FH-Studentin war in Moria: „Es hat jeden zweiten Tag gebrannt“

dzGriechisches Flüchtlingslager

Für ihre Bachelorarbeit war FH-Studentin Jana Stallein aus Dortmund fünf Wochen auf der Insel Lesbos und im Flüchtlingslager Moria. Sie berichtet über Elend, Leid und Hoffnung in der Region.

Dortmund

, 14.10.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Ich dachte, ich habe ein Bild von dem, was mich dort erwartet“, sagt Jana Stallein über die griechische Insel Lesbos. Sie ist Studentin an der FH Dortmund und dreht einen Dokumentarfilm über die Zustände vor Ort. Als sie für die Dreharbeiten Lesbos und das Flüchtlingslager Moria für fünf Wochen besuchte, habe sich ihr Bild jedoch gewandelt.

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Nach mehreren Bränden wurden große Teile des Flüchtlingslagers Moria in der Nacht zum 9. September (Mittwoch) zerstört. Das Lager liegt auf der griechischen Insel Lesbos und gilt als größtes Flüchtlingslager Europas. Beim Ausbruch der Flammen hatte die 26-jährige Jana Stallein die Insel bereits seit vier Wochen verlassen. An ihr vorbei gingen die Geschehnisse aber nicht.

Stallein habe Ausmaße des Brands zunächst unterschätzt

„Ich hatte noch viele Kontakte zu den Leuten, die ich im Camp kennengelernt habe, als das Feuer ausbrach“, sagt sie gegenüber unserer Redaktion. In der Nacht zum 9. September habe sie ein Video vom Feuer zugeschickt bekommen. „Aber in Moria hat es jeden zweiten Tag irgendwo gebrannt“, wird sie in einer Pressemitteilung der FH zitiert.

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„Ich habe mein Handy beiseite gelegt und gedacht, ich schaue es mir morgen früh an“, so Stallein im Gespräch „Dann habe ich am nächsten Morgen die Ausmaße im Fernsehen gesehen und dachte: ‚Jetzt musst du aber schnell deinen Chat aufmachen.“

Sie sei von den Bildern schockiert gewesen: „Ich war sehr traurig. Ich habe die Leute im Camp kennengelernt. Sie waren sehr stolz auf das, was sie aufgebaut haben.“ Jana Stallein berichtet von der Infrastruktur im Camp Moria, etwa wie bei einer kleinen Stadt. Menschen hätten quasi aus dem Nichts eigene Läden aufgebaut; Friseursalons, eine Moschee und Restaurants.

Unterschiedliche Lebenswelten auf Lesbos

Auf der Insel würden unterschiedliche Lebenswelten aufeinanderprallen, wie sie in der Pressemitteilung der FH schildert. „Die Einheimischen sind überfordert und fühlen sich alleingelassen. Die Geflüchteten sehen sich als Gefangene im Lager, müssen nicht nur für jede Mahlzeit stundenlang anstehen, sondern auch für eine Genehmigung, das Lager verlassen zu dürfen.“

Ein Blick auf das Flüchtlingslager Moria deutet die kleine Infrastruktur, aber auch die überfüllten Zustände des Camps an.

Ein Blick auf das Flüchtlingslager Moria deutet die kleine Infrastruktur, aber auch die überfüllten Zustände des Camps an. © Shapes of Lesbos

Trotzdem sieht Stallein auch Parallelen zwischen den Bedürfnissen der Menschen auf Lesbos. Es gebe den griechischen Besitzer eines Restaurants mit wunderschönem Meerblick, der auf die wenigen Touristen warte, und den Geflüchteten, der im Lager Moria eine Kantine betreibe. Stallein meint, beide seien Wirte aus Leidenschaft.

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Stallein dokumentiert in ihrem Film nicht nur das Leid der Flüchtlinge und die schlechten Zustände im Flüchtlingslager. „Lesbos ist eine wunderschöne Insel, auf der es scheint, als wäre die Zeit stehen geblieben“, sagt sie im Gespräch. Die Menschen seien sehr nett; alles wirke etwas altmodisch. „Es gibt viel Musik, die Menschen tanzen und man sieht viel von griechischer Kultur.“

Aufenthalt größtenteils aus eigener Tasche bezahlt

Der Dokumentarfilm „Shapes of Lesbos“ bildet die Bachelorarbeit der 26-jährigen Studentin. Sie habe sich schon lange mit dem Thema Asyl in Europa beschäftigt. Über vergangene Weihnachten und Silvester sei sie bereits mit der Hilfsorganisation Sea-Eye auf Seenotrettungsmission im Mittelmeer gewesen. Eine weitere Mission sei für 2020 geplant gewesen. Diese habe jedoch coronabedingt abgesagt werden müssen.

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Über die Hilfsorganisation Medical Volunteers International (MVI) habe sie einen Kontakt zur Insel Lesbos und zum Camp Moria hergestellt. Die Organisation habe ihr ein Haus in der Hafenstadt Mytilini in Camp-Nähe beschafft. Jana Stallein erklärt: „Ich habe mich kurzfristig noch um Sponsoren für den Film bemüht, das hat aber nicht mehr geklappt. Deswegen musste ich einen Großteil von meinem Ersparten für den Aufenthalt bezahlen.“

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