Geister-Derby: Die Kleingärtner am BVB-Stadion können erst später jubeln

dzBVB-Schalke

Die Gartenanlage Bolmketal liegt direkt neben dem Signal Iduna Park. Hier verfolgen viele Menschen die BVB-Spiele regelmäßig am Fernseher oder am Radio. Doch diesmal ist einiges anders.

Dortmund

, 15.05.2020, 17:58 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit Skepsis blicken auch die Mitglieder des Gartenvereins Bolmketal dem Bundesliga-Spieltag entgegen: Wie sehr fehlt die Stimmung im Stadion bei der Fernsehübertragung? Und kann man sich überhaupt so richtig über ein BVB-Tor freuen?

Doch für die Gärtner im Schatten des Signal Iduna Parks hat das Geisterspiel gegen Schalke sogar noch weitreichendere Auswirkungen.

Fehlende Sekunden des Glücks

Denn einerseits dürften die Kleingärtner zum ersten Mal bei einem Derby keine Parkprobleme haben, da keine anreisenden Fans ihnen die Pkw-Plätze vor der Gartenanlage wegschnappen. Eine durchaus erfreuliche Neuerung.

Andererseits erfahren sie nun aber erst später, ob ein Borusse ins Schalker Tor getroffen hat, was wiederum weniger schön ist. Sekunden des Glücks, die einem echten BVB-Fan fehlen.

Das Luftbild zeigt’s: In unmittelbarer Nähe des Stadions befinden sich gleich mehrere Kleingarten-Anlagen.

Das Luftbild zeigt’s: In unmittelbarer Nähe des Stadions befinden sich gleich mehrere Kleingarten-Anlagen. © Hans Blossey (Archivbild)

Näher am Geschehen kann man in Zeiten leerer Ränge kaum sein: Das Gelände des Gartenvereins Bolmketal befindet sich nur einen Steinwurf vom Signal Iduna Park entfernt, von fast jeder Laube sieht man die gelben Pylonen des Stadions in den Himmel ragen. Außer eine wehende BVB-Fahne, die der Kollege im Nachbargarten gehisst hat, versperrt die Sicht. Denn Borussen-Fans gibt es hier jede Menge.

Gemeinsame Leidenschaft

Klaus Hilscher und Heinz-Dieter Siebert sitzen nach getaner Arbeit vor Hilschers Laube und genießen das Frühlingswetter. Beide sind erfahrene Gärtner, die schon lange im Bolmketal ihrem Hobby frönen. Doch das Duo vereint noch eine weitere Leidenschaft: die Borussia.

Beim 76-jährigen Siebert ist das aufgrund seines schwarz-gelben T-Shirts kaum zu übersehen, aber auch sein 80-jähriger Kumpel verweist auf eine lange BVB-Tradition: „Ich bin früher schon in die Rote Erde gegangen.“

Jetzt lesen

Die Zeiten des Stadionbesuchs sind mittlerweile vorüber, heute schauen sich die beiden Dortmunder die Spiele lieber ganz gemütlich bei einem Fläschchen Pils im Fernseher an. Bei gutem Wetter vor Sieberts Laube, bei schlechtem drinnen. Trotz der Idylle hat das Ganze einen Haken: So richtig spannend waren die letzten Sekunden vor einem Tor von Reus, Sancho und Co. bislang nämlich nicht.

„Denn es gibt eine zeitliche Verzögerung zwischen dem Spiel im Stadion und der TV-Übertragung“, erläutert Hilscher. „Wenn auf der Südtribüne schon zehn Sekunden gejubelt wird, fällt im Fernsehen erst das Tor.“ Und aufgrund der Nähe zum Stadion ist der Torschrei der schwarzgelben Wand definitiv nicht zu überhören. Die Bolmketaler sind allen anderen Fernsehzuschauern somit also im wahren Sinne des Wortes ein Stück voraus.

Auch vom Eingangsbereich des Gartenvereins Bolmketal haben Besucher das Stadion im Blick.

Auch vom Eingangsbereich des Gartenvereins Bolmketal haben Besucher das Stadion im Blick. © Michael Schuh

Damit nicht genug: Zuerst jubeln die Stadionbesucher, dann jene Kleingärtner, die die Partie über eine normale Antenne empfangen, und erst ganz zuletzt sind die Besitzer einer Satellitenschüssel an der Reihe: Bei dieser vermeintlich modernsten Technik ist die Verzögerung nämlich am größten.

Wenn Erling Haaland auf dem Bildschirm trifft, geht der Adrenalinspiegel bei Antennen-Besitzern schon wieder runter.

Doch nun ist erstmals alles anders, da die Freudenschreie aus dem Stadion definitiv wegfallen und die der Gärtner nicht mehr übertönen können. Somit wird sich auch ein letztes Geheimnis lüften: An welcher Stelle der Jubelkette stehen überhaupt die Radiohörer, von denen es im Bolmketal so manchen gibt? Das war akustisch aufgrund des Krachs nebenan bislang nämlich nicht auszumachen.

Notfalls Pokale verkaufen

Verzögerung hin oder her - dass der Ball nun wieder rollt, finden die beiden Gärtner auf jeden Fall richtig. Schon aus wirtschaftlichen Gründen, sagt Siebert: „Sonst würden manche Vereine wohl pleite gehen.“

Und schmunzelnd fügt Hilscher an: „In Zeiten der Not könnte der BVB theoretisch ja noch seine Pokale verkaufen. Das kann Schalke nicht.“

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt