Dortmund droht eine Pleitewelle - vor allem in der Gastronomie

dzCorona-Krise

Nachdem die „Suppen-Fabrik“ Insolvenz angemeldet hat, droht weiteren Unternehmen die Pleite – trotz aller Finanzhilfen. Ein Experte sagt, mit welcher Insolvenzwelle Dortmund rechnen muss.

Dortmund

, 14.04.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Derzeit herrscht Ruhe am Amtsgericht. Glaubt man aber der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, rollt eine Welle von Insolvenzanträgen auf das Gericht zu. „Viele Unternehmen starten trotz einer langen Phase der Hochkonjunktur mit schlechten Voraussetzungen in die vielleicht größte ökonomische Krise der Nachkriegsgeschichte“, sagt Wolfgang Scharf, Geschäftsführer der Creditreform Dortmund/Witten.

Aktuell hat in Dortmund nur die „Suppen-Fabrik“ ihren Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit mit Corona begründet. „Aufgrund der ausbleibenden Gäste und der damit natürlich fehlenden Umsätze waren wir nicht mehr in der Lage, alle Verbindlichkeiten zu bedienen“, sagt Geschäftsführer Pascal Dürr. Mit Martin Strauch eröffnete er das erste Suppen-Restaurant vor zehn Jahren an der Kaiserstraße 43. Es folgten fünf weitere Standorte: an der Saarlandstraße, in Bochum, Münster und zwei in Essen. „Es lief gut“, so Pascal Dürr.

Die Gastronomie ist von Insolvenz am stärksten bedroht

Für Wolfgang Scharf steht fest, dass die „Suppen-Fabrik“ lange nicht das einzige Corona-Opfer in Dortmund bleiben wird. Er verweist darauf, dass mehr als zehn Prozent der bundesdeutschen Unternehmen der Privatwirtschaft, die älter als drei Jahre sind, eine schwache oder gar schlechte Bonitätsbewertung haben.

Es gehe da in ganz Deutschland um etwa 345.000 Unternehmen mit mehr als 1,5 Millionen Beschäftigten. „Auf Dortmund bezogen sind dies knapp über 3.000 Unternehmen mit rund 10.500 Beschäftigten“, sagt der Experte.

Die Suppen-Fabrik in Dortmund

Die Suppen-Fabrik an der Kaiserstraße ist geschlossen. Die Gründer Pascal Dürr und Martin Strauch haben wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie so ziemlich als erste in Dortmund Insolvenz angemeldet. © Christian Gerstenberger

Am allerstärksten bedroht sieht Wolfgang Scharf die Gastronomie. Hier steche die Zahl der insolvenzgefährdeten Unternehmen heraus: „16 Prozent der kleinen Gastronomiebetriebe mit weniger als 50 Beschäftigten, das sind in Dortmund 370, weisen eine schwache Bonitätsbewertung auf.“

Sind die milliardenschweren Hilfsprogramme von Bund und Land also zu einem großen Teil für die Katz? Pascal Dürr von der „Suppen-Fabrik“ erklärt: „Wir haben ein Umsatzproblem, kein Liquiditätsproblem. Im besten Falle hätten wir am 20. April wieder öffnen können. Aber dann sind noch längst nicht die Umsätze aus der Zeit vor der Corona-Krise zu erwarten.“

Wolfgang Scharf von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform Dortmund/Witten sieht viele Betriebe in Dortmund in ihrer Existenz bedroht – trotz aller Finanzhilfen von Bund und Land.

Wolfgang Scharf von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform Dortmund/Witten sieht viele Betriebe in Dortmund in ihrer Existenz bedroht – trotz aller Finanzhilfen von Bund und Land. © Creditreform Dortmund / Witten Scharf KG

Gerade der Gastronomie, die ein sehr margen-armes Geschäft sei, werde doch wahrscheinlich nur stufenweise wieder ein Normalbetrieb erlaubt. „Das heißt, wir reden über einen langen Zeitraum, der über einen Kredit finanziert werden müsste. Wir holen auch nichts nach. Keiner geht für März bis August nochmal Suppe essen“, so Dürr.

Weil auch bei den KfW-Krediten (Kreditanstalt für Wiederaufbau) 20 Prozent der Haftung auf die Gesellschafter übergehen sollten, hat sich Pascal Dürr mit seinem Geschäftspartner Martin Strauch Ende März entschieden, einen Insolvenzantrag zu stellen. „Das war uns zu heiß“, sagen sie.

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Wolfgang Scharf von Creditreform dauert es viel zu lange, bis die Unternehmen das Geld vom Staat bekommen. Er sagt: „Zwar übernimmt beispielsweise die Kreditanstalt für Wiederaufbau mit ihrer Corona-Hilfe Kredit-Bürgschaften, verlangt dafür vom Antragsteller aber auch Sicherheiten.“

Hinzu komme, dass die üblichen Kreditprüfungsmechanismen ebenfalls weiterhin greifen sollen. All das führe zu einer Verlangsamung des Prozesses. „Wenn nach einem Brand nur noch Asche da ist, muss ich nicht mehr löschen; Geld nützt nichts, wenn der Laden pleite und der Geschäftsbetrieb bereits heruntergefahren ist“, so Wolfgang Scharf.

Hoffnung auf „geordnetes Wiederanfahren der Wirtschaft“

Spricht man mit Vertretern der Wirtschaft und der Banken, hört man heraus, dass sie neben den gewaltigen Finanzhilfen des Staates doch sehr auf ein baldiges Ende des Lockdowns, des Stillstands, setzen.

Stefan Schreiber, der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund, lässt sich mit den Worten zitieren: „Die Bundes- und die Landesregierung haben mit den Banken und Sparkassen umfangreiche Pakete zur Unternehmenssicherung auf den Weg gebracht. Diese können aber nur eine vorläufige Unterstützung sein. Um eine mögliche Pleitewelle zu verhindern, wäre ein geordnetes Wiederanfahren der Wirtschaft – selbstverständlich unter Berücksichtigung aller notwendigen gesundheitlichen und hygienischen Aspekte – nötig.“

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Blickt Jan-Hendrik Schwengers, der Sprecher des Amtsgerichts Dortmund, in seine Akten, dann kann er eine Steigerung der Insolvenzeröffnungsanträge für den Monat März noch nicht feststellen. Und auch im April sei es noch ruhig.

„Angesichts der Dynamik der Entwicklung der beiden letzten Wochen dürften viele Unternehmen noch prüfen, ob und gegebenenfalls auf welche Art und Weise eine Insolvenz durch außergerichtliche Sanierungsmaßnahmen und die beschlossenen öffentlichen Hilfen abgewendet werden kann“, sagt Schwengers.

Dass es in der Corona-Krise noch nicht zu einer großen Pleitewelle gekommen ist, dürfte auch an dem eilig geänderten Insolvenzrecht liegen. Wie Jan-Hendrik Schwengers bestätigt, ist die Pflicht, einen Antrag bei Zahlungsunfähigkeit zu stellen, gerade bis zum 30. September ausgesetzt worden. Das dicke Ende droht also möglicherweise im Herbst.

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