Durch die Coronakrise sind vermehrt Fälle von häuslicher Gewalt vorgekommen - zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25.11.) soll auch auf die Hilfsangebote aufmerksam gemacht werden. © dpa
Tag gegen Gewalt an Frauen

Gewalt in Dortmund: In 80 von 100 Fällen sind Frauen die Opfer

Jeden dritten Tag stirbt eine Frau in Deutschland. Sie kommt durch ihren Partner zu Tode. Auch in Dortmund gibt es Frauen, die Gewalt erfahren. Zwei Expertinnen berichten von ihrer Arbeit.

Hannah ist 35 Jahre alt und hat in den letzten Jahren in ihrer Beziehung häusliche Gewalt erfahren. Zu Anfang sei alles ganz normal gewesen, es sei eine liebevolle Beziehung zu ihrem Partner gewesen. Mit der Schwangerschaft kam jedoch auch die Eifersucht des Partners – das Kind sei nicht von ihm, behauptet er, und schlägt seiner Frau schlussendlich in den Bauch.

Dies ist nur eins von vielen Beispielen häuslicher Gewalt aus Dortmund, die täglich hinter geschlossenen Türen vorkommt. Um die Identität der betroffenen Frau zu schützen, wurde der Name und das Alter geändert. Von solchen und ähnliche Erlebnissen berichten die betroffenen Frauen Martina Breuer in der Frauenberatungsstelle Dortmund.

„Wer schlägt, der geht!“

Martina Breuer ist sich sicher, die Aufmerksamkeit, die das Thema Gewalt an Frauen erreicht hat, ist ein Fortschritt.

Trotzdem sind die Zahlen noch lange nicht gut – im Gegenteil. Über 900 Delikte von häuslicher Gewalt hat die Polizei Dortmund in den vergangenen zehn Monaten erfasst. Davon sind rund 650 Körperverletzungsdelikte – und klar ist: In 80 von 100 Fällen sind die Opfer weiblich.

Martina Breuer und Rita Willeke, vom Frauenhaus Dortmund appellieren an die betroffenen Frauen: „Ihr müsst das nicht erdulden.“

Wenn es zu einem Polizeieinsatz kommt, hat die Polizei die Möglichkeit einen Wohnungsverweis auszusprechen. In so einem Fall darf der Mann für zehn Tage nicht in die Wohnung, der Schlüssel muss abgegeben werden. Daher komme der Spruch „Wer schlägt, der geht“, so Breuer. In den vergangenen Monaten hat die Polizei in Dortmund 412 Wohnungsverweise und Rückkehrverbote ausgesprochen.

Corona holt alte Traumata hervor

Solche Wohnungsverweise seien für den Sofortschutz der Frauen sehr wichtig, betont Martina Breuer. Allerdings haben sich in den vergangenen Wochen auch Frauen an sie gewandt, die vor mehreren Jahren Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt wurden. „Diese Frauen, die eigentlich stabil waren, sind durch die Unsicherheit von Corona auch unsicher geworden und wenden sich nun Jahre später an uns.“

Das sind nicht die einzigen Vorfälle – durch den Lockdown erwarteten die Beraterinnen einen enormen Zuwachs an Gewalt und Zugängen im Frauenhaus, allerdings sei es „erschreckend ruhig“ geblieben.

Die Ursache: Durch die ständige Anwesenheit des Mannes zu Hause, hatten die Frauen im Lockdown keine Möglichkeit zu fliehen oder die Beratungsstelle anzurufen. Es sei vorgekommen, dass sich Frauen meldeten mit „Jetzt ist er weg, deshalb rufe ich an“, schildert Martina Breuer.

Im Jahr 2019 hat die Frauenberatungsstelle 320 Beratungen zu häuslicher Gewalt durchgeführt, weitere 82 zu sexueller Gewalt. Während des ersten Lockdowns sind die Zahlen stark gesunken, dafür seien im Mai verstärkt Frauen gekommen. „Sie haben während des ersten Lockdowns teilweise schwere Gewalt erlebt.“ Die Beratungsstelle hat jeden Tag geöffnet, auch während der Coronakrise.

„Die Arbeit sollte unnötig sein“

Rita Willeke erzählt, ihr Wunsch war es zu Beginn ihrer Arbeit im Frauenhaus, dass ihre Arbeit eines Tages unnötig sein würde. „Heute weiß ich, dass sie niemals unnötig sein wird, aber es ist schon viel passiert.“

Für 16 Frauen und 16 Kinder ist im Frauenhaus Platz. Es sei ständig am Rande der Auslastungsgrenze, ein Zimmer für eine Frau haben sie aber fast immer frei, betont Willeke.

Zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25.11.) wollen die Beraterinnen besonders viel Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Denn mit jedem Flyer steige die Wahrscheinlichkeit, dass sich Frauen überwinden Unterstützung anzunehmen – und das sei das Ziel.

Über die Autorin
Freie Mitarbeiterin
1999 in Dortmund geboren und aufgewachsen. Seit 2017 Medienwissenschafts- und Sowi-Studentin an der RUB. Nach zwei Jahren im Fernsehjournalismus, 2020 auch bei den Ruhr Nachrichten. Im Regionaljournalismus möchte ich über Geschehnisse und Menschen aus unmittelbarer Nähe berichten, so wie über das was sie und uns bewegt.
Zur Autorenseite
Sophie Conrad

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.