Gedränge in Bus und Bahn im Corona-Herbst: Reicht Maske tragen aus?

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Das Wetter wird ungemütlicher, statt mit dem Fahrrad pendeln Menschen mit Bus und Bahn. Wenn es eng wird, mag sich da schon mancher fragen: Ist das eigentlich riskant? Eine Annäherung.

Dortmund

, 30.10.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Viele Dortmunderinnen und Dortmunder sind jeden Tag auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Weil sie mit Bus und Bahn zu Schule oder Arbeit pendeln, weil sie kein Auto haben und den Weg zum Arzt oder zum Einkaufen nur so erledigen können.

Die breite Verfügbarkeit von öffentlichem Nahverkehr ist auch eine soziale und ökologische Frage. Und doch: Wer im Corona-Herbst in ein Fahrzeug der DSW21 einsteigt, muss sich schon gelegentlich fragen: Ist das noch im Sinne des Infektionsschutzes?

Im Schulverkehr wird es eng

Der Schulverkehr ist eine absolute Spitzenzeit für den ÖPNV. Franka Wenz (16) ist Schülersprecherin der Geschwister-Scholl-Gesamtschule. Sie sagt, „Abstände kann man vergessen. Vielleicht kriegt man anderthalb Zentimeter hin, aber nicht anderthalb Meter“. Im Sommer seien viele Schülerinnen und Schüler mit dem Fahrrad gefahren – sie selbst auch. Das werde aber weniger. „Durchnässt und verfroren an der Schule anzukommen, wo dann quergelüftet wird, ist auch blöd.“

Sanaz Barjesteh pendelt mit der Stadtbahn zum Käthe-Kollwitz-Gymnasium. Die 16-Jährige sagt, sie habe in den vergangenen Wochen auch beobachtet, dass weniger ältere Menschen in der Bahn sind. „Die denken sich vielleicht auch, dass es gerade etwas riskanter ist.“

Abstandsgebot würde alle Kapazitäten weit sprengen

Grundsätzlich betont der Leiter des Dortmunder Gesundheitsamtes, Dr. Frank Renken, dass es kein nachweislich erhöhtes Übertragungsrisiko des Coronavirus in Bussen und Bahnen gebe. „Es gibt aktuell keine Anzeichen dafür, dass die Ansteckungsgefahr im Nahverkehr höher ist als etwa beim Einkaufen“, schreibt auch DSW21 in einer Antwort auf eine entsprechende Anfrage.

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Allerdings lässt sich mittlerweile bei einer Vielzahl von Neuinfektionen der Infektionsweg nicht mehr nachvollziehen. Hundertprozentig ausschließen, dass es in Dortmund in Bussen und Bahnen zu Ansteckungen gekommen ist, lässt sich also auch nicht.

In Bussen und Bahnen gilt Maskenpflicht, allerdings kein verpflichtendes Abstandsgebot. Das sieht die Coronaschutzverordnung so vor. Warum, macht DSW21 anhand eines Rechenbeispiels deutlich: „Die Einhaltung des Mindestabstands von 1,5 m in Bussen und Bahnen würde voraussetzen, dass die fünffache Menge an Fahrzeugen zur Verfügung steht. Bei DSW21 wären dies beispielsweise 850 statt der vorhandenen rund 170 Busse.“ Hinzu käme das notwendige Personal.

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Für den Schulverkehr hat DSW21 nach eigenen Angaben bereits im August aufgestockt. Es gebe statt 200 Fahrten wie vor Corona mittlerweile 440. Allerdings sei das Abfangen der Spitzenzeiten so auch nur begrenzt möglich, teilt DSW21 mit und betont: „Einzelne größere Schulen und Schulzentren haben die Anfangszeiten gestaffelt. Wir möchten alle Schulen eindringlich dazu ermuntern, diesem Beispiel zu folgen und für eine Entzerrung in der An- und Abfahrt zu sorgen.“

Zum Stoßlüften bitte zurücktreten

Auch die Kapazitäten von privaten Busunternehmen nutzt DSW21. So sagt Beispielsweise Jörg Quecke, vom Unternehmen Quecke Reisen aus Schwerte, er habe „zwei, drei Busse mehr seit den Sommerferien für DSW21 im Einsatz“. Einige seien noch zu bekommen, aber „im einstelligen Bereich“. DSW21 selbst gibt an „alle verfügbaren Kapazitäten der bewährten acht Fremdunternehmer“ zu nutzen.

Das Land NRW hat auch ein millionenschweres Förderprogramm aufgelegt, über das sich Kommunen die Kosten für zusätzliche Busse zur Schülerbeförderung erstatten lassen können. Laut Schuldezernentin Daniela Schneckenburger wird die Nutzung dieses Förderprogramms aktuell geprüft.

Für die Busse, die bereits im Einsatz sind, nutzt DSW21 ihr bestehendes Hygienekonzept. „Die Lüftungen und Klimaanlagen in Bussen und Bahnen ziehen frische Luft von außen hinein und sorgen so für gute Durchlüftung. Dadurch, dass alle Türen an jeder Haltestelle geöffnet werden, wird im Nahverkehr alle 90 Sekunden stoßgelüftet.“ Zudem werden alle Busse und Bahnen täglich gereinigt.

Mehr Eltern fahren ihre Kinder zur Schule

Das volle Busse trotz dieser Schutzmaßnahmen Unwohlsein hervorrufen können, macht auch die Sprecherin der Dortmunder Stadteltern, Anke Staar, deutlich: „Das lässt uns natürlich mit Unsicherheit zurück, dass Masken allein Schutz genug sein sollen. Schon vor den Herbstferien gab es auch wieder mehr Elterntaxis. Wer will das den Eltern auch verübeln.“ Letzteres sei aber auch eine soziale Frage: Nicht alle Eltern können ihre Kinder immer zur Schule fahren - zum Beispiel wenn sie zur entsprechenden Zeit bereits arbeiten.

Das System Schule müsse verfügbar bleiben, betont Anke Staar. Allerdings plädiert sie auch für eine Entzerrung der Spitzenzeiten. Und die Elternsprecherin betont auch das unterliegende Grundproblem: „Wir hatten auch schon vor Corona eine angespannte Situation in Schulbussen.“

Es scheint, als sei auch der öffentliche Nahverkehr eines dieser Systeme, die vom Coronavirus vor Herausforderungen gestellt werden, die aber nicht wegfallen dürfen. Das erfordert Abwägungen. Dafür, dass Busse und Bahnen aktuell aber kein herausgehobener Treiber des Infektionsgeschehens sind, spricht auch eine Zahl von DSW21: Bis Anfang Oktober habe es unter deren rund 2000 Mitarbeitenden keinen bestätigten Corona-Fall gegeben. Aktuell gebe es drei - keiner davon sei auf eine Ansteckung im Dienst zurückzuführen.

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