Gesperrte Kanalbrücke: Kinder können ihre Freunde nicht mehr treffen

dzDortmund-Ems-Kanal

Seit Donnerstag (17.9.) ist die Schwieringhauser Brücke für den Verkehr gesperrt. Für Autofahrer bedeutet das Umwege. Für die Menschen im Dorf ist es ein Eingriff in ihr Leben.

Schwieringhausen, Holthausen, Mengede

, 19.09.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mara und Elias besuchen das Heinrich-Heine-Gymnasium. Normalerweise nehmen sie den Bus zur ersten Stunde um 7.30 Uhr. Die Linie 473 fährt um 6.52 von der Haltestelle Marksweg in Schwieringhausen. Einmal Umsteigen am Mengeder Markt – gegen 7.20 Uhr sind sie am Netter Schulzentrum. Eine recht schnelle Verbindung, denn Schwieringhausen liegt weit außerhalb.

Im Sommer sind Mara und Elias meistens mit dem Fahrrad gefahren. Auch wegen Corona: Denn der Unterricht beginnt zeitversetzt um 7.30, 7.45 und 8 Uhr. Mara geht in die 6. Klasse, Elias ist im 9. Schuljahr. Ihr Unterricht beginnt zu unterschiedlichen Zeiten. Seit Mai fahren sie getrennt zur Schule.

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Morgens um 7 Uhr ist es im September noch dunkel. Nina Lamhaouch lässt ihre Elfjährige Tochter ungern in der Dunkelheit radeln. Meistens bringen sie oder ihr Mann die Kinder darum mit dem Auto: „Vier Kilometer Fahrtstrecke, gute acht Minuten“, sagt die 43-Jährige. Seit Freitag (18.9.) schlagen die Uhren anders in Schwieringhausen, klingelt bei Familie Lamhaouch der Wecker früher.

Schulweg ist nun mehr als doppelt so lang

Grund ist die Vollsperrung der Schwieringhauser Brücke. Die Fahrtstrecke ist nun 9,2 Kilometer lang. „Gut 16 Minuten hat mein Mann heute morgen gestoppt“, sagt Nina Lamhaouch. Der Schulweg führt im weiten Bogen über Holthausen, vorbei an Deusen, durch Ellinghausen nach Nette.

Einige Fahrer mögen es nicht glauben: Aber die Sperrbaken verhindern tatsächlich ein Überqueren der Schwieringhauser Brücke.

Einige Fahrer mögen es nicht glauben: Aber die Sperrbaken verhindern tatsächlich ein Überqueren der Schwieringhauser Brücke. © Uwe von Schirp

Nur Fußgänger und Radfahrer kommen noch über die denkmalgeschützte Fachwerkbrücke. Marode ist sie schon lange. Seit gut drei Jahren rollen die Autos einspurig über den Dortmund-Ems-Kanal. Ampeln regeln den Verkehr. „Wir haben das akzeptiert“, sagt Nina Lamhaouch.

Grund für die Baustelle waren lose Stahlplatten unter den Bürgersteigen. Sie drohten in den Kanal zu stürzen. Ein Neubau indes ist seit „mindestens 15 Jahren in Planung“, erklärt ihr Vater, Klaus Meininghaus. „Damals wurden die Anwohner gefragt, welche Farbe die Brücke denn haben soll. Aber nichts ist passiert.“

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Im Frühjahr 2019 sorgte das Bauwerk aus dem Jahr 1951 einmal mehr für Schlagzeilen. Die Denkmalbehörden stellten die Brücke unter Denkmalschutz. Sie sei bedeutend für die Geschichte des Dortmund-Ems-Kanals. Diese Entscheidung trieb Hafen-Chef Uwe Büscher auf die Barrikaden.

Der Hafen Dortmund braucht einen Neubau der Brücke

Schon seit 2006 gibt es einen rechtsgültigen Planfeststellungsbeschluss für einen Neubau. Der ist für den Hafen von wirtschaftlicher Bedeutung. Die jetzige Durchfahrthöhe ist viel zu gering für moderne Containerschiffe. Am Neubau der Schwieringhauser Brücke hängen auch 160 Hafenbetriebe mit 5000 Beschäftigten.

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Ende Mai 2019 dann ein Krisengipfel unter anderem mit WSA-Leiter Volker Schlüter, der Bundestagsabgeordneten Sabine Poschmann und Planungsdezernent Ludger Wilde. Lösungen sollten her.

