Soziales Wohnprojekt: Eltern bauen Wohngemeinschaft für Jugendliche und Erwachsene mit Handicap

dzElterninitiative

Sie haben jahrelang auf einen Platz in einer Wohngruppe für ihre Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen gewartet. Jetzt gründen fünf Familien auf eigene Faust ein Wohnprojekt.

Sölderholz

, 20.11.2020, 15:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Familien des Vereins „Wohnen ohne Handicap e.V.“ verbindet das gleiche Schicksal: Ihre Kinder sind von Geburt an körperlich und geistig behindert. Sie benötigen viel Unterstützung, möchten aber auch selbstständiger werden. Unabhängiger von ihren Eltern – genauso wie andere Jugendliche und junge Erwachsene auch.

Doch in Dortmund ist es nicht einfach, einen geeigneten Platz in einer Wohngruppe für die Kinder zu finden. Deshalb haben die Eltern kurzerhand einen Verein gegründet und stellen nun selbst ein soziales Vorzeigeprojekt auf die Beine: eine eigene Wohngruppe.

Ehemaliges Gemeindehaus wird zum Traumhaus

Nachdem die Idee einer eigenen Wohngruppe ausgesprochen wurde, ging alles ganz schnell, erzählen die Familien rückblickend. Die Suche nach einem geeigneten Haus war bald nach der Idee beendet und ausschlaggebend für die zeitnahe Verwirklichung.

„Wir haben so schnell ein geeignetes Haus gefunden, dass wir dann beschlossen haben, das Projekt zu verwirklichen und einen Verein zu gründen“, erzählt Andrea Stiegler, Mitbegründerin des Vereins „Wohnen ohne Handicap“.

Das ehemalige Gemeindezentrum wurde im Dezember 2019 entwidmet, bis zum Sommer 2022 soll hier eine Wohngemeinschaft entstehen.

Das ehemalige Gemeindezentrum wurde im Dezember 2019 entwidmet, bis zum Sommer 2022 soll hier eine Wohngemeinschaft entstehen. © Jörg Bauerfeld

Der Verein übernimmt das Gemeindehaus der evangelischen Georgsgemeinde in Sölderholz, das im Dezember 2019 entwidmet wurde und ohnehin zum Verkauf angeboten werden sollte.

„Wir hatten dem Pfarrer auf einer Feier von der Idee erzählt und er meinte ‚Wenn ihr ein Haus braucht, wir haben eins‘“, erzählt Familie Stiegler. „So kam eins zum anderen.“ Der Pfarrer, Dietrich Biederbeck, ist froh darüber: „Wir freuen uns, dass das Haus weiterhin sozial genutzt wird.“

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„Hier wird sich das Leben abspielen“

In dem Haus am Mühlenwinkel 37 stehen den Familien rund 500 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Hier sollen Wohnräume für acht Bewohner entstehen. Außerdem ist ein großer Gemeinschaftsraum inklusive Wohnküche geplant.

Dieser sei besonders wichtig für die Familien, denn: „In dem Raum sollen die Bewohner spielen, essen, lachen – hier werden sie die meiste Zeit verbringen“, erklärt Familie Stiegler.

Normalerweise treffen sich die Familien wöchentlich, um an dem Haus zu arbeiten oder zu planen.

Normalerweise treffen sich die Familien wöchentlich, um an dem Haus zu arbeiten oder zu planen. © "Wohnen ohne Handicap e.V."

Ihr Sohn, Tim Stiegler, ist 21 Jahre alt und leidet an einer seltenen genetischen Krankheit, wegen der er seit seiner Geburt auf die Betreuung anderer angewiesen ist.

Ausziehen wolle er aber genauso wie andere Söhne in dem Alter, erzählen die Stieglers. „Uns ist es wichtig, dass wir hier ein eigenes Zuhause schaffen, eine Wohngemeinschaft, so ähnlich wie in einem Studentenwohnheim auch.“

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Die Motivation dahinter sei der Wunsch, jungen Erwachsenen mit Handicap ein weitestgehend selbstständiges Leben zu ermöglichen. „Wie anderen jungen Menschen in ihrem Alter, hier wird sich das Leben abspielen“, so die fünf Familien, die den Verein gegründet und das Wohnprojekt angestoßen haben.

Wohnprojekt in der Form einzigartig

Das soziale Projekt unterscheidet sich außerdem noch einmal von anderen betreuten Wohngruppen. Die Besonderheit: Hier werden sowohl Jugendliche, als auch Erwachsene gemeinsam einziehen – das hat es in der Form noch nicht gegeben.

„Zunächst war es daher etwas schwierig, aber jetzt sind wir optimistisch, dass alles klappt“, erzählt Kirsten Schneider, Mitbegründerin des Projekts.

Jetzt stünde noch die Abwicklung mit der Kirche und den Ämtern aus. Die Finanzierung des Wohnprojekts sei nur mithilfe verschiedener Fördergelder und Spenden umsetzbar.

Die Familien des Vereins „Wohnen ohne Handicap“ planen, Mitte 2021 mit dem Umbau des Hauses beginnen zu können, damit ihre Kinder im Sommer 2022 dort einziehen können.

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