. © Susanne Riese © Susanne Riese

Das haben wir einen Experten gefragt, Felix Krämer von der Dortmunder Kornbrennerei Krämer, wo seit mehr als 150 Jahren Schnaps und Kräuterlikör hergestellt werden. In fünfter Generation kümmert sich der Juniorchef am Firmensitz Schwanenwall um die Qualität der hochprozentigen Produkte. Auch Wacholder gehört dazu, ein weit weniger populärer Verwandter des Gins. „Gin ist Wacholder plus X“, sagt Felix Krämer.

Dieses geheimnisvolle „Plus“ bezieht sich auf die sogenannten Botanicals, die Zusätze, die dem Gin seinen ganz spezifischen Charakter verleihen. Aber auch der Basisalkohol spielt eine wichtige Rolle für das Gesamtergebnis, in der Regel ist das ein Weizenschnaps.

Der Dry Gin von Krämer arbeitet mit einem gut abgelagerten Dortmunder Korn, mehr als zehn Jahre alt und sehr mild, erklärt Felix Krämer. Dazu kommt Wacholder-Geist, also ein Destillat aus in Alkohol eingelegten Wacholderbeeren und dazu Destillate von Koriandersamen, Amalfi-Zitrone und Pomeranzenschalen. Und Wasser, sonst wäre das Ganze viel zu konzentriert.

Die Flasche hat sich verändert, die Rezeptur kaum

Die Grund-Rezeptur aus den 50er-Jahren stammt von Großvater Hermann Krämer. Sie ergibt vor allem wegen des supermilde Korns und der fein abgewogenen Zitrus- und Gewürznoten einen besonders weichen, zarten Gin. „Für Mischungen ist das nicht das Richtige“, sagt der Destillateur, dafür sei er zu mild, trotz seiner 43 Prozent. „Man sollte ihn pur trinken.“

Das Destillat aus Amalfi-Zitronen durftet himmlisch nach Frucht und Sonne.
Das Destillat aus Amalfi-Zitronen durftet himmlisch nach Frucht und Sonne. © Susanne Riese © Susanne Riese

Damit hat der Krämer Dry Gin schon ein wichtiges Qualitätsmerkmal erfüllt. „Gin sollte pur und bei Zimmertemperatur ein Genuss sein.“ Ist er nur eisgekühlt und mit Tonic zu ertragen, spricht das eher für mindere Güte. „Alles andere ist subjektiv.“

Gin soll auch ohne Eis und Tonic schmecken

Vertrauen in den Hersteller ist allerdings für Felix Krämer auch ein wichtiges Kriterium. Er hält nichts von seelenlosen Gins, die nicht viel mehr sind als eine Vermarktungshülle für ein aus fertigen Aromen zusammengemixtes Getränk. „Man sollte nur Produkte kaufen, bei denen man den Hersteller kennt.“ Selbst Experten könnten kaum herausschmecken, ob beim Geschmack mit Konzentrat aus dem Fläschchen nachgeholfen wurde. Dabei seien die Rohstoffe das wichtigste in dem gesamten Herstellungsprozess. „Das ist wie beim Kochen.“

Die Krämers setzen bei ihrem traditionellen Gin mit zarter Zitrusnote auf eine kleine Auswahl an Kräuter- und Fruchtschalendestillaten. Die Destillate stellt der Familienbetrieb ebenfalls selbst her, getrennt voneinander und nach der überlieferten Rezeptur. Trotzdem fällt jede Charge ein kleines Bisschen anders aus, so Felix Krämer, allein wegen der Naturprodukte, die niemals ganz gleich sind. „Wir arbeiten ja auch mit Kanne und Pipette, nicht mit dem Computer.“

Den Dry Gin von Krämer gibt es in zwei Größen, beide Flaschen sind schlicht und edel.
Den Dry Gin von Krämer gibt es in zwei Größen, beide Flaschen sind schlicht und edel. © Susanne Riese © Susanne Riese

Und damit beschreibt Felix Krämer auch einen Grund, der Gin so trendy macht. „Es ist die Lust der Leute auf aufwendiges, schönes Handwerk.“ Ein zweiter Aspekt ist die Vielseitigkeit dieser Spirituose: „Gin ist wie ein Lego-Baukasten.“ Viele einzelne Teile lassen sich immer wieder zu etwas Neuem kombinieren. „Darüber kann man sich austauschen.“

Modeerscheinung und Spezial-Gin fürs Balke

Der Rest sei eine Modeerscheinung, die sich über soziale Netzwerke ausgebreitet hat, seit der coole „Monkey 47“ aus dem Schwarzwald das Getränk wieder voll salonfähig gemacht hat.

Krämer am Schwanenwall führt nur den einen Gin. Daneben stellt das Traditionshaus noch einen gemeinsam entwickelten Spezial-Gin für die Balke-Bar her; einen Gin mit ganz ähnlichen Lego-Bausteinen, aber zusätzlich mit Ingwer.

Die Krämer Gin-Flasche ist schlicht und edel, mit minimalistischem dunkelblauen Etikett und silberfarbenem Verschluss. Die Flachmann-Version könnte auch ein edles Aftershave sein. Wie passend für das Parfüm unter den Spirituosen.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Seit 2001 in der Redaktion Dortmund, mit Interesse für Menschen und ihre Geschichten und einem Faible für Kultur und Wissenschaft. Hat einen Magister in Kunstgeschichte und Germanistik und lebt in Dortmund.
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Susanne Riese

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