Der neue Corona-Beschluss sieht vor, dass die Gastro in Risikogebieten von 23 bis 6 Uhr geschlossen bleibt. © Oliver Schaper
Corona-Krise

Gastro-Szene zu verlängertem Lockdown: „Sind froh, wenn wir überleben“

Restaurants, Bars und Cafés müssen wegen Corona weiter zu bleiben. Drei Dortmunder Gastronomen berichten, was die Lockdown-Verlängerung für sie bedeutet - und wie sie in die Zukunft blicken.

Der Sommer ist lange vorbei, aber im Gedächtnis noch präsent. „Die sechs Wochen, die wir da mit dem Balke offen hatten“, sagt Jan Möller, Geschäftsführer der Muto Heimatgastronomie, „die waren schön. Das hat uns totalen Aufwind gegeben.“ Und gezeigt: Die Menschen wollen noch rausgehen. „Sie haben uns nicht vergessen.“

Doch wann Dortmunder das nächste Mal Cocktails in der Bar an der Hohen Straße trinken können, ist unklar. „Wir rechnen nicht damit, dass wir im Februar oder März wieder die Türen öffnen dürfen“, sagt Jan Möller. Mit dieser Meinung ist er nicht allein.

Der Dortmunder Gastronom Detlef Lotte ist bundesweit tätig. In Dortmund betreibt er das Restaurant Dieckmann’s in Syburg und das Bistro-Restaurant Schönes Leben im Kreuzviertel. Er sagt: „So mancher wird dies nicht überleben.“ © Oliver Schaper © Oliver Schaper

Detlef Lotte betreibt in Dortmund das Hotel und Restaurant „Dieckmann’s“ in Syburg und das Bistro „Schönes Leben“ im Kreuzviertel. „Wir haben das alles so erwartet“, sagt der erfahrene Gastronom. Auch er rechnet nicht mit einem zeitigen Ende des Lockdowns.

Niemand entlassen, dafür Kurzarbeit

Von rund 20 festangestellten Dortmunder Mitarbeitern seien fast alle in Kurzarbeit, sagt Detlef Lotte. Dass niemand entlassen wurde, bezeichnet er als die soziale Stärke des Unternehmens: „Wir nehmen alle mit, denn wir sind stolz auf unsere Leute.“

Das „Dieckmann’s“ und das „Schönes Leben“ bieten im Moment kaltes und warmes Essen zum Mitnehmen an, allerdings nur freitags bis sonntags. Pommes, Ravioli, Kuchen: „Ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Detlef Lotte. „Mit dem Außer-Haus-Geschäft tun wir höchstens was fürs Viertel.“

Der To-go-Verkauf geht auch in der „Wohnzimmer Cafébar“ am Neuen Graben weiter. Inhaber Simo Slaoui sagt: „Es ist ein Witz, was wir dadurch einnehmen.“ Sich selbst könne er bei den Umsätzen am Ende des Monats nichts überweisen. „Ich bin froh, wenn ich die zwei Festangestellten und meine Aushilfen bezahlen kann.“

Studenten sind auf Jobs angewiesen

Er legt Wert darauf, auch in der Krise 450-Euro-Kräfte weiter zu beschäftigen. „Das sind alles Studenten, die sind darauf angewiesen, zahlen ihre Miete, Essen und Semestergebühren davon“, sagt der Inhaber. „Ich bin kein Unmensch, der die vor die Tür setzt.“

Wohnzimmer-Chef Simo Slaoui sagt: Der Betrieb kostet ihn gerade seine Ersparnisse. Das Bild zeigt ihn mit Eleonora Borghesi. © Oliver Schaper (Archivbild) © Oliver Schaper (Archivbild)

Das Wohnzimmer hat während des aktuellen Lockdowns dienstags bis sonntags täglich sechs Stunden geöffnet. Für die Mitarbeiter, für die Gäste. „Egal, ob ich draufzahle, hab ich im ersten Lockdown auch gemacht“, sagt Simo Slaoui. Durch die Einnahmen im Sommer habe er seine Rücklagen wieder etwas aufbauen können.

Kämpfen für die eigenen Mitarbeiterinnen

Von der Corona-Soforthilfe müsse er nun jedoch drei Viertel der Summe zurückzahlen. Jetzt gehe es wieder an die eigenen Ersparnisse. „Aber ich will nicht jammern. Es kommen wieder bessere Zeiten.“ Für seine zehn Mitarbeiterinnen werde er weiterkämpfen.

