Unser Autor ist das erste mal seit über eineinhalb Jahren wieder in einer Disco gewesen, Er hatte es sich anders vorgestellt. © Lukas Wittland
Dortmunder Nachtleben

Erster Discobesuch seit langem – doch Feierlaune kommt nicht auf

Wie ist es, nach so langer Pandemie-Pause in Dortmund mal wieder feiern zu gehen, hat sich unser Autor gefragt. Deshalb zog er los - und erlebte einen Abend, den er sich anders vorgestellt hatte.

Die Treppe zum Silent Sinners bin ich in meiner Studienzeit fast jeden Donnerstag mal mit sicherem, mal mit weniger sicherem Schritt heruntergegangen. Nachdem ich dem Türsteher meinen Impfnachweis und Ausweis gezeigt habe, gehe ich sie jetzt das erste Mal seit mehr als eineinhalb Jahren. So lange war der kleine Club an der Möllerbrücke in Dortmund geschlossen. So lange war ich in keiner Disco mehr.

Am Samstag laufe ich diese Treppe mit Vorfreude herunter, aber auch mit einem mulmigen Gefühl. Wird es komisch, sich wieder zwischen tanzenden Menschen durchzuschieben?

Die Menschen wollen wieder raus

Am Samstag zuvor (4.9.) tanzten zum ersten Mal wieder Menschen in Dortmunder Clubs. Vor dem Nightrooms etwa bildeten sich lange Schlangen. Die Menschen scheinen wieder rauszuwollen, um das wegzutanzen, was sich in eineinhalb Jahren angestaut hat, die Rituale des Feierns wieder zu durchleben – und da ist der erste Schritt meist das Vortrinken.

Mit Lucas und einem alten Basketball-Kumpel von ihm treffe ich mich am Samstag zunächst auf ein Bierchen am Bergmann-Kiosk, dann trinken wir noch ein paar Bier in meiner Wohnung. Frido ruft an: „Was geht heute?“ „Komm rum.“ Beim Feiern sei er aber raus, sagt Frido. Er müsse am nächsten Tag schließlich auf dem Platz stehen und Fußball spielen.

Ein Vortrink-Stillleben.
Ein Vortrink-Stillleben. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Ein paar Gläser Wein später kommt er mit, als wir aufbrechen. Bislang also alles beim Alten. Lucas‘ Kumpel vom Basketball ist da schon zu anderen Freunden weitergezogen. Aber nicht ohne vorher sein schlechtes Gewissen zu betonen und da man betrunken dazu neigt, etwas pathetisch zu werden, anzufügen: „Das ist wie bei ‚Herr der Ringe‘: Die Gefährten sind auch nicht einfach gegangen und haben Frodo mit dem Ring alleine gelassen.“

Das Wegbier hat seinen eigentlichen Zweck zurück

Eigentlich sei genau das passiert, merkt Frido an. „Die haben doch alle ihr eigenes Ding gemacht und Frodo ist weiter nach Mordor gelatscht.“ So weit ist es für uns zwar nicht bis zum Sinners, ein paar torkelnde Orks kommen uns um halb 2 aber schon entgegen. In der Hand haben wir verbliebenen drei Gefährten ein Wegbier, das endlich wieder seinen eigentlich Zweck als Überbrückungsbier erfüllt und nicht länger ein Alles-ist-dicht-spazieren-wir-mit-einem-Bier-durch-die-Stadt-Bier ist.

Auf dem Weg zum Sinners klingeln wir noch ein- oder zweimal, vielleicht auch häufiger bei einem Kumpel, der eigentlich zugesagt hatte, dass er mitkommen wolle, dann aber einen Rückzieher gemacht hat. Schlauerweise hat er Klingel und Handy ausgestellt. Wir honorieren das mit einer freundlichen Nachricht auf seiner Mailbox.

Leicht getrübt: Lucas, ich und Frido (v.l.)
Leicht getrübt: Lucas, ich und Frido (v.l.). © RN © RN

Warum erzähle ich das so ausführlich? Es sind diese kleinen Dinge, die man auch über den Abend hinaus im Gedächtnis behält, wegen der man trotz der Kopfschmerzen an nächsten Morgen – oder sagen wir Mittag – schmunzeln muss, wenn man sich wieder erinnert: Ach, das war ja auch noch.

Nur eine Handvoll Leute an der Bar

Es sind Kleinigkeiten, die man jetzt wieder erlebt, weil man rausgeht, weil man ein Ziel hat. Und ich erzähle sie auch, weil uns das Sinners an diesem Abend nicht wirklich so richtig mitreißt. Dabei ist es bis auf die Maske, die wir tragen, erst mal wie immer. Treppe, Verzehrkarte, Garderobe, Jacken abgeben. Da haben wir schon gesehen: Die Tanzfläche ist ziemlich leer. An der Bar steht eine Handvoll Leute.

Der Eingang des Silent Sinners.
Der Eingang des Silent Sinners. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Als wir an dem Schild vorbeigehen, auf dem steht, dass wir hier keine Masken mehr tragen müssen, merken wir alle drei, dass wir uns trotz des etwas mulmigen Gefühls auf einen prallgefüllten Club gefreut hatten. Jetzt tanzen ein paar Leute auf der Tanzfläche vor dem DJ-Pult, an dem gerade eine DJane aus Berlin auflegt. Ein bisschen enttäuscht sind wir schon, schließlich hatten wir uns dann doch in einer fröhlichen Menge gesehen.

