Geschäftsleute sauer: „Die Wißstraße verkommt zur Bettelmeile!“

dzDrogen

Ladeninhaber kritisieren eine starke Zunahme an aggressivem Schnorren, Drogendelikten und Müll vor ihren Geschäften in der City. Die Polizei kann einen Anstieg der Delikte aber nicht erkennen.

Dortmund

, 25.08.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein ungepflegt wirkender Mann steht in der Wißstraße, hält einen Plastikbecher in der Hand und bettelt Passanten um Geld an. Seit einigen Monaten eine alltägliche, ja sogar vergleichsweise harmlose Szene, behaupten die angrenzenden Geschäftsleute. Denn nicht selten würden Fußgänger noch deutlich aggressiver angegangen - von Drogengeschäften und jeder Menge Müll ganz zu schweigen.

„Es ist mittlerweile eine Katastrophe“

„Es ist mittlerweile eine Katastrophe“, sagt Nicole Handtke, Inhaberin des Kosmetikinstituts NCD Esthetic an der Wißstraße. „Der Stadtgarten wird immer mehr zum Drogenumschlagplatz, was für uns Einzelhändler extrem geschäftsschädigend ist.“ In der Wißstraße würden sich die Junkies das nötige Geld erbetteln, für das sie anschließend im Stadtgarten oder sogar direkt vor den Läden Drogen kauften.

Dieses Foto machte eine Geschäftsfrau, als sie morgens zu ihrem Laden an der Wißstraße kam. Drei junge Männer schliefen im Eingang zu dem Ladenlokal.

Dieses Foto machte eine Geschäftsfrau, als sie morgens zu ihrem Laden an der Wißstraße kam. Drei junge Männer schliefen im Eingang zu dem Ladenlokal. © Privat

„In der letzten Zeit sind manche Kunden nicht zum Beratungsgespräch gekommen, was früher eigentlich nie vorkam. Die Menschen sind überfordert, wenn sie aggressiv auf der Straße angesprochen werden oder sogar über einen Obdachlosen steigen müssen, wenn sie zu uns kommen wollen“, sagt Handtke.

Kot, Urin und Utensilien für
den Drogenkonsum

Regelmäßig schliefen Obdachlose auf Pappkartons direkt vor dem Hauseingang, der zu ihrem Geschäft führt, schildert sie ihre Eindrücke der vergangenen Monate. „Oder es sitzt jemand vor der Tür und raucht Heroin. Und selbst auf Kot, Urin und Utensilien für den Drogenkonsum trifft man häufig. Da muss ich mir als Geschäftsfrau irgendwann überlegen, ob ich nicht besser den Standort wechsle.“

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Bei den Schilderungen Nicole Handtkes handele es sich keineswegs um Einzelfälle, sagt eine Ladeninhaberin, die aus Angst, ihr Schaufenster könnte beschädigt werden, nicht namentlich genannt werden möchte: „Es sind alle Läden hier betroffen. Die Wißstraße verkommt regelrecht zur Bettelmeile.“

Trotz Corona: Kein Mundschutz und kaum Abstand

Denn auf der gesamten Straße zwischen Hansaplatz und Stadtgarten würden die Passanten angeschnorrt: „Und dabei tragen die Drogenabhängigen keinen Mundschutz und achten auch nicht auf Abstand.“ Die Folge: Die Kunden blieben nicht nur wegen der aggressiven Ansprache weg, sondern auch aus Angst vor Corona.

„Am nächsten Tag sind die Personen wieder hier“

Zwar seien schon Mitarbeiter des Ordnungsamtes oder Polizisten vor Ort gewesen und hätten Platzverweise ausgesprochen, doch auf Dauer bringe das nichts, weiß die Einzelhändlerin: „Die betroffenen Personen verschwinden dann für kurze Zeit und sind am nächsten Tag wieder hier.“

Und auch die Politik scheine sich nicht sonderlich für die Sorgen der Händler zu interessieren, fährt sie fort: „Hier gehen häufig bekannte Politiker her; die müssten die Problematik also kennen. Doch passiert ist bislang nichts.“

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Regina Kleemann, Mitarbeiterin der wenige Meter weiter gelegenen Boutique Schwarz, kann die Aussagen ihrer Leidensgenossinnen nur bestätigen: „Auch bei uns haben schon oft Leute im Eingang geschlafen und ihren ganzen Müll liegengelassen. Noch heute Morgen musste ich alles komplett wischen.“

Die Ruhe während des Lockdowns genutzt

Aber warum ist die Zahl der Drogenabhängigen und der Bettler an der Wißstraße gerade seit April so stark angestiegen, wie die Händler sagen? „Vielleicht haben sie ja die Ruhe während des Lockdowns genutzt, um sich hier niederzulassen“, vermutet Kleemann. Ihre beiden Nachbarinnen haben sogar gehört, dass die nun hier ansässigen Dealer zuvor von Konkurrenten aus der Nordstadt vertrieben worden seien.

Diese Vermutung kann Polizeisprecher Peter Bandermann allerdings nicht bestätigen: „Dieses ist spekulativ und basiert auf keiner Grundlage.“ Vielmehr versuchten Drogenhändler dort tätig zu sein, wo sich die Kundschaft aufhalte: „Hier gilt das Prinzip ‚Angebot und Nachfrage‘.“

Von den Tiefgaragen gelangt man über die Wißstraße direkt zum Hansaplatz. Aufgrund der zahlreichen Passanten offenbar auch für Bettler eine interessante Passage.

Von den Tiefgaragen gelangt man über die Wißstraße direkt zum Hansaplatz. Aufgrund der zahlreichen Passanten offenbar auch für Bettler eine interessante Passage. © Michael Schuh

Der Stadtgarten mit seinen Verwinkelungen und dem starken Strauch-und Baumbewuchs sei laut Bandermann schon immer ein attraktiver Platz für mögliche Drogengeschäfte gewesen: „Ein faktischer Anstieg der Delikte ist aber nicht zu belegen.“

Bei gutem Wetter werden Parks stärker frequentiert

Die Vermutung liege nahe, dass die an der Wißstraße gemachten Beobachtungen das subjektive Sicherheitsgefühl der Betroffenen beeinflussten, so der Polizeisprecher: „Mit Zunahme der guten Witterungsverhältnisse spielt sich das Leben in entsprechenden Milieus vermehrt unter freiem Himmel ab, sodass Parks und deren Umfeld stärker frequentiert werden.“

Da sich im Bereich des Stadtgartens zudem die Eingänge zu Tiefgaragen befänden, versuchten Bettler, sich in der Nähe ihre Plätze zu organisieren, „da durch die permanenten Besucherströme ein attraktives Betätigungsfeld für Bettler gegeben ist.“

Stadtgarten immer wieder eine Quelle für Beschwerden

Aufgrund der räumlichen Situation sei der Stadtgarten immer wieder eine Quelle für Beschwerden, bestätigt Bandermann. Deshalb hätten der städtische Ordnungsdienst wie auch die Polizei ein Hauptaugenmerk auf diesen Bereich: „Aufgrund der verstärkten Präsenz halten sich die Einsätze im Stadtgarten und dessen Umfeld im Rahmen.“

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