Sein Unternehmen, sagt Detlef Lotte, sei kaufmännisch geführt und könne solche Situationen überleben, weil Reserven gebildet worden seien und es vorsichtig mit Ressourcen umgehe. „Andere leben von der Hand in der Mund. Da kommt es jetzt auf die eigenen Rücklagen an“, sagt Detlef Lotte.

Auch Jan Möller sagt: „Als Einzelunternehmer wird’s gerade grundsätzlich knapp.“ Es gebe einige staatliche Hilfen, die jedoch nicht den Verlust kompensierten. Die außerordentlichen Corona-Hilfen für November und Dezember seien mit 75 Prozent vom Umsatz des Vorjahresmonats sehr großzügig bemessen worden.

„Doch wie geht es 2021 weiter?“, fragt der Balke-Chef. Mit der Überbrückungshilfe allein sei es schwierig zu überleben. Sein Unternehmen musste auf Kredite der KfW-Bank zurückgreifen. „Das werden wir die nächsten zehn Jahre merken, aber wir sind froh, wenn wir überleben“, sagt Jan Möller.

Arbeiten, wo es Arbeit gibt

Die vier Barkeeper vom Balke sind in Kurzarbeit, ansonsten setzt die Muto Heimatgastronomie im Moment nur auf feste Mitarbeiter, die immer an dem Standort eingesetzt würden, wo es gerade Arbeit gebe. Denn die aktuellen Bestimmungen der Corona-Schutzverordnung haben weitreichende Folgen.

Als beispielsweise die Hafenkantine am Phoenix-See geöffnet hatte, sei die Resonanz ganz anders als beim Balke gewesen: „Da haben wir uns gefragt: Wo sind die ganzen Leute, die sonst während ihrer Mittagspause kommen?“, sagt Jan Möller. Wahrscheinlich zuhause. Im Homeoffice.

Deshalb habe man lange überlegt, ob der Betrieb des Freischütz in Schwerte im Dezember überhaupt hochgefahren werden sollte. „Doch unser Grünkohl- und Gänse-Drive-In war ein voller Erfolg.“ So gut, dass das Angebot im Januar fortgesetzt wird.

Drei Gerichte können über den Onlineshop bestellt und freitags abgeholt werden. Der finanzielle Erfolg dabei ist auch für Jan Möller marginal: „Es geht nur darum, Präsenz zu zeigen. Den Freischütz gibt‘s noch!“ Und auch das Personal bleibe so am Ball.

Zusammenhalten, weiterkämpfen

Simo Slaoui hält an seinen Mitarbeiterinnen fest. Im Gegenzug hätten sie angeboten, auf dem Fahrrad die Auslieferung der Speisen zu übernehmen. Ohne Bezahlung. „Das macht unser Team aus“, sagt der BVB-Fan. „Immer zusammenhalten, immer weiterkämpfen, als Mannschaft – wie beim Fußball.“

Die Wohnzimmer Cafébar darf im Moment nur Außer-Haus-Gerichte verkaufen. © Oliver Schaper © Oliver Schaper

Selbst wenn er im März wieder öffnen könne, glaubt er: „Die nächsten fünf Jahre werden hart.“ Die Cafébar am Neuen Graben gibt es seit 2003, am 28. Januar feiert Simo Slaoui den zehnten Jahrestag als Einzelunternehmer. Es wird – voraussichtlich – ein stilles Fest.

„Das Kreuzviertel“, sagt Detlef Lotte, „ist Dortmunds Wohnzimmer der Gastronomie. Und das hat schwer eins auf die Mütze gekriegt.“

„Bloß nicht aufgeben“, sagt Simo Slaoui, „bloß nicht unterkriegen lassen“.

„Wenn der Sommer da ist“, sagt Jan Möller, „wird es weitergehen“.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Sarah Bornemann, Jahrgang 1986, arbeitet seit Oktober 2013 als Redakteurin in der Dortmunder Lokalredaktion. Sie hat Journalistik in Leipzig sowie Germanistik und Soziologie in Münster studiert. Für das Volontariat bei Lensing Media kehrte sie nach sieben Jahren ins Ruhrgebiet zurück.
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