Mehr Familien mit Kindern sind auf Obdachlosen-Angebote angewiesen

dzCorona-Folgen

Zu Beginn der Corona-Krise drohte der Obdachlosen-Hilfe in Dortmund der Kollaps. Die Stadt sprang ein. Dennoch herrscht weiterhin Unsicherheit. Und es werden drastische Folgen festgestellt.

Dortmund

, 29.06.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es war Mitte März. Die Corona-Krise stand noch am Anfang, doch der Obdachlosen-Hilfe in Dortmund drohte schon zu diesem Zeitpunkt der Zusammenbruch. Mithilfe der Stadt Dortmund konnte das Schlimmste abgewendet werden. Doch trotz diverser Lockerungen gibt es weiterhin große Probleme.

Das Coronavirus macht auch vor denjenigen keinen Halt, die es ohnehin schon schwer haben. Aber auch die, die diesen Menschen helfen wollen, stehen vor großen Herausforderungen. Die anhaltende Krise sorgte bei zahlreichen Obdachlosen in Dortmund für „zum Teil massive psychische Probleme“, wie Bastian Pütter vom gemeinnützigen Verein Bodo berichtet.

Fehlende Infrastruktur wird zum Problem

Der Grund: Tagesstrukturen, Anlaufstellen und Beratungskontakte brachen quasi von heute auf morgen weg. Zwar hätten sich viele Menschen in psychischen Notlagen mittlerweile wieder einigermaßen stabilisiert, allerdings gebe es weiterhin große Probleme, so Pütter.

War es zu Beginn der Pandemie noch der Ausfall vieler ehrenamtlicher Helfer, so hat sich jetzt die Infrastruktur zur Hauptursache für die Sorgen der Obdachlosen-Hilfe entwickelt.

„Die im Lockdown von den Trägern installierten Nothilfen wurden jetzt Stück für Stück heruntergefahren. An Normalbetrieb ist jedoch nicht zu denken, weil die Tageseinrichtungen und Essensausgaben wegen der Schutzkonzepte ihre Räume nicht öffnen dürfen“, unterstreicht Pütter.

„Drei warme Mahlzeiten in der Woche sind zu wenig“

Eine ähnliche Problematik schildert Bernd Büscher, Mitglied im Leitungskreis der Kana-Suppenküche: „Verschiedene Institutionen haben ein ‚Überlebensprogramm‘ mit Lunchpaketen und der Ausgabe von warmen Mahlzeiten auf die Beine gestellt. Die tagesstrukturierenden Aufenthaltsangebote konnte das aber nicht ersetzen.“

Mittlerweile gibt es in der Kana-Suppenküche an den Samstagen wieder Mahlzeiten für Obdachlose. Gemeinsam mit dem Wärmebus, der zweimal in der Woche warme Mahlzeiten ausgibt, könne man den Obdachlosen laut Büscher so an drei Tagen in der Woche eine Verpflegung ermöglichen. „Für Menschen auf der Straße ist das aber zu wenig“, betont er. Im Normalbetrieb versorge man bei der Kana-Suppenküche zwischen 200 und 300 Bedürftige am Tag.

Ein weiterer wichtiger Anlaufpunkt für Obdachlose ist die „Zentrale Beratungsstelle“ der Diakonie. Auch während der anhalten Corona-Krise suchen hier täglich 100 bis 150 Menschen nach Unterstützung. Laut Diakonie-Sprecher Tim Cocu sei mittlerweile auch dort das bestimmende Thema: die fehlenden Tagesaufenthalte.

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„Die Menschen haben zum Teil ihr ‚Wohnzimmer‘ verloren. Das ist eine deutliche Einschränkung, die wir derzeit noch nicht lösen können“, verdeutlicht Cocu.

Viele Familien sind unterversorgt

Ein weiteres Problem sei, dass viele Institutionen und behördliche Stellen noch nicht wieder so erreichbar seien wie zuvor. „Dadurch erschweren oder verlängern sich notwendige Hilfsmaßnahmen. Pro Fall ist deshalb deutlich mehr Aufwand nötig“, so Cocu.

Essensausgabe der Diakonie Dortmund.

So sieht es bei der täglichen Essensausgabe der Diakonie am Wichernhaus aus. © Diakonie

Unterdessen bereitet Bastian Pütter eine weitere Beobachtung große Sorge. Nämlich die zunehmende Armutsproblematik. Man habe zuvor nie Minderjährige bei der Essensversorgung gesehen. Das sei nun anders. „Durch den langen Wegfall von Schul- und Kindergartenversorgung und der Schließzeit der Tafeln gibt es in vielen Dortmunder Familien eine gefährliche Unterversorgung mit Lebensmitteln“, unterstreicht Pütter.

Aus diesem Grund versorge man mittlerweile gemeinsam mit dem Frauenzentrum und dem Gast-Haus inzwischen sogar Familien zuhause.

Wie viele Menschen aktuell in Dortmund derweil als obdachlos gelten und auf der Straße leben, lässt sich nicht seriös beziffern. „Diese Zahl kann nur geschätzt werden. Die zur Verfügung gestellten Angebote werden von etwa 500 Personen genutzt“, erklärt Katrin Pinetzki, Sprecherin der Stadt Dortmund.

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