Paul Spielhoff führt seit 2016 das Einrichtungsgeschäft Wim Gelhard an der Schliepstraße in der City. Die Zwangsschließung im ersten Lockdown machte ihm große Sorge: „Das war doch eigentlich unvorstellbar.“ © Schaper
Ein Jahr Corona in Dortmund

„Es läuft mir heute noch kalt den Rücken runter“

Ein Jahr Corona in Dortmund: mal mit, mal ohne Lockdown - mit mehr und mit weniger Angst. Händler Paul Spielhoff erlebt die Corona-Pandemie in vielen Facetten - und macht sich aktuell Sorgen.

Alles begann damit, dass plötzlich keiner mehr keinem die Hand gab. Anfang März 2020 breitete sich mit dem Corona-Virus die Angst vor einer Ansteckung aus. Noch nicht so sehr die Angst um das eigene Unternehmen. „Aber die kam dann schnell. Von heute auf morgen hieß es, dass ich mein Geschäft, mein Eigentum nicht öffnen darf. Das war doch bis dahin unvorstellbar“, sagt Paul Spielhoff.

Gut drei Jahre zuvor, im August 2016, hatte er das Einrichtungsgeschäft Wim Gelhard in der City übernommen. „Als Jungunternehmer spürte ich plötzlich eine absolute Leere. Niemand wusste wie es weitergeht. Ich wusste nur, ich hatte einen über zehn Jahre laufenden Kredit, den ich weiter abzahlen muss“, sagt der 32-Jährige.

Eigentlich hatte er alles solide gerechnet und finanziert – auf der Basis eines seit Jahrzehnten gut gehenden Geschäfts, das vor allem hochpreisige Designermöbel verkauft. „In den ersten Tagen des Lockdowns aber hatte ich Existenzangst. Wenn ich an die Zeit denke, läuft es mir heute noch kalt den Rücken runter“, sagt Paul Spielhoff.

Soforthilfe war nicht mehr als „eine schöne Geste“

Die Beruhigungspille von Vater Staat, die die versprochene Soforthilfe zu sein schien, entpuppte sich als Placebo. „Für uns konnten wir 15.000 Euro beantragen. Die haben wir auch bekommen. Aber bei Fixkosten von circa 45.000 Euro im Monat für Kredittilgung, Miete, Nebenkosten und die Aufstockung der Kurzarbeitergelder für meine sieben Mitarbeiter auf 100 Prozent war die Soforthilfe nicht mehr als eine schöne Geste“, sagt Paul Spielhoff.

Gerettet hat ihn im Frühjahrs-Lockdown von März bis Mai, dass ihm sein Vermieter entgegenkam und dass er noch laufende Aufträge hatte. „Bei Möbeln liegen zwischen der Bestellung und der Auslieferung meist sechs bis acht Wochen. Dementsprechend hatten wir einen Puffer.“

Glücklicherweise erlebte er nach der Wiederöffnung dann eine Nachfrage, mit der er nicht gerechnet hatte. „Die Leute waren kaufwillig und haben das Geld, das sie normalerweise für Urlaub oder fürs Ausgehen ausgegeben hätten, für eine neue Couch und ein schöneres Zuhause ausgegeben.“

Corona-Infektionen trotz aller Vorsicht

Auch ohne Existenzangst bestimmte Corona den Alltag aber weiter. „Ich habe zwei kleine Kinder, die oft von den Großeltern beaufsichtigt wurden. Das ging plötzlich aus Angst vor Ansteckung nicht mehr. Und die Kita war dann auch geschlossen und die beiden mussten oft mit ins Geschäft“, sagt Paul Spielhoff.

Die Familien-Organisation war durcheinander gewirbelt. „Das war für uns wie für viele Familien mit berufstätigen Eltern in den zwölf Corona-Monaten eine riesige Herausforderung. In der Firma ist es nicht möglich, sich um die Kinder zu kümmern – und sie in die Notbetreuung zu geben wurde auch argwöhnisch betrachtet“, schildert Paul Spielhoff ein nicht zufriedenstellend aufzulösendes Corona-Dilemma.

Gleichzeitig musste im Geschäft der Super-GAU, wie er es nennt , verhindert werden: die Infektion von Mitarbeitern. „Das war ja lange ein Negativstempel. Aber trotz aller Hygienemaßnahmen mit Desinfektion, Handschuhen und Einwegmasken“, so der Betriebschef, „trotz Abstandszonen und dem totalen Verzicht aller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf Reisen haben wir im Oktober dann zwei Infektionen in der Firma gehabt.“

Corona, das zeigte sich daran, wird noch lange nicht vorbei sein. Und mit dem „Lockdown light“ am 1. November stellte Paul Spielhoff fest: „Indem die Gastronomie geschlossen wurde, zeigte sich, wie eng Handel und Gastronomie miteinander verzahnt sind. Es war nichts mehr los. Das haben wir deutlich gemerkt.“

„Ich hoffe, dass die Kunden wieder zurückfinden“

Die Umsätze seien im November sofort geringer geworden. „Aber“, sagt er, „damit konnte man umgehen. Der harte Lockdown am 16. Dezember war dann ein Einschnitt: „Vor Weihnachten macht man einfach das Mehrgeschäft, für das man das ganze Jahr arbeitet. Das fehlte komplett.“

Zudem hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ja im September versprochen, dass man den Einzelhandel nicht wieder schließen werde. Auf der Ware, die er daraufhin orderte, sitzt Paul Spielhoff heute noch. „Zum Glück haben wir aber immer noch Aufträge, weil wir über Instagram, Telefon und Mail ständig zu erreichen sind und Kunden auch digital Möbel konfigurieren können.“

Nachdenklich ist Paul Spielhoff trotzdem: „Jetzt hat auch der Letzte verstanden, wie Online-Shopping geht. Ich hoffe, dass die Kunden wieder zurückfinden und wir bald wieder Erlebniseinkaufen bieten dürfen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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