Familien schotten sich komplett ab - und retten so Kinderleben

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Der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Löwenzahn kann die schwer kranken Kinder zurzeit nicht betreuen. Denn die leben die totale Kontaktsperre - mit ihren Eltern und Geschwistern.

Dortmund

, 31.03.2020, 17:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nähe ist gerade beim Umgang mit schwer kranken Kindern ungemein wichtig. Doch damit ist es nun, zu Zeiten von Corona und Kontaktsperren, für die Mitarbeiter des ambulanten Dortmunder Kinder- und Jugendhospizdienstes Löwenzahn vorerst vorbei.

„Wir dürfen nicht mehr zu den Familien - und die Familien dürfen nicht aus ihrer Wohnung“, beschreibt Löwenzahn-Gründer Thorsten Haase die frustrierende Situation.

Freunde für kranke Kinder

32 Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern und Jugendlichen begleiten die Löwenzahn-Mitarbeiter, entlasten so deren Eltern ein wenig und sind für die jungen Menschen oft zu einem Freund geworden. Ein Freund, den sie nun auf unbestimmte Zeit nicht wiedersehen werden.

„Die Kinder sind gesundheitlich alle vorgeschädigt“, sagt Haase, „vielfach ist ihre Lunge aufgrund der körperlichen Beeinträchtigungen auch räumlich in Mitleidenschaft gezogen.“ Eine Infektion mit dem Coronavirus wäre katastrophal: „Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Kind stirbt.“

Auch wenn sich Kinder und Betreuer nun gegenseitig vermissen, sieht Haase keine andere Möglichkeit, als den Kontakt zueinander komplett zu unterbinden. Die Gesundheit und das Leben haben Vorrang. „Aber das Problem der Betreuer ist vergleichsweise harmlos“, weiß der 58-Jährige, „viel härter ist die Situation für die Familien selbst.“

Denn im Gegensatz zu anderen Menschen, die zumindest zum Spaziergang oder zum Einkauf die eigenen vier Wände verlassen könnten, blieben bei vielen von Löwenzahn betreuten Familien auch die Eltern und Geschwister komplett zu Hause, um sich auf gar keinen Fall zu infizieren und das Leben des kranken Kindes nicht zu gefährden.

„Ungemeine nervliche Belastung“

So kennt Haase einen Fall, in dem fünf Menschen auf 60 Quadratmetern leben und keinen Fuß vor die Tür setzen. „Sie sind komplett abgeschottet. Das ist eine ungemeine nervliche Belastung, die manche Eltern an ihre Grenzen bringt.“

Noch vor kurzem konnte Thorsten Haase mit dem von ihm begleiteten Joel Basketball spielen. Um den 14-Jährigen zu schützen, wird es dazu vorerst nicht mehr kommen.

Noch vor kurzem konnte Thorsten Haase mit dem von ihm begleiteten Joel Basketball spielen. Um den 14-Jährigen zu schützen, wird es dazu vorerst nicht mehr kommen. © Michael Schuh

Um dabei nicht tatenlos zusehen zu müssen, bringen sich die Betreuer nun in anderer Form ein: Sie erledigen die Einkäufe sowie Botengänge für die betroffenen Familien und telefonieren regelmäßig mit ihnen. Allerdings ist das Löwenzahn-Team, das hauptsächlich aus Ehrenamtlichen besteht, derzeit selbst arg dezimiert.

„Zwei Drittel unserer über 50 ehrenamtlichen Helfer sind älter als 60 Jahre“, sagt der Löwenzahn-Gründer, „und sie setzen wir aus Vorsichtsmaßnahmen momentan nicht ein.“ Die Arbeit lastet somit auf den Schultern der jüngeren Helfer, vielfach Studenten. „Die schaffen das“, gibt sich Haase aber zuversichtlich.

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Bei allen Tätigkeiten wird penibel auf Distanz geachtet, um die kranken Kinder und Jugendlichen bloß nicht zu gefährden. Die Eltern stellen die Tasche mit Einkaufsliste und Geld zum Abholen vor die Haustür, bei dem anfallenden Gespräch wird vier bis fünf Meter Abstand gehalten. Wenn die gefüllte Tasche nach dem Einkauf wieder abgestellt wird, desinfizieren die Löwenzahn-Mitarbeiter deren Henkel.

Thorsten Haase weiß nur zu gut, dass die Geschwister des kranken Kindes ebenfalls extrem unter der Situation leiden - schließlich dürfen auch sie die Wohnung nicht verlassen. „Einer unserer Ehrenamtler arbeitet deshalb gerade an einem interaktiven Videokanal, mit dem sie untereinander kommunizieren können.“ Eine technische Hilfe gegen die Langeweile.

Alle Arbeitgeber zeigten Einsicht

Trotz der vielen negativen Nachrichten, die zurzeit das Leben der Menschen prägen, hat Thorsten Haase auch eine positive Erfahrung gemacht. „Bei allen Familien sind die arbeitenden Elternteile aufgrund der besonderen Situation freigestellt worden“, sagt der 58-Jährige und fügt an: „Ein Arbeitgeber, der das nicht macht, dem wäre auch nicht mehr zu helfen.“

Zu siebt unter einem Dach

  • Thorsten Haase betreut unter anderem den lebensverkürzend erkrankten Joel, der mit seinen Eltern und vier Geschwistern unter einem Dach lebt.
  • Joels Mutter Nicole Bieri kann der ungewohnten Situation, den ganzen Tag zu siebt zu verbringen, sogar etwas Positives abgewinnen: „Wir genießen es, mal keine Termine zu haben.“
  • Dass es für andere Eltern momentan aber schwerer ist, kann sich Nicole Bieri gut vorstellen: „Denn wir haben ein großes Haus sowie einen Garten und sind somit privilegiert.“
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