321 Vogelarten sind in Dortmund nachgewiesen. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse des Buches „Dortmunder Vogelwelt“. Es bietet für Naturfreunde viel Wissenswertes – und Erschreckendes.

Dortmund

, 18.12.2019, 17:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sag mir, wo die Blumen sind, sang Marlene Dietrich in den 1960er-Jahren. Sag mir, wo die Vögel sind, könnte das Motto für Dr. Erich Kretzschmar und Benjamin Hamann-Tauber sein. Die beiden Biologen haben in zweieinhalb Jahren akribischer Arbeit gemeinsam mit zahlreichen Mitstreitern für den Stadtverband des Naturschutz-Bundes (NABU) die Dortmunder Vogelwelt erforscht und Erkenntnisse dazu zusammengetragen. Herausgekommen ist ein 448 Seiten dickes Buch.

„Es ist kein Bestimmungsbuch. Diesen Anspruch haben wir nicht“, erklärt Erich Kretzschmar, der sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für den Vogelschutz engagiert. Für Dortmunder, die an ihrer Umwelt und Natur vor der Haustür interessiert sind, bietet das Buch aber weit mehr. Es ist gewissermaßen eine Art Wanderführer für Vogelfreunde.

Emscher, Phoenix-See und Co: Wo seltene Vogelarten in Dortmund Station machen

Dr. Erich Kretzschmar und Benjamin Hamann-Tauber mit dem neu erschienenen Buch zur Dortmunder Vogelwelt. © Oliver Volmerich

Anders als der 2003 erschienene und längst vergriffenen „Dortmunder Brutvogelatlas“ beschreibt das Buch auch Durchzügler und Wintergäste, oft ergänzt mit Fotos von Dortmunder Naturfotografen. Die Darstellung der einzelnen Arten mit ihrem Vorkommen, der Brut- und jahreszeitlichen Verbreitung, ihrer Bestandsentwicklung, Gefährdung und ihrem Schutz werden illustriert durch Verbreitungskarten und Durchzugsdiagramme.

22 Naturgebiete

Das Buch stellt aber nicht nur die 321 in Dortmund nachgewiesenen Vogelarten in Text und Bild vor, sondern verrät auch, wo man die teilweise sehr seltenen Vogelarten eventuell beobachten kann. Denn die Autoren stellen 22 Gebiete in Dortmund vor, an denen teils seltene Vogelarten brüten oder zumindest durchziehen. Und das geht weit über die bekanntesten Natur- und Vogelschutzgebiete wie die Hallerey oder den Lanstroper See hinaus.

Zu erfahren ist etwa, dass sich mittlerweile auch am Phoenix-See seltene Vogelarten entdecken lassen. „Der Schilfgürtel dort ist die größte zusammenhängende Schilffläche in Dortmund“, erklärt Kretzschmar. Und damit ist er Lebensraum für Vogelarten wie den Schilfrohrsänger oder den Drosselrohrsänger.

Historische Entwicklung

Erschreckende Erkenntnisse liefert das Buch wegen seiner historischen Perspektive. Denn die Vogelkundler zeigen mit Hilfe alter Aufzeichnungen, wie sich Natur und Vogelwelt in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Die ältesten Aufzeichnungen zur Vogelwelt in Dortmund stammen von 1920, berichtet Erich Kretzschmar. Im Jahr 1934 gab es die erste Vogelliste, inzwischen werden aktuelle Beobachtungen online gesammelt. Allein ein Portal liefert aktuell fast 400.000 Einträge für das Dortmunder Stadtgebiet. Insgesamt wurden schätzungsweise fast eine Million Meldungen gesichtet und analysiert.

Immer weniger Brutplätze

Die erschreckende Erkenntnis: Viele Vogelarten wie der Kiebitz oder auch der Feldsperling sind innerhalb von rund 15 Jahren als Brutvögel fast völlig aus Dortmund verschwunden, wie Vergleichskarten mit den Brutstellen zeigen. „Da gibt es Rückgänge um mehr as 90 Prozent. Und das gilt für etwa ein Dutzend Vogelarten“, berichten die Experten.

Ein Grund dafür ist neben der immer intensiver werdenden Landwirtschaft der fortschreitende Strukturwandel. Denn Industriebrachen, die teilweise über Jahrzehnte brach lagen und so zum Naturraum wurden, werden nun neu genutzt, erklären die Experten. Und das verdrängt die tierischen Bewohner, die sich dort zwischenzeitlich ausgebreitet haben.

Zuzug aus dem Mittelmeer-Raum

Auf der anderen Seite tauchen neue Vogelarten wie der Stelzenläufer oder der Seidenreiher auf, die eher im Mittelmeerraum zuhause sind. „Da lässt der Klimawandel grüßen“, sagt Kretzschmar.

Aber es gibt auch positive Entwicklungen. „Gut entwickelt hat sich in den letzten Jahren die ganze Emscherschiene“, stellt Erich Kretzschmar fest. Entlang des renaturierten Flusses sind neue Auenlandschaften entstanden, die Raum für die Tier- und Pflanzenwelt bieten.

Emscher, Phoenix-See und Co: Wo seltene Vogelarten in Dortmund Station machen

Dr. Erich Kretzschmar auf Beobachtungstour. Das Regenrückhaltebecken in Mengede ist eines der neuen Naturparadiese, in denen seltene Vogelarten zu beobachten sind. © Stephan Schütze

Eines der bedeutendsten Vogelbeobachtungsgebiete ist so das riesige Regenrückhaltebecken an der Emscher in Mengede im äußersten Nordwest-Zipfel Dortmunds geworden. Auch das gehört zu den 22 Gebieten, die im Buch ausführlich beschrieben werden.

Das Buch „Dortmunder Vogelwelt“ mit 448 Seiten kostet 24,90 Euro und ist seit dem 18. Dezember beim NABU Dortmund und in vielen Dortmunder Buchhandlungen erhältlich.

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