Gibt es schon bald einen Corona-Babyboom in Dortmund?

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Es gibt Anzeichen dafür, dass 2021 ein Jahr des Babybooms werden könnte. Grund dafür soll ausgerechnet die Corona-Pandemie sein. Doch es gibt auch Argumente, die die Euphorie bremsen.

Dortmund

, 11.08.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der letzte richtige Babyboom ist schon ein paar Jahrzehnte her. Und ob das, was derzeit so viele vermuten, genauso groß wird, ist ziemlich fraglich. Es geht um den Corona-Lockdown, um Schwangerschaften und um Babys, von denen 2021 vielleicht besonders viele zur Welt kommen. Aber ein Schritt nach dem anderen.

Schritt 1 - die Hypothese: Weil die Menschen vor allem während des Corona-Lockdowns mehr Zeit füreinander hatten und diese als Paare nicht selten gemeinsam im Home Office verbrachten, wird es zu Beginn des Jahres 2021 mehr neue Babys geben als zu normalen Zeiten. Zu diesem Schluss jedenfalls kommt eine Recherche des WDR. Demnach verzeichneten Frauenarztpraxen in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Wochen bis zu einem Drittel mehr festgestellte Schwangerschaften als üblich.

Schritt 2 - die Historie: Der letzte echte Babyboom in Deutschland spielte sich zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Mitte der 60er-Jahre ab. Mit dem Anfang der Pille kam das Ende der geburtenreichen Jahrgänge. In Dortmund war die Zahl der Geburten zuletzt konstant. Seit 2016 kamen jährlich rund 5900 Neugeborene hinzu.

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Schritt 3 - die Analyse: Kirsten Gryt ist Mitglied der Hebammen-Praxisgemeinschaft Herzenswerk. Aus ihrer Sicht bestehe ein Zusammenhang zwischen dem Corona-Lockdown und mehr Schwangerschaften. „Seit einigen Wochen müssen wir 20 bis 30 Familien am Tag absagen“, sagt sie. Die Kapazitäten seien auch in normalen Monaten beschränkt - sonst seien es aber rund 15 Absagen pro Tag.

„Bis Februar 2021 sind wir ausgebucht,“ sagt Gryt. „Der Januar war sehr schnell voll. Jetzt kommen die Anfragen für März- und April-Kinder.“ Die Hebamme vermutet, dass der strikte Lockdown im Frühjhar für das Mehr an Schwangerschaften verantwortlich sei. „Die Paare hatten im Home Office mehr Ruhe und mehr Zeit, es gab weniger Pendelei - und sie konnten ihre Pausen auch öfter miteinander verbringen.“

Ein besonderer Nebenaspekt: „Es sind vor allem deutlich mehr Erstgebärende, die sich bei uns melden“, sagt Gryt. Während Paare mit Kindern sich zuhause meist um die Kleinen kümmern mussten, war das bei bislang kinderlosen Paaren nicht der Fall. „Sie hatten dann Kapazitäten frei für anderes“, sagt sie.

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Während dem Apothekerverband Westfalen-Lippe derzeit keine konkreten Absatzzahlen für Schwangerschaftstests vorliegen, erklärt Rossmann auf Anfrage: „Im Vergleich zum Vorjahr kam es deutschlandweit im Juni zu einer erhöhten Nachfrage von Schwangerschaftstests. Allerdings ist der absolute Anstieg nicht so hoch, dass man demnächst mit deutlich mehr Geburten rechnen müsste.“

Bei dm sieht es da etwas anders aus. So gebe es im Vergleich zum Vorjahr keinen Anstieg an Downloads der Glückskind-App, einem Familienprogramm, das häufig von Schwangeren genutzt wird. Eigenen Angaben zufolge sei jedes zweite Kind, das in Deutschland geboren wird, in der App registriert.

Hebamme Kirsten Gryt (r.) mit ihren Kolleginnen der Hebammen-Praxis „Herzenswerk“ in Dortmund.

Hebamme Kirsten Gryt (r.) mit ihren Kolleginnen der Hebammen-Praxis „Herzenswerk“ in Dortmund. © Robin Albers (Archiv)

„Auch bei Schwangerschaftstest haben wir eine vergleichbar hohe Nachfrage“, teilt Sebastian Bayer, verantwortlicher dm-Geschäftsführer für Marketing und Beschaffung, auf Anfrage mit.

Dr. Ute Krahé ist Frauenärztin mit Praxis in der Kaiserstraße. Gleichzeitig ist sie stellvertretende Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte. Bei allen Aussagen aus verschiedenen Praxen über eine erhöhte Anzahl von Schwangerschaften bleibt sie zurückhaltend. „Es liegen keine verlässlichen Zahlen vor“, sagt sie. „Es handelt sich dabei allenfalls um Stimmungsbilder. Außerdem: Womit vergleiche ich? Mit dem vorangegangenen Quartal oder mit der Woche des Vorjahres?“ Auch das sei nicht ohne Weiteres möglich, weil sich zuletzt die Abrechnungsrichtlinie für frauenärztliche Leistungen geändert habe.

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Und selbst wenn es in einem bestimmten Zeitraum mehr Schwangerschaften geben sollte als üblich, könne das mehrere Erklärungen haben. Zum Beispiel die Bereitschaft einer Frau bei ausbleibender Periode direkt gynäkologischen Rat einzuholen - oder einfach länger damit zu warten.

Konkrete Daten darüber, wie viele Schwangerschaften in den vergangenen Wochen festgestellt worden sind, gäbe es schlicht noch nicht. „Wirklich harte Zahlen hat niemand“, erklärt Krahé.

Einen möglichen Babyboom wegen Corona könne man daher auch erst im nächsten oder übernächsten Jahr anhand der tatsächlichen Geburtenzahlen ablesen. An den Verkaufszahlen von Schwangerschaftstest jedenfalls sei das nicht möglich. „Die können ja auch negativ ausfallen“, sagt Krahé.

Ein wichtiger Stimmungsindikator sei übrigens Corona zum Opfer gefallen. Klassische Konferenzen, bei denen Gynäkologen sich direkt - zum Beispiel über eine ungewöhnlich hohe Zahl an Schwangeren - austauschen können, haben nicht stattgefunden.

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Im Kinderwunschzentrum erhalten Paare mit bislang unerfülltem Kinderwunsch medizinische Hilfe. Laut dem Ärztlichen Leiter Prof. Dr. Stefan Dieterle sei der Anteil der Paare, bei denen es stressbedingt nicht mit dem Kinderkriegen klappt, relativ gering. „Der Wert liegt bei unter 20 Prozent“, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Bei über 80 Prozent seien unter anderem physische oder hormonelle Gründe verantwortlich.

Ob es wegen Corona bei den Paaren, die im Kinderwunschzentrum in Behandlung sind, plötzlich von alleine geklappt hat? „Aus unserer Erfahrung ist das nicht der Fall“, sagt Dieterle. Dass es ansonsten eine Tendenz zu mehr Schwangerschaften gebe, glaube er „sofort“.

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