Gebt den E-Scootern eine Chance - sie sind nützlich!

dzKlare Kante

Sind die E-Scooter nur Sondermüll? Diese Position vertrat unser Autor in der vergangenen Woche. Der Autor dieser Woche hält dagegen: Alles nur Geschrei, gebt den Scootern eine Chance!

Dortmund

, 26.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Da sind sie wieder – der Aufschrei und die Unaufgeschlossenheit gegenüber neuen Dingen. Noch bevor der erste Leih-E-Scooter überhaupt Dortmunder Boden berührte, fing das Gezeter an. Typisch deutsche Meckerkultur eben.

Unfälle, Verletzte, Roller, die Radwege und Bürgersteige blockieren, Akkus, die nach einem Jahr dahin seien – all das wurde heraufbeschworen.

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Einer schreit, alle schreien mit, war das Prinzip (und ist es noch immer). Ohne jemals einen E-Roller gesehen zu haben. Und dann ist es doch soweit: Die ersten Leih-E-Scooter tauchen auf den Straßen auf, und prompt fühlen sich die Schreienden bestätigt. Die schlimmsten Befürchtungen scheinen einzutreten:

Da stand doch tatsächlich ein Roller auf dem Bürgersteig und man musste ausweichen. Jemand hat sich erschreckt, da ein Roller beinahe geräuschlos an ihm vorbeigeflitzt ist. Ein super Anlass, ins Geschrei mit einzusteigen. Viele schreien so laut, dass es kein Wunder ist, wenn sie den E-Scooter nicht kommen hören.

Für den Fall der Unfälle

Natürlich gibt es Unfälle. Unfälle gibt es mit jedem Fortbewegungsmittel. Es ist auch klar, dass gerade bei neuen Fortbewegungsmitteln verstärkt darauf geachtet wird, wann etwas passiert. Es scheint manchmal, als warteten die Kritiker geradezu auf den ersten schlimmen Crash, um sich bestätigt zu fühlen. Wenn man dem Geschrei Glauben schenkt, müsste es ja eigentlich jeden zweiten Tag Massenkarambolagen geben. Aber in Dortmund ist bisher nichts Dramatisches vorgefallen, Stand Freitag, 23. August, mittags.

Warum genau ein Mensch auf einem elektrischen Tretroller schlimmer oder gefährlicher sein soll als ein Rentner, der kein Auto mehr fährt, aber auf einem Pedelec bis zu 20 km/h schneller unterwegs ist als der E-Scooter-Pilot (oder als er es mit reiner Muskelkraft überhaupt schaffen würde), erschließt sich mir nicht. Die Zahl der Unfälle mit Beteiligung von Menschen auf Elektrofahrrädern beträgt in Dormund übrigens im Schnitt etwa zwei pro Monat, 14 sind es seit Jahresbeginn, Stand 10. August.

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Verbote, die mit Füßen getreten werden

Natürlich gibt es Regelverstöße. Es ist nicht erlaubt, durch die Fußgängerzone zu fahren. Es ist nicht erlaubt, betrunken zu fahren. Es ist nicht erlaubt, zu zweit auf einem Roller zu fahren. Es ist in der Regel nicht erlaubt, auf dem Bürgersteig zu fahren. Und natürlich gibt es genug Leute, die die Verbote mit Füßen treten, um sich für den Elektroantrieb Schwung zu holen.

Leute, vor allem (ganz) junge Leute, die sich ausprobieren wollen. Die jungen Leute motzten vor wenigen Jahren ihre gedrosselten Mofa-Roller auf. Angestachelt vom Geschrei, von schrägen Blicken – die jungen Leute wollten schon damals und wollen noch heute anders sein, gegen den Strich bürsten, Grenzen austesten. Also auch nichts Neues. Ein Generationending eben.

Sobald Leute zu Schaden kommen, hört der Spaß auf – aber: Menschen verursachen Unfälle. Was kann ein E-Scooter dafür, wenn der Mensch, der ihn führt, nicht dazu fähig ist? Oder nicht fähig ist, sich an Regeln zu halten?

Blockierte Wege: lautestes Geschrei, größter Nutzen

Die blockierten Wege sind momentan der Knackpunkt, nachdem in Dortmund die Zahl der E-Scooter massiv steigt. Dabei liegt in diesem Kritikpunkt mit der größte Nutzen. Denn das eigentlich neue und innovative ist nicht der Tretroller mit Elektroantrieb. Es ist die Möglichkeit, das Gefährt einfach von der Straße aufzulesen und spontan anzumieten. Dieses handliche Ding, das einen innerstädtisch ohne Anstrengung, ohne sich womöglich in eine enge Bahn zu quetschen, ohne Autoverkehrs-Stress von A nach B bringt.

Es gibt auch keine (ätzende) Parkplatzsuche. Solange man sich im entsprechenden Gebiet befindet, kann man den Roller einfach stehen lassen – und der Nächste kann ihn nehmen: Mobilität in der Innenstadt könnte kaum komfortabler oder individueller sein.

Dass es auch dabei zu Schwierigkeiten kommen kann, ist doch normal. Es sollen hier keine Nutzer in Schutz genommen werden, die die Roller einfach mitten im Weg rumliegen lassen. Doch gerade das Sharingprinzip ist doch genial.

Was der Bauer nicht kennt...

„Aber in den anderen Ländern sieht man doch, welches Problem die Scooter darstellen.“ Auch dieses Argument wird gerne gebracht - und es folgen die Anekdoten aus Paris, wo rabiate Fußgänger störende Roller in die Seine werfen, oder aus Brüssel, wo man an jeder Ecke über die E-Scooter stolpert.

Das alles passiert wirklich, schon klar. Und es ist gut, dass es passiert. Denn wenn der Mensch tatsächlich lernfähig ist, sollte man doch genau daraus die richtigen Schlüsse ziehen können. Wie kann man es in deutschen Städten von Anfang an besser machen? Eine Begrenzung der Fahrzeugmenge, wie es so manche große europäische Stadt jetzt im Nachhinein getan hat – darauf hätte man auch vorher kommen können...

Es gilt zu beobachten, wie sich das Ganze entwickelt. Vielleicht sind die E-Scooter bald wieder Geschichte. Vielleicht gehören sie aber auch bald ganz normal zum großstädtischen Verkehr dazu.

Und es gilt auch zu beobachten, welchem nächsten „großen Ding“ der nächste Aufschrei gilt. An dieser Stelle fällt mir ein altkluger Spruch ein: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“

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