Die Anwohner begrüßen Tempo 30 nachts auf dem Wall und hoffen jetzt auf ungestörte Nachtruhe. © Kevin Kindel
Ruhestörung

Gesperrter Wall, viel Polizei und eine volle Tankstelle: Freitagabend in der City

Der Wall ist in Corona-Zeiten zum noch beliebteren Treffpunkt für Auto-Fans geworden. Die Polizei hält dagegen - und Anwohner leiden. Ein Bericht über einen Freitagabend in der City.

Der Dortmunder Wall ist zu einer Art Pandemie-Ersatz-Disco geworden. Es läuft Musik, es kann sogar jeder selbst entscheiden, was er oder sie im Auto hören will, man trifft gleichaltrige Leute und man kann mit den Insassen anderer Fahrzeuge flirten. Was für Schuhe man trägt, ist dabei relativ egal – die sind nur zu sehen, wenn man aus dem Wagen aussteigt. Aber es gibt trotzdem Türsteher, im übertragenen Sinn.

Am Freitag (8.1.) verbreitet sich die Nachricht im Kreise der Wall-Fans schnell, dass die Ordnungshüter an diesem Abend besonders streng sind. Bereits vor 22 Uhr wird eine große Kreuzung des Walls gesperrt. Die Polizei leitet den Verkehr auf die Ruhrallee, um den Fluss zu unterbrechen.

Immer wieder ist in den Stunden um Mitternacht rund um die City Blaulicht zu sehen. Einzelne Autos werden zur Überprüfung aus dem Verkehr gezogen, ein junger Mann fällt auf, bei dessen Kontrolle es Handgreiflichkeiten gibt. Der Autofahrer fühlt sich ungerecht behandelt und wirft aus Frust seinen Schlüssel ins Gebüsch der Ruhrallee. Eine Anzeige wegen Widerstands wird gefertigt, mit Unterstützung seiner herbeitelefonierten Eltern muss er den Schlüssel suchen.

Polizisten fotografieren die Nummernschilder

Kurz nach 1 Uhr richtet die Polizei zwischen Hauptbahnhof und U-Turm eine weitere Vollsperrung ein, um Ansprachen an jeden einzelnen Fahrer zu richten.

„Wo soll‘s denn hingehen?“, lautet die erste Frage der Polizisten. Wer ein begründetes Ziel angibt – vorzugsweise die heimische Garage – darf weiterfahren. Doch zuerst werden die Nummernschilder fotografiert, um später überprüfen zu können, ob das Auto tatsächlich nur einmal auffiel.

Einige Leute verlieren durch diese Maßnahmen den Spaß am Im-Kreis-Fahren. Trotzdem erstaunt es mal wieder, wie viele Autos auf dem Wall noch deutlich nach Mitternacht zu sehen sind, obwohl keine Kneipe und keine Disco geöffnet ist. Viele wenden in Sichtweite der Absperrung, um in der anderen Richtung eine halbe Runde zu drehen.

Fotostrecke

Freitagabend auf dem Wall

Überall um die City herum stehen Autos geparkt, an denen sich Menschen unterhalten. Auf den Seitenstreifen des Walls, in Nebenstraßen, auf einem Parkplatz in der Nordstadt – vom Kleinwagen bis zum großen SUV.

Männer kommen mit zwei Autos und lassen eins in der „Boxengasse“

Zu beobachten sind zum Beispiel auch zwei junge Männer, die sich mit separaten Autos an der sogenannten „Boxengasse“, einem Parkplatz am Ostwall, treffen. Der eine parkt seinen Wagen und steigt zum anderen hinzu. Dann tritt der Fahrer aufs Gas, nur um etwa 200 Meter weiter vor dem Blitzer – die sind allen schon lange bekannt – voll in die Eisen zu gehen.

Die Kennzeichen solcher Wagen stammen unter anderem aus Essen, aus Soest oder anderen Städten und Kreisen der Umgebung. Ein Wagen hat auf dem Dach noch Schnee aus dem Hochsauerlandkreis mitgebracht.

Tankstelle an der Schützenstraße in Dortmund
Insgesamt zehn Autos standen zu diesem Zeitpunkt auf dem Gelände der Tankstelle, ohne zu tanken – obwohl der Mitarbeiter erst wenige Minuten zuvor noch deutlich mehr Wagen weggeschickt hatte. © Kevin Kindel © Kevin Kindel

Neben der Polizei hat eine Person immer besonders viel Arbeit mit den Tunern, Posern und anderen Gelangweilten, die ihre Abende im Auto verbringen. Der Mitarbeiter der Tankstelle an der Schützenstraße muss ständig seinen Nachtschalter verlassen, um parkende Leute vom Gelände zu schicken.

Die Fläche der Tankstelle ist zeitweise komplett voll mit Autos – nur an den Zapfsäulen steht niemand. Es komme schon mal vor, dass er pro Abend zwei- oder dreimal die Polizei rufe, sagt der Mann. Warum die Tankstelle so beliebt ist? Sie hat eine Toilette in Wall-Nähe.

Am ersten Januar-Wochenende seien Apfelsinen geflogen

Den Tunnel der Schützenstraße zum U-Turm nutzen einige Fahrer, um den Motor aufheulen zu lassen – hier schallt der „Sound“ besonders. Diesen „Sound“ verbreiten nur wenige der anwesenden Autos. Doch er hat, verbunden mit quietschenden Reifen und Hupkonzerten, am ersten Januar-Wochenende dazu geführt, dass Anwohner an anderen Stellen Apfelsinen auf die Auto-Fans geworfen haben, wie ein Anwesender erzählt: Weil sie endlich ihre Ruhe haben wollten.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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Kevin Kindel

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