Und ich kenne das Sinners eigentlich anders. Donnerstags waren hier vor Corona immer viele Studenten, irgendwen kannte man immer, drinnen war es stickig. Jetzt pumpt die Lüftung mit deutlich mehr Kraft als vorher frische Luft in den Raum. Abstandhalten ist bei dreißig Leuten kein Problem.

War‘s das schon wieder mit dem Feiern?

Am Wochenende zuvor hatte es hier bei der Wiedereröffnung noch anders ausgesehen. Auf Videos ist zu sehen, wie Menschen dicht gedrängt vor dem DJ-Pult feiern. War‘s das jetzt also schon wieder mit dem Feiern oder kommt das alles noch zu früh?

Auf der Tanzfläche des Silent Sinners war ia Samstag nicht all zu viel los.
Auf der Tanzfläche des Silent Sinners war am Samstag nicht allzu viel los. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Der Abend im Sinners ist am Samstag wohl eine Ausnahme im Dortmunder Nachtleben. „Wir sind begeistert über den Zulauf“, sagt Yves Gredecki, Inhaber des Weinkellers am Montag, als ich ihn anrufe. „Wir hatten fünfmal auf, fünfmal waren wir ausverkauft.“ Es sei keine Zurückhaltung zu spüren. „Die Leute sind super euphorisch.“ Er habe schon ein paar mal Gänsehaut bekommen, sagt er und schickt ein Video, auf dem Partygäste den DJ bei der Zwei-Stunden-Party am Mittwoch versuchen, mit Zugabe-Rufen zum Weitermachen zu bewegen.

Auch im Moog sei es so voll gewesen wie bei der Wiedereröffnung, sagt Geschäftsführer Till Hoppe. „Man merkt, dass die Leute einiges nachzuholen haben. Die Partys jetzt sind ausgelassener als vor der Pandemie.“ Aber auch dieser Zulauf werde wieder abebben, glaubt er. „Hoffentlich nicht so bald.“

„Es hat zwei, drei Songs gedauert, dann war es wie früher“

Vielleicht auch einfach ein schlechter Tag im Sinners. MLM, DJ-Kumpel von Sinners-Inhaber Sebastian Noetzel, sieht das am Abend nicht so, als wir im Außenbereich des Sinners auf einer Bank quatschen. Sebastian habe noch zu tun, er würde mir deshalb was erzählen. Die beiden legen Disco-Musik auf, zusammen bilden sie das Duo Discocolada. Sie haben um 22 Uhr angefangen. Nach der Berliner DJane sind sie wieder dran.

Sinners-Inhaber Sebastian Noetzel (r.) und sein DJ-Kumpel MLM bilden zusammen das Duo Discocolada.
Sinners-Inhaber Sebastian Noetzel (r.) und sein DJ-Kumpel MLM bilden zusammen das Duo Discocolada. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Einmal haben sie in Hamburg nach der Pandemie wieder vor Publikum aufgelegt, jetzt sind das erste Mal wieder im Sinners. „Es hat zwei, drei Songs gedauert, dann war es wie früher“, sagt MLM, der nur seinen DJ-Namen nennen möchte. „Wir sind halt Musik-Freaks, das ist unser Hobby.“ Streams würden nicht für das gleiche Gefühl sorgen.

„Das sind nicht wir. Wir brauchen die Leute als Feedback, wie sie uns wahrscheinlich zum Tanzen. Du kannst dich mit deinem Fußball alleine in den Garten stellen, richtig Spaß macht es aber nur, wenn noch zehn andere dabei sind. Die Musik ist unser Ball, der Klub unsere Mannschaft.“

Der Magen knurrt um kurz vor 5 Uhr

Über die geringe Zahl der Menschen, die am Samstag im Sinners sind, will er nicht so richtig reden. Die Hauptsache ist, dass wieder welche zu der Musik tanzen, die sie spielen. „Mein Job ist hier heute, die Leute zu unterhalten, aber sie unterhalten mich genauso.“

Stillleben eines Discobesuchs.
Stillleben eines Discobesuchs. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

So richtig in Tanzlaune kommen Lucas, Frido und ich aber nicht. Auch nicht, als ein guter Kumpel vorbeikommt, den ich länger nicht gesehen habe. Aber eine Regel gilt im Sinners scheinbar auch trotz der Pandemie: Irgendwen kennt man hier immer. Ansonsten war‘s eher ein mauer Abend. Sowas gibt es scheinbar auch in der grundsätzlichen Euphorie. Wie Feiern hat es sich trotzdem angefühlt – inklusive knurrendem Magen um kurz vor 5 Uhr.

Wir peilen die beiden Dönerläden an der Rheinischen Straße kurz vor der Dorstfelder Brücke an. Als wir ankommen, machen sie gerade sauber, wir gehen leer aus. Läuft irgendwie nicht. Der Abend endet mit Nudeln und Tomatensoße in meiner Küche.

Über den Autor
Volontär
Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland

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