Bald soll im Dortmunder Impfzentrum jeder die begehrte Corona-Impfung bekommen können – unabhängig vom Alter oder davon, ob man zu einer Risikogruppe gehört. © Kevin Kindel
Corona-Impfungen

Ende der Impf-Priorisierung? Super, sagen Mediziner – unter 3 Bedingungen

Ab Juni soll keine Reihenfolge mehr bei der Corona-Impfung gelten. Die Priorisierung soll aufgehoben werden. Was halten Dortmunder Experten davon? Drei Meinungen.

Bund und Länder haben sich am Montag (26.4.) darüber beraten, wie es mit den Coronaschutz-Impfungen in Deutschland weitergehen soll. Ein Ergebnis dieses Impfgipfels: Die Impf-Priorisierung soll aufgehoben werden. Spätestens im Juni soll sich jeder Bundesbürger impfen lassen können, unabhängig von Alter oder möglicher Vorerkrankung.

Dieser angekündigte Fahrplan stößt bei drei Dortmunder Medizinern, die wichtige Rollen in der Bekämpfung der Corona-Pandemie einnehmen, auf unterschiedliche Haltungen.

Priorisierung ist wichtig, um die Todesfälle gering zu halten

Professor Dr. Carsten Walz, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut der TU Dortmund, erklärte am Montagabend in der ARD-Sendung „Hart aber fair“, warum er kein Freund der frühen Aufhebung der Impf-Priorisierung ist.

Es gehe bei der Impf-Reihenfolge darum, „möglichst viele Menschenleben zu retten und verlorene Lebensjahre zu retten“ – und das gelinge nur, wenn die Risikogruppen zuerst geimpft werden, so Watzl.

Immunologe Prof. Dr. Carsten Watzl ist kein großer Freund der aufgehobenen Impf-Priorisierung. © Oliver Schaper © Oliver Schaper

Der Immunologe sagte, dass es derzeit noch nicht genug Impfstoff gebe, „um uns aus dieser dritten Welle rauszuimpfen“. Krankenhausaufenthalte und Todesfälle könnten laut Watzl nur verhindert werden, wenn eben diejenigen Menschen geimpft würden, die ein hohes Risiko hätten, schwer an Covid-19 zu erkranken. Und das seien eben über 60-Jährige und Menschen mit Vorerkrankungen.

Moderator Frank Plasberg brachte das Argument ein, dass es derzeit mehr jüngere Menschen mit schweren Covid-19-Erkrankungen auf den Intensivstationen gebe, die zwar nicht versterben würden, aber eben länger ein Bett belegten.

Immunologe Watzl räumte zwar ein, dass das ein Problem sei, aber die Inzidenz wiederum bei den Älteren gesunken sei, weil sie durch die Impfung geschützt seien. Ein gutes Zeichen, findet Watzl: „Nur so können wir die meisten Leben retten und die Intensivstationen offen halten.“

Randgruppen müssen für Impfungen sensibilisiert werden

Der medizinische Leiter des Dortmunder Impfzentrums Dr. Reinhard Büker findet die geplante Aufhebung der Impf-Priorisierung zwar „mehr als sinnvoll“, allerdings erst, nachdem die „Prio-Gruppe 3“ (unter anderem Menschen ab 60 Jahren) geimpft wurde. Das sei seiner Einschätzung nach spätestens ab Mitte Mai der Fall.

Der medizinische Leiter des Impfzentrums auf Phoenix-West Dr. Reinhard Büker hofft, dass der Impfneid mit dem Ende der Priorisierung vorbei ist. © Stephan Schütze © Stephan Schütze

Für Reinhard Büker ist es dann wichtig, dass auch die „Randgruppen der Gesellschaft“ bei den Impfungen ins Boot geholt werden. Also all die Menschen, die vielleicht nicht die aktuelle Nachrichtenlage verfolgen oder eine hohe Skepsis gegenüber der Impfung verinnerlicht haben.

Der medizinische Impfzentrumsleiter findet, dass sobald wie möglich so viel geimpft werden sollte wie möglich. Das führe auch dazu, dass die Impfungen „entkriminalisiert“ würden, also es zu weniger Impfneid komme, weil eben jeder theoretisch an eine Dosis rankommen könne. Das sei natürlich alles abhängig davon, wie viel Dosen verfügbar seien.

Impfungen muss auf mehrere Schultern verteilt werden

Das sieht Dr. Prosper Rodewyk ähnlich. Der Innenmediziner ist der Dortmunder Bezirksstellenleiter der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Rodewyk begrüßt zwar die Aufhebung ebenfalls, „aber es muss auch Impfstoff vorhanden sein“.

Innenmediziner und KVWL-Bezirksstellenleiter Dr. Prosper Rodewyk findet, dass das Impfen auf mehr Schultern verteilt werden sollte. © KVWL © KVWL

Schwierigkeiten sieht er allerdings bei der Impfstoff-Verteilung. In seiner Praxis werde auch geimpft und das sei ein großer Aufwand. Die Mitarbeiter der Praxis arbeiteten die Mittagspause durch und zum Feierabend zusätzlich noch zwei Stunden länger, da die Impfungen viel Zeit kosteten.

Es sei laut Rodewyk wichtig, dass in allen ärztlichen Praxen zukünftig geimpft werde, also auch bei Fachärzten, nicht nur bei den Hausärzten. Wenn in den rund 160.000 Arztpraxen, die es laut des Mediziners in Deutschland gebe, jeweils 20 Leute pro Woche geimpft würden, sei das der richtige Weg. „Das flächendeckende Impfen funktioniert nur auf mehreren Schultern“, so Rodewyk.

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Freier Mitarbeiter
1990 im Emsland geboren und dort aufgewachsen. Zum Studium nach Dortmund gezogen. Seit 2019 bei den Ruhr Nachrichten. Findet gerade in Zeiten von Fake News intensiv recherchierten Journalismus wichtig. Schreibt am liebsten über Soziales, Politik, Musik, Menschen und ihre Geschichten.
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