Experte warnt: "Pandemie-Geschehen begünstigt psychische Erkrankungen"

dzMentale Gesundheit

Mit dem Teil-Lockdown im November geht erneut ein zeitweiser Verlust von Freizeitmöglichkeiten einher. Der Verzicht auf ein Stück Alltag kann psychische Erkrankungen begünstigen.

Dortmund

, 31.10.2020, 17:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Frühjahr wurde das öffentliche Leben in Deutschland zeitweise heruntergefahren. Kinos und Kneipen waren dicht, Kitas und Schulen wurden geschlossen. Ein Zustand, den Dr. Harald Krauß, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Dortmunder Marien-Hospital, damals als besondere psychische Belastung für viele Menschen eingeschätzt hat.

Krauß warnte im Gespräch mit der Redaktion davor, dass spätestens zu den Wintermonaten hin ein Anstieg von psychisch erkrankten Patienten zu verzeichnen wäre. Und so ist es wohl auch gekommen. Im aktuellen Gespräch bestätigt Dr. Krauß, dass mittlerweile mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen Hilfe suchen als in den Monaten vor der Pandemie. Und es könnten bald noch mehr werden.

Verschiedene Strategien

„Der Umgang mit einer Situation wie einem Lockdown ist von Mensch zu Mensch verschieden. Jeder hat seine Strategien damit umzugehen. Manchen fällt es leichter, sich auf alternative Freizeitgestaltungen einzustellen oder auf Teile des öffentlichen Lebens zu verzichten“, sagt Dr. Krauß.

Dr. Harald Krauß, Chefarzt der Psychiatrie im Marien-Hospital, ist der Meinung, dass Situationen wie der Lockdown der Vereinsamung von Menschen Vorschub leisten.

Dr. Harald Krauß, Chefarzt der Psychiatrie im Marien-Hospital, ist der Meinung, dass Situationen wie der Lockdown der Vereinsamung von Menschen Vorschub leisten. © JoHo/G.P.Müller

Andere wiederum leugneten die Probleme, die ein Lockdown ihnen bereite, sich selbst gegenüber. Für einen Teil der Menschen bedeute ein weiterer Einschnitt in ihren Tagesablauf einen weiteren Schritt in die Einsamkeit.

Er habe Patienten erlebt, die sich in jüngster Zeit zunehmend zurückziehen würden. „Diejenigen, die jetzt schon nicht mehr das Haus verlassen, laufen Gefahr bald gar nichts mehr zu machen“, sagt der Psychiater.

Kalte Jahreszeit verstärkt Depressionen

Lieferdienste von Supermärkten und Gaststätten, Postversand von jeglichen Waren des täglichen Lebens sowie die technischen Möglichkeiten für den Kontakt mit der Außenwelt auf Distanz leisteten der Isolation Vorschub.

Die kalte und dunkle Jahreszeit verstärke düstere Gedanken, die bei manchen in Depressionen mündeten. Im schlimmsten Fall könne das zu einem Verlust des Lebenswillens führen.

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„Insgesamt könne man von großen psychischen Belastungen sprechen, denen wir derzeit ausgesetzt sind. Auf der anderen Seite scheint die Situation, wie sie sich aktuell mit einem Lockdown darstellt, gleichwohl überschaubarer als im Frühjahr“, so Krauß.

Keine wachsende Unzufriedenheit

Aus persönlicher Sicht und Beobachtung glaubt Dr. Harald Krauß nicht daran, dass alsbald eine große Anzahl von Menschen dem Glauben anheim fallen könnte, dass sie nur noch zur Arbeit gehen, um in ihrer Freizeit daheim die Zeit totschlagen zu müssen.

„Wenn der Lockdown etwas gezeigt hat, dann auch, dass viele Alternativen zu Theaterbesuchen oder gemeinsamen Feiern für sich entdeckt haben. Man geht wieder mehr in die Natur. Auch sportlich kann man sich betätigen, ohne dafür in Fitness-Studios zu müssen“, erklärt Krauß.

Andererseits fragten sich manche seiner Patienten bereits, wie es nach dem „Lockdown Light“ mit dem Alltag weitergehe. Insbesondere, wie die Feiern zum Jahreswechsel aussehen könnten - und in welchem Umfang sie möglich sein werden - machte ihnen Gedanken.

Im Gegensatz zum Frühjahr seien ja nun die Schulen und Kitas geöffnet, weshalb laut Harald Krauß ein wichtiger Belastungsfaktor diesmal wegfalle. Die erwartete Zunahme von häuslichen Konflikten minimiere dies jedoch nicht.

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