Erben für 250.000 Euro gesucht: Vermögen von Dortmunderin seit 15 Jahren ohne Besitzer

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Die Dortmunderin Johanna Berndt ist seit 15 Jahren tot – und hat eine Viertelmillion hinterlassen. Die Erbensuche ist kompliziert. Beim Amtsgericht Dortmund laufen 188 ähnliche Verfahren.

Dortmund

, 16.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Johanna Berndt hat nach ihrem Tod ein Puzzle hinterlassen. Eines mit gefühlt 5000 Teilen. Wenn alles richtig zusammengesetzt ist, freuen sich ihre Erben über 250.000 Euro. Doch die müssen erst einmal gefunden werden. Die Suche dauert nun schon fast 15 Jahre. Bleibt sie erfolglos, kassiert der Fiskus das Geld.

Johanna Berndt ist am 29. Dezember 1919 in Posen geboren und wohnte zuletzt in Dortmund, wo sie am 15. Dezember 2004 starb. Alleinstehend. Sie war zwar verheiratet, hatte aber keine Kinder.

Ihr einziger, ebenfalls kinderloser Bruder hatte bereits vor ihr das Zeitliche gesegnet. Weil es kein Testament gibt und nach Johanna Berndts Tod kein Erbschein beantragt wurde, beauftragte das Nachlassgericht einen Nachlassverwalter, der das Erbe regeln sollte.

Je mehr Geld vorhanden, desto länger wird gesucht

Doch im Fall von Johanna Berndt fand der Nachlassverwalter keine Erben und übergab die Aufgabe an eine professionelle Erbenermittlerin. „Man gibt die Akte aber nur weiter, wenn die Sache tatsächlich lohnend erscheint“, erläutert Amtsgerichtssprecher Jan Schwengers: „Je mehr Geld vorhanden ist, desto länger wird gesucht. Bei 50 Euro macht man keine großen Anstrengungen.“

Bei Johanna Berndt lohnt es sich. Ihre Akte liegt nun in einer grauen Pappmappe bei Sybille Wolf-Mohr in Iffezheim, einem kleinen Ort bei Baden-Baden. Sybille Wolf-Mohr ist seit 31 Jahren in dem Beruf tätig und auch Sprecherin des Verbandes Deutscher Erbenermittler (VEED). „Dieser Fall ist ganz besonders“, sagt sie, „denn es gibt keinen einzigen in Deutschland lebenden Verwandten.“

Viele Cousins und Cousinen

Doch Verwandte hatte Johanna Berndt jede Menge. Nur die meisten leben nach bisherigen Erkenntnissen in Polen. Vater und Mutter von Johanna Berndt – in der gesetzlichen Erbfolge ihre nächsten Erben – hatten je acht Geschwister. Und diese wiederum hatten auch jeweils ähnlich viele Kinder.

Das bedeutet, dass die Dortmunderin sehr viele Cousins und Cousinen hatte. Doch diese verzweigten Verwandtschaftslinien im Stammbaum aufzuspüren, erfordert eine detektivische Recherchearbeit auf einschlägigen Seiten im Internet, bei Standesämtern, in Archiven und Kirchenregistern. Dass dabei auch in Polen die europäischen Datenschutzrichtlinien ihre Gültigkeit haben, macht die Arbeit der Erbenermittler nicht einfacher.

Sybille Wolf-Mohr setzt bei der Erbensuche einen polnischen Historiker als freien Mitarbeiter ein. Trotzdem bleiben Nachforschungen im Osten ein schwieriges Pflaster; denn die meisten Unterlagen wurden in den Feuersbrünsten des Zweiten Weltkrieges vernichtet oder gingen verloren.

Ermittelte Erben sind mitunter skeptisch

Aber auch ein lohnendes Pflaster. „Gerade in der Region Dortmund, Essen, Hagen und Herdecke haben sehr viele Menschen aus dem Osten nach dem Weltkrieg ihren Beruf und ihre neue Heimat gefunden“, sagt Sybille Wolf-Mohr.

Neben der Beschaffung von Urkunden sei es mitunter schwer, den ermittelten Nachlassempfängern begreiflich zu machen, dass sie Erben sind. „Sie sind skeptisch und fragen sich, kann das überhaupt sein?“

Inzwischen hat die Erbenermittlerin zwei bis drei Erben von Johanna Berndt aufgespürt. Sie können aber gegenwärtig die Erbschaft nicht erhalten, weil ungeklärt ist, wie viele weitere Erben in den Geschwister-Stämmen sind.

Es gibt keine Fristen für die Erbenermittlung. Es dauert so lange, wie es dauert. Das Vermögen bleibt also in der Warteposition. Erst nachdem alle Möglichkeiten abschließend ausgeschöpft sind, darf die Erbenermittlung auch bei Erfolglosigkeit eingestellt werden.

Öffentliche Aufforderung, Erben zu melden

Aufgrund einer Erkrankung des Nachlassverwalters kam es im Fall von Johanna Berndt offensichtlich zu Missverständnissen. Das Nachlassgericht jedenfalls war davon ausgegangen, dass die Erbenermittlung auch weiterhin fruchtlos bleiben wird.

Deshalb veröffentlichte es am 14. August im Bundesanzeiger eine sogenannte öffentliche Aufforderung, innerhalb von sechs Wochen Informationen über unbekannte Erben zu melden. „Die Ampel stand für das Gericht auf Grün“, so Gerichtssprecher Schwengers. Die Sechs-Wochen-Frist sei der „allerletzte Versuch“, den Fiskus beim Erbe außen vor zu lassen.

Allerdings, ergänzt er, könnten Erben auch noch 30 Jahre später Ansprüche anmelden und einen Erbschein beantragen. Bei entsprechenden Nachweisen zahle der Staat das Geld zurück.

Gibt es auch nur einen einzigen lebenden Erben, kann der Staat nicht als Erbe einspringen. Unter Johanna Berndts Verwandtschaft sind es bereits zwei, die sich von Sybille Wolf-Mohr vertreten lassen. „Erbermittler werden auf Erfolgsbasis honoriert“, sagt sie. Das sind in der Regel 30 Prozent der Nachlass-Summe.

188 Verfahren laufen in Dortmund

Wäre sie nicht fündig geworden, würden die 250.000 Euro von Johanna Berndt an das Land NRW gehen, vereinnahmt von der Bezirksregierung Arnsberg. Aus Dortmund wurden im vergangenen Jahr 14 neue Erbenermittlungsfälle gemeldet und im laufenden Jahr bislang 13, berichtet Behördensprecher Christoph Söbbeler. Den Geldwert, der dahinter steht, konnte er nicht beziffern.

Beim Amtsgericht in Dortmund wurden in 2019 bislang 30 Verfahren abgeschlossen. Aktuell laufen188 Erbenermittlungsverfahren, darunter Erbschaften von rund 35.000 Euro, 28.000 Euro und 13.500 Euro zuzüglich Grundbesitz in einer Kleingartenanlage. Für sie gibt es eine öffentliche Aufforderung. Die sprichwörtlich fröhlichen Erben sollen sich melden.

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