Der Weg zu ihren Freunden ist für Mara und Elias auf unbestimmte Zeit versperrt.

Der Weg zu ihren Freunden ist für Mara und Elias auf unbestimmte Zeit versperrt. © Uwe von Schirp

Ebenso marode ist die Altmengeder Straße. Tiefe Schlaglöcher gefährden die Sicherheit vor allem von Fahrradfahrern. Seit Jahren fordert die Bezirksvertretung Mengede eine Sanierung. Die Stadtverwaltung machte diese vom Neubau der Brücke durch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) abhängig.

Dessen Brücken-Verantwortlicher Oliver Jaswetz erklärte 2018 gegenüber dieser Redaktion: „Die Stadt ist bis jetzt noch nicht auf uns zugekommen. Wir sind auch noch nicht auf die Stadt zugegangen.“ Ein Lichtblick Ende 2019: In seinem Jahresplan kündigt das Tiefbauamt die provisorische Erneuerung der Fahrbahn auf den Rampen an.

Plötzlich fuhren wieder Lkw

Passiert ist bislang nichts. „Es fühlt sich an, als ob Schwieringhausen nicht so wichtig sei“, sagt Nina Lamhaouch. Eine Zeit lang waren die Altmengeder Straße und Schwieringhauser Straße für Lastwagen gesperrt.

Wann genau die Stadt die Straße für Lkw wieder freigegeben hat, wissen Vater und Tochter nicht. „Wir haben uns nur gewundert, dass plötzlich wieder riesige LKkwhier her fuhren“, erzählt Lamhaouch. Muldenkipper etwa.

Nina Lamhaouch hat das Gefühl, dass Schwieringhausen für die Verantwortlichen bei Stadt und Schifffahrtsamt nicht so wichtig ist.

Nina Lamhaouch hat das Gefühl, dass Schwieringhausen für die Verantwortlichen bei Stadt und Schifffahrtsamt nicht so wichtig ist. © Uwe von Schirp

„Jedes dritte, vierte Auto ist ein Lkw“, sagt Klaus Meininghaus. „Davor hat man die Brücke nicht geschützt.“ Am Mittwoch hat das WSA nun Risse im Schutzlack der Schwieringhauser Brücke festgestellt. Weil die auf Risse im Stahl hindeuten, hat es eine sofortige Sperrung veranlasst.

Die betrifft auch die Busse der Linie 473. Sie fährt ebenfalls den Umweg über Holthausen und Ellinghausen. Die längeren Fahrzeiten durch die Umleitung haben ihren Preis. Im wörtlichen Sinn: Die Busse fahren nicht von/bis nach Eving. Zwischen Lindenhorst Friedhof und Bayerische Straße setzt DSW21 Taxen ein.

Familie kauft nun in Brechten oder Brambauer ein

Nina Lamhaouchs Familie ist froh, dass genügend Autos vor der Tür stehen. Denn auch der Weg zum Einkaufen ist abgeschnitten. „Wir müssen jetzt nach Brechten oder Brambauer fahren“, betont sie. Der Weg ist weiter.

Tim Meininghaus freut sich, dass er auf der autofreien Brücke die Enten auf dem Kanal beobachten kann.

Tim Meininghaus freut sich, dass er auf der autofreien Brücke die Enten auf dem Kanal beobachten kann. © Uwe von Schirp

Elias ist zwar froh, dass er in Brechten Fußball spielt. Seine Freunde und die von Mara aber wohnen in Mengede: Selbstständige Besuche sind kaum möglich. Allein ihr Cousin Tim steht auf der autofreien Brücke und schaut den Enten auf dem Kanal zu. Ihm gefällt die Ruhe.

Ein Hauch von Idylle – auf dem Dorf mit seinen wenigen Häusern, den alten Gehöften, Streuobstwiesen und Heckrindern. Die kleine Siedlung ist nun von ihrem Stadtbezirk abgeschnitten. Die Sperrung der Schwieringhauser Brücke gilt zunächst bis zum 31. Dezember.

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Ein Radfahrer überquert hier seit Jahren den Dortmund-Ems-Kanal. Er beobachtet den Stillstand schon länger kritisch. Am Freitag sagt er: „Da wird nie wieder ein Auto drüber fahren.“

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Die Kanalbrücke Schwieringhausen steht unter Denkmalschutz. Zuständig ist die Obere Denkmalschutzbehörde in Arnsberg. Für Schiffe gibt es trotzdem bald freie Fahrt in den Dortmunder Hafen. Von Uwe von Schirp

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